Die drei grössten Gefahren für die Wirtschaft

Wird die Wertschöpfungskette der globalen Wirtschaft durch die Katastrophe in Japan unterbrochen? Steigt der Ölpreis noch höher? Und was geschieht mit den amerikanischen Staatsanleihen?

Schwieriger Gang zur Arbeit: Geschäftsleute am ersten Montagmorgen nach dem verheerenden Tsunami.

Schwieriger Gang zur Arbeit: Geschäftsleute am ersten Montagmorgen nach dem verheerenden Tsunami. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer die apokalyptischen Bilder gesehen hat, ist überzeugt, dass der wirtschaftliche Schaden immens sein muss. Der Eindruck täuscht nicht. Die Nomura Bank spricht von Kosten, die deutlich höher sein werden als beim Erdbeben von Kobe 1995. Sie haben sich damals auf insgesamt 118 Milliarden Dollar belaufen.

Die Reaktionen sind denn auch heftig ausgefallen: In Tokio ist der Nikkei-Index um 6,2 Prozent gefallen. Die Bank of Japan (BoJ) hat umgehend gehandelt und 265 Milliarden Dollar liquide Mittel zur Stützung des Finanzsystems zur Verfügung gestellt. Sie will auf jeden Fall verhindern, dass die japanische Wirtschaft wieder in eine Rezession zurückfällt.

Grösste Verschuldung aller Staaten

Die Chancen, dass die Politik der BoJ Erfolg haben wird, stehen gut. Denn trotz der immensen kurzfristigen Schäden ist rein ökonomisch gesehen die Bewältigung der Naturkatastrophe für eine Volkswirtschaft wie die japanische kein Problem. Im Gegenteil, die «Financial Times» zitiert sogar einen hohen Regierungsbeamten, der vor Jahresfrist ausländische Gäste mit dem Satz schockiert haben soll: «Was die japanische Wirtschaft braucht, ist ein richtig kräftiges Erdbeben.» Was hat er damit gemeint?

Die japanische Wirtschaft befindet sich seit Jahren in einer sogenannten «balance sheet recession». Das heisst: Überschuldete Privathaushalte und Unternehmen konsumieren und investieren zu wenig. Um eine Deflation – ein Schrumpfen des Bruttoinlandprodukts – zu verhindern, muss der Staat massiv eingreifen. Das hat Japan auch getan und weist deshalb die grösste Verschuldung aller Staaten aus. Ein Erdbeben hingegen vernichtet viele Güter, ohne ein grösseres Angebot zu schaffen. Es zwingt somit Unternehmen und Haushalte zu investieren und zu konsumieren. Ökonomisch gesehen ist ein Erdbeben vergleichbar mit einem Krieg. Und vergessen wir nicht: Es war der Zweite Weltkrieg, der die Grosse Depression, die «balance sheet recession» der 30er-Jahre, beendet hat.

Schock vernachlässigbar?

Hochentwickelte Volkswirtschaften wie Japan können zudem Schocks wie ein Erdbeben viel besser verkraften als arme Länder. Haiti ist nach wie vor wirtschaftlich am Boden. Nach dem Erbeben von Kobe erholte sich Japan erstaunlich rasch: Schon nach 15 Monaten arbeitete die Wirtschaft wieder mit 98 Prozent ihrer Kapazität und nach 18 Monaten waren sämtliche Läden wieder aufgebaut. Dabei hatte man zuvor geschätzt, dass dieser Aufbau mindestens zehn Jahre in Anspruch nehmen würde.

Ist der wirtschaftliche Schock des Erdbebens somit vernachlässigbar? Nicht ganz. Japan und die Weltwirtschaft sind mit drei Gefahren konfrontiert:

  • Der weltweiten Wertschöpfungskette, der sogenannten «supply chain», drohen Unterbrüche. Was heisst das? Die Weltwirtschaft ist heute vernetzt wie noch nie. Laptops, Autos und Handys werden heute aus Teilen zusammengesetzt, die rund um den Globus gefertigt werden. Japan ist ein wichtiger Bestandteil dieser Kette: ein bedeutender Hersteller von Chips und hochwertigen Werkzeugmaschinen. Sollte die japanische Wirtschaft längere Zeit ausfallen, dann sind die Folgen bald rund um den Globus spürbar.
  • Der Ausfall von mehreren Atomkraftwerken verschärft die bereits angespannte Lage an der Energiefront. Japan ist der drittgrösste Ölimporteur der Welt. Experten schätzen, dass sich mittelfristig der Import von Öl um täglich 375'000 Fass erhöhen könnte. Weil der Erdölmarkt sehr unelastisch ist, haben selbst kleine Veränderungen der Nachfrage eine grosse Wirkung auf den Preis. Ein weiterer Ölpreisschock käme für die Weltwirtschaft in einem sehr dummen Moment.
  • Japan ist ein wichtiger Käufer von amerikanischen Staatsanleihen. Für Nippon waren diese Anlagen stets eine Art Rückversicherung für den Fall eines grossen Erdbebens. Jetzt ist dieser Fall eingetroffen und Japan wird seine Versicherung in Anspruch nehmen. Will heissen: Japan wird kaum noch T-Bonds kaufen, sondern allenfalls gar verkaufen. Auch China hat langsam mehr als genug von US-Staatsanleihen und tritt kürzer. In den USA selbst hat Pimco, der grösste Bondhändler, angekündigt, sich von amerikanischen Staatsanleihen zu trennen. Damit besteht die Gefahr, dass die USA zur Finanzierung ihrer nach wie vor immensen Staatsschulden die Zinsen auf ihren Staatsanleihen drastisch erhöhen müssten. Das ist – nebst steigenden Ölpreisen – ungefähr das Letzte, was die von der Krise nach wie vor angeschlagene Weltwirtschaft brauchen kann.

Erstellt: 14.03.2011, 19:52 Uhr

Diskussion

Sind Sie der Meinung, dass die Schweiz aus der Kernenergie aussteigen soll?

Artikel zum Thema

Japan pumpt Milliarden in den Markt – Nikkei gibt deutlich nach

Die japanische Notenbank lässt nach dem schweren Erdbeben weitere Milliarden in den Markt einfliessen. Das Programm zum Wertpapierkauf werde um umgerechnet 44 Milliarden Euro 350 Milliarden Euro aufgestockt. Mehr...

Sorgen in Japan drücken auf Wallstreet-Kurse

An der New Yorker Börse machten sich heute bei Handelsbeginn grosse Ängste über die Lage in Japan bemerkbar. Vor allem eine Firma ist von der Atomkrise direkt betroffen. Mehr...

Der Anfang vom Ende?

Analyse Die Debatte um neue AKW ist nicht nur vertagt, sie ist wohl endgültig abgesagt. Dazu gibt es mythische und wirtschaftliche Gründe. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...