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Die gefährliche Renaissance des Handelskriegs

Donald Trump hat die Lunte zu einem Wirtschaftskonflikt mit China gelegt. Die Geschichte zeigt: Gewinner wird es nicht geben.

Robert Mayer
«China ist bereit für eine blutige Schlacht»: Die Warnung von Chinas Präsidenten Xi Jinping. (Video: Tamedia/AFP)

Das Wort «Handelskrieg» erlebt derzeit eine unheimliche Renaissance. Politiker, Wirtschaftsführer und Kommentatoren nehmen es fast täglich in den Mund – die einen, um zu drohen, die anderen, um vor den Konsequenzen zu warnen. Mit einem Handelskrieg verbinden sich zumeist die bösen Erinnerungen an die 1930er-Jahre, als die USA die Importzölle drastisch erhöhten, um ursprünglich ihre Farmer und dann auch die Industrie zu schützen.

Doch setzten die Amerikaner mit dieser Abschottungspolitik eine fatale Abwärtsspirale in Gang, welche die Grosse Depression erheblich verschärfen sollte. Denn als Folge der höheren US-Zölle kollabierte die Nachfrage im weltweiten Massstab, was andere Länder dazu zwang, ihre Währungen abzuwerten und ihrerseits Handelsbarrieren aufzurichten.

Aktuell beabsichtigt wiederum eine amerikanische Regierung, einseitig die Importzölle zu erhöhen. Morgen Freitag werden die bereits beschlossenen Zölle von 25 Prozent auf Stahl und 10 Prozent auf Aluminium in Kraft treten. Immerhin sollen neben Kanada und Mexiko nun noch eine Reihe weiterer Länder zumindest vorderhand davon ausgenommen werden, so die 28 EU-Staaten sowie Argentinien, Brasilien, Australien und Südkorea. Diese Angaben machte der US-Handelsbeauftragte Robert Lighthizer heute bei einer Anhörung vor dem Kongresss. Im Laufe des Abends will sich auch Präsident Donald Trump zum Thema äussern.

Von ihm wird erwartet, dass er darüber hinaus Strafzölle auf über 100 chinesische Produkte verhängen wird, die von Schuhen, Kleidung und Möbeln bis zu Spielzeug und Konsumelektronik reichen. Mit dieser Zusatzbelastung von 50 bis 60 Milliarden Dollar pro Jahr will Washington die Chinesen für den «Diebstahl» von geistigem Eigentum und technologischem Know-how bei US-Firmen bestrafen.

Gefährliche Ingredienzen

Ein Handelskrieg wird gemeinhin definiert als ein wirtschaftlicher Konflikt zwischen Staaten, in dem gegenseitige Importrestriktionen verhängt werden mit dem Ziel, den Aussenhandel des Kontrahenten zu schädigen. Die von der Administration Trump vorgesehenen Schutzzölle und die Drohungen der betroffenen Länder, umgehend mit eigenen Zöllen gegen ausgewählte Importprodukte aus den USA zu antworten, fallen zweifellos unter diese Definition.

Was diesen Konflikt aus Sicht vieler Beobachter besonders gefährlich macht, ist die Begründung der Amerikaner, es handle sich hierbei um eine Frage der nationalen Sicherheit. Damit wird ein Fass aufgemacht, vor dem man bisher aus guten Gründen zurückgeschreckt ist: Anderen Regierungen wird es nun leicht(er) fallen, ebenfalls Sicherheitsinteressen ins Feld zu führen, um sich vor unliebsamer Konkurrenz abzuschotten.

Die Eskalationsspirale wartet nur darauf in Gang gesetzt zu werden.

Ein zweites besorgniserregendes Element kommt hinzu: Trump hatte die EU-Länder zuvor bereits gewarnt, ihre Autoausfuhren in die USA mit einem 25-prozentigen Strafzoll zu belegen, falls sie als Reaktion auf allfällige Stahl- und Aluminiumzölle ihrerseits amerikanische Produkte «bestrafen».

Brüssel stellte in Aussicht, US-Einfuhren im Wert von 3,5 Milliarden Dollar mit einem Zoll von 25 Prozent zu belegen; davon sollen vor allem landestypische Produkte wie Jeans, Whiskey oder Harley-Davidson-Motorräder betroffen sein. Eine transatlantische Eskalation ist zwar nun vorerst abgewendet, aber ähnliche Vorbereitungen zu Gegenmassnahmen wie die EU hat laut Medienberichten auch China getroffen: Das Land zielt demnach auf US-Bundesstaaten und -Industriezweige, in denen die Unterstützung für Trump besonders gross ist; im Vordergrund sollen dabei Agrarprodukte stehen.

«Handelskriege sind eine gute Sache und leicht zu gewinnen», sagt Trump – die Geschichte das Gegenteil.

Wie die Wirtschaftsforscher und -berater der Londoner Oxford Economics in einer Simulationsrechnung ermittelt haben, sollten die Zölle der USA in der Grössenordnung von 60 Milliarden Dollar das chinesische Wachstum im laufenden Jahr um rund 0,1 Prozentpunkte schmälern; 2019 dürfte der Effekt noch geringer sein. Doch dabei wird es eben kaum bleiben, und je nach den verhängten Retorsionsmassnahmen könnten die Kollateralschäden für andere Volkswirtschaften laut Oxford Economics beträchtlich sein.

Schwer einzuschätzen sind insbesondere die Folgewirkungen eines Handelskriegs, die von einer Stimmungsverschlechterung bei Unternehmen und Konsumenten sowie an den Finanzmärkten ausgehen. Leidtragende eines solcherart geschmälerten Risikoappetits, so erwarten Ökonomen, dürften vor allem aufstrebende Länder sein; sie müssten mit einem verstärkten Kapitalabfluss und höheren Zinskosten rechnen.

Dies gilt es vor Augen zu halten angesichts von Schätzungen, wonach ein globaler Handelskrieg die weltwirtschaftliche Leistungserbringung in den nächsten paar Jahren um 1 bis 3 Prozentpunkte dämpfen könnte. Was als aggregierte Grösse auf den ersten Blick noch einigermassen tragbar erscheinen mag, ist für einzelne Länder und Ländergruppen sehr wohl mit dramatischen Einschnitten verbunden.

Sicher ist auf jeden Fall, dass aus einem Handelskrieg keine Gewinner hervorgehen werden. Die Aussage von Trump, wonach «Handelskriege eine gute Sache und leicht zu gewinnen sind», wird von der Geschichte eindrücklich widerlegt. Der globale Wirtschaftskollaps in den 1930er-Jahren ist der augenfälligste Beleg hierfür.

Gerade die USA verfügen über jüngeres Anschauungsmaterial dazu, wie einseitig verhängte Importzölle letzten Endes die eigene Volkswirtschaft schädigten. Die vom damaligen Präsidenten George W. Bush 2002 eingeführten Schutzzölle für Stahl liessen die US-Wirtschaftsleistung um 30 Milliarden Dollar schrumpfen und vernichteten landesweit etwa 200’000 Arbeitsplätze, wie Wirtschaftsforscher ermittelten.

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