Die grosse Wette gegen den Aufschwung

Die Eurozone verzeichnet das stärkste Wachstum seit Jahren. Ausgerechnet jetzt setzt der weltgrösste Hedgefonds Bridgewater auf sinkende Aktienkurse – in grossem Stil.

Wettet 22 Milliarden Dollar auf rückläufige Aktienkurse grosser Unternehmen in Europa: Ray Dalio, Gründer und Chef des Hedgefonds Bridgewater.

Wettet 22 Milliarden Dollar auf rückläufige Aktienkurse grosser Unternehmen in Europa: Ray Dalio, Gründer und Chef des Hedgefonds Bridgewater. Bild: Brian Snyder/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ray Dalio, der Gründer des heute weltweit grössten Hedgefonds Bridgewater Associates, gibt der Anlegergemeinde Rätsel auf. Über die letzten Wochen und Monate hat er eine Wette im Umfang von 22 Milliarden Dollar auf sinkende Aktienkurse bei einer Reihe von grossen europäischen Konzernen aufgebaut. Das Portfolio reicht von Allianz und Airbus über BASF, Siemens und Unilever bis zu Banken, insbesondere italienische.

Ungewöhnlich an dieser Positionierung ist aus Sicht von Marktbeobachtern, dass Bridgewater bei seiner Anlagepolitik bislang nicht auf die Bewertung einzelner Aktien, sondern auf gesamtwirtschaftliche Analysen abgestellt hat. Womöglich geht es dem Hedgefonds, der Vermögen von rund 160 Milliarden Dollar verwaltet, auch gar nicht um die Aussichten der einzelnen Titel. Vielmehr, so die Vermutung, hat er seine Positionen in Anlehnung an den Börsenindex Euro Stoxx 50 aufgebaut. In diesem Index ist die Crème de la Crème der europäischen Konzerne enthalten, sodass er für Investoren eine breite Abdeckung für den Alten Kontinent ermöglicht.

Aktien verkaufen, wenns am schönsten ist

Doch damit stellt sich gleich die nächste Frage: Was veranlasst Bridgewater zu einer derart grossen Wette gegen Europa just zu einer Zeit, in der es mit der Eurozone wirtschaftlich so steil aufwärts geht wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr, die Stimmung bei Unternehmen und Konsumenten so gut ist wie selten zuvor und der Ausblick auf das laufende und kommende Jahr von Zuversicht geprägt ist? Dalio hat bis jetzt zu seinen Beweggründen eisern geschwiegen.

Dass sich Bridgewater gegen europäische Vorzeigeunternehmen positioniert hat, ist auch nur deshalb bekannt geworden, weil die Publizitätsvorschriften der EU dies verlangen. Demnach müssen Wetten auf sinkende Kurse der Börsenaufsicht des betreffenden EU-Landes gemeldet werden, wenn sie 0,2 Prozent der Aktien eines Unternehmens übersteigen; beim Überspringen der 0,5-Prozent-Schwelle müssen die Wetten öffentlich gemacht werden.

Die Agentur Bloomberg meint die Erklärung zu Ray Dalios Börsenpositionierung gegenüber Europa gefunden zu haben. In einem letzte Woche erschienenen Beitrag wird auf eine vom Hedgefonds-Manager entwickelte Checkliste für den besten Zeitpunkt zum Verkauf von Aktien verwiesen: dann nämlich, wenn eine Wirtschaft rund läuft und in Richtung Vollbeschäftigung tendiert und die Zinssätze zu steigen beginnen.

Dieses Anforderungsprofil zum Aktienausstieg würde eigentlich besser zu den USA passen als zur Eurozone, wo der Weg zur Vollbeschäftigung noch weit ist und höhere Leitzinsen wohl erst im nächsten Jahr ein Thema sein werden. Möglicherweise, so werweissen Marktbeobachter, sei Dalio gegenüber US-Aktien noch skeptischer eingestellt als gegenüber europäischen – nur lässt sich dies nicht erhärten, weil Bridgewater allfällige Wetten in den USA nicht offenlegen muss. Die Erwartung sinkender Aktienkurse in Europa könnte dann einfach auf der Annahme des Hedgefonds beruhen, dass die Börsen diesseits des Atlantiks mit in den von Amerika ausgehenden Abwärtsstrudel geraten werden.

Italien-Wahlen als Stimmungsdämpfer?

Andere Beobachter erinnern daran, dass Bridgewater seine Wetten auf sinkende Kurse ursprünglich auf italienische Finanztitel beschränkte und der Hedgefonds den Fokus nach wie vor vergleichsweise stark auf Italien ausgerichtet hat. Mag das mit Blick auf die dortigen Parlamentswahlen am 4. März geschehen sein? Jedenfalls stimmen die Wahlprognosen auch und gerade aus Investorensicht alles andere als zuversichtlich: Eine Regierungsbildung dürfte sich als ziemlich schwierig erweisen, und populistische und europakritische Strömungen – allen voran die Fünf-Sterne-Bewegung – werden vermutlich ihre Präsenz im Parlament noch einmal ausbauen können.

Das sind keine erbaulichen Voraussetzungen für eine Volkswirtschaft, die zu den wachstumsschwächsten in Europa gehört, eine Arbeitslosenrate von gegen 11 Prozent verzeichnet, ein unterkapitalisiertes Bankensystem aufweist und einen der weltweit höchsten Schuldenberge mit rund 2300 Milliarden Euro oder 132 Prozent der Wirtschaftsleistung vor sich herschiebt. Was ausländische Beobachter besonders beunruhigt: Die Frage, wie Italiens Strukturen reformiert und erneuert werden müssten, um dem Land zu mehr Dynamik und Wohlstand zu verhelfen, spielt im Wahlkampf bestenfalls eine nachrangige Rolle. Dabei würde die drittgrösste Wirtschaft der Eurozone beim derzeitigen Wachstumstempo noch mehr als sechs Jahre benötigen, um nur schon ihren gesamtwirtschaftlichen Ausstoss von vor der Finanzkrise zu erreichen.

Gut möglich also, dass die italienischen Wahlen und die wohl ungewissen Perspektiven für unser südliches Nachbarland der verbreiteten «Europhorie» einen Dämpfer versetzen werden. Ernüchterte Investoren mögen ihren Blick dann wieder stärker auf die strukturellen und institutionellen Schwach- und Bruchstellen in der Eurozone richten, die durch das solide Wachstum der letzten beiden Jahre nichts von ihrer Brisanz eingebüsst haben. Niemand würde sich mehr über eine solche Wende freuen als Bridgewater-Chef Ray Dalio. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2018, 20:55 Uhr

Artikel zum Thema

Der Meinungswechsel des Hedgefonds-Managers

Never Mind the Markets Vor fünf Jahren prophezeite Ray Dalio einen «schönen Schuldenabbau». Daraus ist nichts geworden. Zum Blog

Die Rechnung der rechten Angstmacher

Analyse Die Lega hetzt, und Berlusconi hält still: Das Trauerspiel vor den Wahlen in Italien. Mehr...

Dicke Post aus Amerika

US-Hedgefonds-Manager halten jetzt das grösste Aktienpaket an Clariant. Und sie machen Stimmung gegen die geplante Fusion mit der US-Firma Huntsman. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eingewickelt in Bananenblätter: Ein «Schlammmensch» nimmt auf den Philippinen am Taong Putik Festival teil. (24. Juni 2019)
(Bild: Ezra Acayan) Mehr...