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Die grüne Insel im Meer von Schulden

Irland steht das Wasser schon fast bis zur Grasnarbe. Das Land hat soviel Schulden, wie die ganze Volkswirtschaft in einem Jahr an Wert erarbeiten kann. Der Ton in der Bevölkerung verschärft sich.

«Die Reichen sollen zahlen»: Eine ältere Dame passiert ein Graffiti in Dublin.
«Die Reichen sollen zahlen»: Eine ältere Dame passiert ein Graffiti in Dublin.
Keystone

Wer in Dublin ankommt, wird gleich an bessere Zeiten erinnert. Das futuristische neue Flughafengebäude, die hübsche Innenstadt - auf den ersten Blick erinnert kaum etwas an die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise, die das kleine Land seit 2008 durchleiden muss. Doch die Iren werden ungeduldig. «Wie lange wird die Regierung noch im Amt sein?» fragen etwa Radiomoderatoren offen. «Wie lange lässt sich der Steuerzahler noch zur Kasse bitten?»

Die Regierung versucht, den Groll das Volkes auf die Banken umzulenken. «Die Menschen in Irland sind zurecht verärgert über die Banken, die rücksichtslos Geld verliehen haben», sagt Finanzminister Brian Lenihan. Allein die verstaatlichte Anglo Irish Bank wird mehr als 30 Mrd. Euro staatliche Finanzspritzen erhalten. Er will damit auch seine eigene Haut retten. Der Ton in Irland wird schärfer. «Man glaubt Ihnen nicht mehr», sagt ein Reporter frank und frei zu Lenihan. «Das akzeptiere ich nicht», entgegnet der.

Neuverschuldung auf EU-Rekordhoch

Und er hat nicht einmal unrecht. Anders als in Griechenland hat die Regierung von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Lenihan und Ministerpräsident Brian Cowen haben klar aufgezeigt, wie schlecht es um das Bankensystem und - nach verschiedenen milliardenschweren Rettungsmassnahmen des Staates - auch um den Staatshaushalt bestellt ist.

Nur wollte es zuerst kaum jemand hören, weil man mit Griechenland genug zu tun hatte. Inzwischen ist die Gesamtverschuldung auf fast 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gestiegen, die Neuverschuldung kletterte auf den EU-Rekord von 32 Prozent.

Die Maastricht-Verträge erlauben 60 Prozent Staatsschulden und 3 Prozent Neuverschuldung. Das schafft aber selbst EU-Musterschüler Deutschland im Moment nicht. So verliert Irlands Finanzminister trotz der immensen Schulden nicht den Mut. «Wir haben nichts versteckt», sagt er und geht den dornigen Weg des Sparens.Aber selbst wenn er das geplante Einsparvolumen von 3 Mrd. Dollar für nächstes Jahr verdoppeln würde: Die Krise mit einem Vielfachen dessen an Schulden löst das lange nicht.

Kleiner Mann hart getroffen

Der staatliche Sparkurs wird den kleinen Mann hart treffen. «Ich glaube nicht, dass wir Krankenhäuser oder Schulen schliessen müssen», sagt Lenihan wenig verheissungsvoll. Seine Hoffnung ruht unter anderem darauf, dass nicht allzu viele von den faulen Krediten, die der Staat den Banken abkaufen musste, wirklich platzen. Mit viel Glück könnte die bevorstehende Verstaatlichung der Allied Irish Bank langfristig sogar noch zum Geschäft werden.

In zehn Jahren, sagt Lenihan, will er das Gröbste geschafft haben. Dazu sollen auch erneut ausländische Investoren auf die Insel gelockt werden, wie Premierminister Brian Cowen erst vor Tagen bekanntgab. Schon jetzt ist Irland wegen grosszügiger Steuergeschenke ein Tummelplatz für die Europazentralen grosser US- Unternehmen, etwa aus der Elektronik- oder Pharmabranche.

Eine wirkliche Alternative zu der Strategie, das Land am eigenen Schopf aus der Krise zu ziehen, haben die Iren ohnehin nicht. «Das einzige, was wir noch hätten machen können, ist die Schuldenlast zu leugnen und immer wieder Geld ins System zu schiessen», sagt er. Dann wäre es wirklich zum zweiten Griechenland gekommen.

SDA/jak

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