Zum Hauptinhalt springen

Die letzten Fans des Euro

Überall wird zurzeit am Euro gezweifelt. Nicht so in Estland: Obwohl es dem Kleinstaat wirtschaftlich gut geht, erhoffen sich Regierung und Bevölkerung viel vom Einstieg in die kriselnde Euro-Zone.

17. Mitglied der Euro-Zone: Estland freut sich auf den Eintritt.
17. Mitglied der Euro-Zone: Estland freut sich auf den Eintritt.

Die Euro-Zone gibt derzeit ein wenig einladendes Bild ab: Die Überschuldung einiger Mitgliedsländer nagt am Vertrauen in die europäische Gemeinschaftswährung, die Regierungen schnüren milliardenschwere Rettungspakete und zanken sich über die richtigen Lehren aus der Krise. Schwarzmaler prophezeien gar einen Zerfall des Währungsblocks. Inmitten dieser ungemütlichen Stimmung führt am 1. Januar Estland als 17. Staat den Euro als Zahlungsmittel ein – mit Rückenwind aus der Bevölkerung.

In einer von der Regierung in Tallinn in Auftrag gegebenen Umfrage sprachen sich zuletzt 52 Prozent der Esten für den Euro aus, 39 Prozent lehnten ihn ab. In einer unabhängigen Erhebung war der Abstand zwischen Befürwortern und Gegnern etwas geringer: Während 49 Prozent der Befragten die europäische Währung begrüssten, wollten 43 Prozent an der estnischen Krone festhalten.

Bis zu 1 Prozent mehr Wirtschaftswachstum pro Jahr werde der Euro dem Land in den kommenden zwei Dekaden bringen, sagt der estnische Wirtschaftsminister Juhan Parts und beruft sich dabei auf Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF). «80 Prozent unseres Aussenhandels wickeln wir innerhalb der Europäischen Union ab. Der gemeinsame Markt bringt Vorteile für alle von uns.» Ministerpräsident Andrus Ansip setzt auf die «Stabilität» und den Schutz vor Spekulanten, die der Euro-Beitritt mit sich bringe. Der Wechselkurs der Krone ist bereits seit 2002 an den Euro gekoppelt.

Auch kritische Stimmen

Die Gegner der Euro-Einführung befürchten allerdings, dass Estland durch die Gemeinschaftswährung Schaden nehmen wird. «Wie lange kann ein System, dessen Mitglieder die Stabilitätskriterien nicht einhalten, noch bestehen?», sagt etwa Anti Poolamets, Chef einer estnischen Anti-Euro-Bewegung. Ausserdem beklagt er den Verlust der Kontrolle über die Währungspolitik. Während der fast fünf Jahrzehnte mit dem sowjetischen Rubel hätten die Entscheidungsmöglichkeiten bei null gelegen, sagt Poolamets. «Und in der Euro-Zone wird es genauso sein.»

Estland ist nach Slowenien und der Slowakei das dritte Land aus dem ehemaligen Ostblock, das den Euro einführt. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 stellte die damalige Regierung radikal von der Plan- auf die Marktwirtschaft um. In den kommenden Jahren erwarb sich Estland dank seines beeindruckenden Wirtschaftswachstums den Ruf des «baltischen Tigers», 2004 folgte die EU-Mitgliedschaft. Bereits 2007 versuchte die Regierung in Tallinn den Beitritt zur Euro-Zone, scheiterte aber, weil die boomende Wirtschaft damals die Inflation zu stark nach oben getrieben hatte.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise erwischte auch Estland kalt. Die Wirtschaftsleistung brach 2009 um 14,1 Prozent ein, einem der stärksten Rückgänge weltweit. In diesem Jahr wächst die estnische Wirtschaft dagegen Schätzungen zufolge wieder um 2,5 Prozent, auch für 2011 wird mit einem stabilen Wachstum gerechnet.

Gute Haushaltsdisziplin

Bei der Haushaltsdisziplin hat sich Estland in der Vergangenheit als Musterschüler erwiesen – und dürfte damit im Kreise der Euro-Staaten das auf eine Sparpolitik pochende Lager um Deutschland unterstützen. Während einige Euro-Staaten 2009 zweistellige Defizite einfuhren, lag der Fehlbetrag im estnischen Budget mit 1,7 Prozent des BIP deutlich unter der erlaubten Marke von 3 Prozent. Zwischen 2002 und 2007 erwirtschaftete Estland sogar Haushaltsüberschüsse, ab 2013 soll das Budget laut den Zielen der Mitte-rechts-Regierung erneut schwarze Zahlen ausweisen.

Andrus Saalik, hochrangiger Mitarbeiter im estnischen Finanzministerium, sieht sein Land daher als Vorbild. «Die aktuelle Situation zeigt, dass viele andere EU-Staaten einen Sparkurs wie Estland fahren müssten», sagt Saalik. Angesichts der EU-Hilfen für Griechenland und Irland und der problematischen Haushaltslage in Ländern wie Portugal oder Spanien dürfte die Bundesregierung diese Töne gerne hören. Die Stimme Estlands, das gerade einmal 1,3 Millionen Einwohner zählt, dürfte im Club der Euro-Staaten aber kaum ins Gewicht fallen.

(AFP)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch