«Die SNB wird nicht voreilig handeln»

Warum ist der Euro gerade jetzt so stark? Und wie viel schwächer wird der Franken noch? Dazu UBS-Schweiz-Chefökonom Daniel Kalt.

Plus 6 Prozent in einem Jahr: Der Euro-Franken-Kurs. (Screenshot: Finanzen.ch)

Plus 6 Prozent in einem Jahr: Der Euro-Franken-Kurs. (Screenshot: Finanzen.ch)

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Der Franken ist so schwach wie seit Januar 2015 nicht mehr. Warum verliert er gerade jetzt an Wert?
Das liegt an einer Kombination aus verschiedenen Faktoren. Einerseits haben sich auf politischer Ebene die Risiken reduziert; etwa mit der Wahl von Emmanuel Macron in Frankreich oder der Zurückbindung der Cinque-Stelle-Bewegung in Italien. Gleichzeitig sehen wir eine starke konjunkturelle Dynamik in Europa. Vor allem in Deutschland brummt der Wirtschaftsmotor, trotz Diesel-Skandal. Und schliesslich hat die Euro-Stärke viel mit der Dollar-Schwäche zu tun: Die US-Notenbank zögert, die Zinsen weiter zu erhöhen, und Donald Trump schadet der Währung mit seinen wiederholten Stolperern.

Wie viel stärker kann der Euro noch werden?
Die Bewegung nach oben war zuletzt sehr heftig und schnell. Darum schliessen wir nicht aus, dass es bald eine Verschnaufpause geben könnte. Unsere Prognose lautet aber nach wie vor, dass der Euro-Franken-Kurs sich mittel- und längerfristig auf die 1.16 zubewegen wird. Daran halten wir momentan fest. Kurze Gegenbewegungen sind aber nicht ausgeschlossen.

Wie stark hilft die Nationalbank nach?
Die Sichtguthaben der Banken bei der SNB sind ein sehr guter Indikator dafür, wie stark die Nationalbank den Franken schwächt. In der Phase vor den französischen Wahlen haben diese Guthaben teilweise um bis zu 4 Milliarden Franken pro Woche zugenommen, was heisst, dass die SNB stark interveniert hat. Kaum waren die französischen Wahlen vorbei, gingen die Volumen massiv zurück. In den letzten Wochen hat die SNB offenbar nicht mehr interveniert. Die Bewegung kam also primär vom Markt selbst.

Die gute Konjunktur in Europa hat den Euro also gestärkt. Gleichzeitig könnte ein starker Euro die Wirtschaft aber wieder ausbremsen, oder?
Man muss das in einen grösseren Zusammenhang setzen. 2013 lag der Euro gegenüber dem US-Dollar noch bei 1.40. Dann sackte er ab auf 1.05. Diese massive Abwertung hat der Eurozone seither deutlich Rückenwind verliehen. Im Moment liegt der Euro gegenüber dem Dollar bei rund 1.18. Das heisst: Erst knapp die Hälfte der massiven Abwertung ist wieder rückgängig gemacht. Insofern dürften die Konsequenzen eines stärkeren Euros für die Konjunktur noch überschaubar sein. Auch, weil die Binnenkonjunktur in der Eurozone angezogen hat.

Auch für alle Touristen, die gerade im Euroraum in den Ferien sind, ist ein starker Euro schlecht. Wie sehr bekommen sie die Aufwertung zu spüren?
Wer heute nach Italien, Griechenland oder Spanien in die Ferien fährt, zahlt nun 1.14 Franken für den Euro, und nicht mehr 1.08 wie noch vor einem Jahr. Die Pizza oder Paella kostet also rund 6 Prozent mehr. Gleichzeitig profitiert aber der Schweizer Tourismus, weil Ferien für Europäer hier wieder billiger werden. Der Effekt ist zwar nicht riesig, aber er kommt der Tourismusbranche sicher gelegen.

Gleichzeitig profitiert die Schweizer Wirtschaft vom schwächeren Franken. Wie sehr?
Sie profitiert auf zwei Ebenen. Einerseits, weil die gute Wirtschaftslage in Europa die Nachfrage ankurbelt. Andererseits, weil der schwächere Franken die preisliche Wettbewerbsfähigkeit erhöht; einige Exportfirmen können ihre Margen wieder ausweiten und ihre Gewinnsituation verbessern. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der Dollar gegenüber dem Franken schwächer geworden ist – was für all jene Firmen ein Problem ist, die in den Dollarraum exportieren. Das kompensiert einen Teil der Euro-Aufwertung wieder.

Trotzdem gibt es Experten, die verkünden, der Frankenschock sei vorbei. Stimmt das?
Mit solchen vorschnellen Aussagen wäre ich vorsichtig. Eben wegen des schwachen Dollars. Der Euro muss jetzt ausserdem zeigen, dass er das hohe Niveau halten kann. Sollte es in Europa wieder Enttäuschungen geben – zum Beispiel auf politischer Ebene, oder weil die Europäische Zentralbank (EZB) nicht wie erwartet ihr Anleihenprogramm zurückfährt – kann der Euro sich auch sehr schnell wieder in die andere Richtung bewegen.

Bleibt der Franken aber schwach, steigt der Druck auf die Nationalbank, die Negativzinsen aufzuheben.
Das ist richtig. Laut unserer bisherigen Prognose könnte die SNB die Zinsen Mitte des nächsten Jahres ein erstes Mal anheben. In dem Masse, in dem der Franken sich abschwächt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Nationalbank diesen Schritt wirklich ins Auge fasst. Sie muss permanent abwägen zwischen den schädlichen Wirkungen der Negativzinsen auf die Wirtschaft und den Vorteilen, die sie der Exportwirtschaft gebracht haben. Sobald die Schäden durch die Negativzinsen grösser sind als die Auswirkungen eines allenfalls wieder stärkeren Frankens, wird sie das Instrumentarium abbauen. Beziehungsweise die Zinsen von –0,75 auf –0,5 Prozent anheben. Die grosse Frage ist allerdings, ob sie das machen kann, bevor die EZB die Leitzinsen von derzeit null Prozent anhebt.

Sollte der Franken nun noch schwächer werden als von Ihnen prognostiziert – könnten die Zinsen schon früher steigen?
Im Moment glaube ich das nicht. Die SNB wird nicht voreilig handeln, denn es geht hier um Abwägungen, die sehr sorgfältig gemacht werden müssen. Die Nationalbank wird wohl auch nicht forscher vorgehen als die EZB und sie mit den Zinserhöhungsschritten überholen.

Erstellt: 03.08.2017, 14:58 Uhr

«Der Euro muss jetzt zeigen, dass er das hohe Niveau halten kann»: Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Schweiz.

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