Zum Hauptinhalt springen

Die unheimliche Macht des Silicon Valley

Die Logik hinter dem Kauf von Whatsapp durch Facebook zeigt eine erschreckende Perspektive: Für die Kontrolle über unsere Daten tun die Internetgiganten aus dem Silicon Valley alles.

Der Wert der modernen Internetgiganten steigt mit der Anzahl Nutzern und erst recht mit den Daten, die sie dort hinterlegen oder durch ihr Verhalten im Netz preisgeben.
Der Wert der modernen Internetgiganten steigt mit der Anzahl Nutzern und erst recht mit den Daten, die sie dort hinterlegen oder durch ihr Verhalten im Netz preisgeben.
Keystone
19 Milliarden Dollar: So viel war Whatsapp dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wert. 50 Leute arbeiten für das Start-up-Unternehmen in Kalifornien, welches noch nicht einmal fünf Jahre alt ist.
19 Milliarden Dollar: So viel war Whatsapp dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wert. 50 Leute arbeiten für das Start-up-Unternehmen in Kalifornien, welches noch nicht einmal fünf Jahre alt ist.
Dado Ruvic, Reuters
1 Milliarde Dollar: Dies war die grösste Summe, die Facebook bislang ausgab – für den Fotodienst Instagram.
1 Milliarde Dollar: Dies war die grösste Summe, die Facebook bislang ausgab – für den Fotodienst Instagram.
Rolf Vennenbernd, Keystone
1 / 11

19 Milliarden blättert Facebook für den Kurznachrichtendienst Whatsapp hin, für ein Unternehmen, das gerade mal 32 Programmierer beschäftigt und wenig verdient: 1 Dollar pro Benutzer im Jahr würde 450 Millionen Dollar einbringen, wenn der Betrag konsequent eingefordert würde.

Für sich gesehen scheint der Deal vollkommen verrückt und überteuert zu sein. Aus einer globalen Perspektive ergibt sich allerdings ein anderes Bild und sogar ein bedrohliches: Dieser wie andere Deals werden nicht eingegangen, weil das Unternehmen im gegenwärtigen Status den Wert für den Käufer hat, der der exorbitanten bezahlten Summe entsprechen würde, sondern um den Einfluss des Käufers – in diesem Fall Facebook – zu sichern und weiter auszubauen.

Es geht darum, keine mögliche neue Konkurrenz gedeihen zu lassen und zu verhindern, dass keiner der anderen Giganten im gleichen Geschäft die potenziellen Mitwettbewerber zuerst wegfrisst. Auch im Fall der Whatsapp-Übernahme soll zuvor bereits Google bis zu 10 Milliarden geboten haben.

Die Logik der Netzwerkökonomie

Und es geht auch nicht in erster Linie um Geld, sondern um Macht: Verfügungsmacht über Daten. Ist diese erst einmal gesichert, wird es einfach sein, die Macht über Netz und Daten auch in Geld umzumünzen. Das ist die Logik der Netzwerkökonomie.

Die Netzwerkökonomie stellt einige der Grundgesetze der übrigen Ökonomie auf den Kopf, gemäss der es ab einer gewissen Menge immer teurer wird, ein weiteres Produkt zu produzieren, weil die Ressourcen für seine Erstellung knapper und teuer werden. In der Netzwerkökonomie ist es umgekehrt: Das Erbringen der Dienstleistung für jeden zusätzlichen Nutzer wird in einem Netzwerk immer günstiger. Das liegt daran, dass die weitgehenden Fixkosten des Netzwerks sich auf mehr Köpfe verteilen. Ökonomen sprechen dann von abnehmenden Grenzkosten, im Vergleich zum klassischen Fall der steigenden Grenzkosten. Ausserdem erhöht jeder zuätzliche Nutzer auch den Nutzen des Netzwerks. Wie schon bei einem alten Telefonnetz wird dieses umso interessanter, je mehr sich daran anschliessen – und umgekehrt.

Doch moderne Internetnetzwerke wie dasjenige von Facebook oder Google gehen darüber hinaus. Hier liefern Nutzer weit mehr als ihre gelegentliche Beteiligung am Netz. Sie liefern ihre Daten. Das gilt nicht nur für die bewusst hinterlegten Informationen über die eigene Person, das gilt noch mehr für das Verhalten: Aus dem Verhalten im Internet können die Internetgiganten unendlich viel Zusätzliches selbst über jene Personen erfahren, die auf einem Facebook- oder Google-Account nur sehr wenig über sich preiszugeben glauben.

Bezahlt wird mit Daten

Diese Logik der modernen Netzwerkökonomie macht klar, weshalb uns Google, Facebook und die anderen ihre Produkte meist gratis oder sehr günstig zur Verfügung stellen: Je mehr Nutzer sie haben, desto mehr steigt ihre Macht und der Wert ihres Netzwerks. Der Kauf jedes Konkurrenten wie jetzt im Fall von Whatsapp lohnt sich, solange dadurch weitere Daten und Nutzer gewonnen werden und verhindert wird, dass diese sonst bei anderen landen. Der Zweck dieses Wettbewerbs ist es, der Grösste zu sein, die Welt zu dominieren.

Und es gibt noch einen entscheidenden und gefährlichen Unterschied zur gewöhnlichen Ökonomie: Hat ein Netzwerk einmal eine dominierende Grösse, können die Benutzer nicht mehr wie bei anderen Produkten ohne weiteres wieder austreten. Sie sind gewissermassen im Netz gefangen, «locked-in», wie es die Netzwerkökonomen nennen. Hat sich ein Netzwerk einmal als Standard global durchgesetzt, kann man sich ihm nur noch schwer entziehen, ohne sich gleichzeitig selbst sozial auszugrenzen.

Wir können uns immer weniger vorstellen, auf all die tollen Billig- und Gratisdienste zu verzichten, die uns das Leben erleichtern – wie etwa die Suchmaschine von Google. Doch mit jeder Suche geben wir Daten über uns preis. Das Unternehmen setzt einen sogenannten Cookie auf unseren Computer, der ihm und seinen dafür bezahlenden Kunden zeigt, was wir im Internet tun, wie lange wir es tun und wie oft. Ein ökonomisches Gesetz gilt auch in der Netzwerkökonomie: «There is no such thing as a free lunch» – nichts ist gratis. Nur bezahlen wir hier vor allem mit Daten statt mit Cash. Und wir liefern die Daten nicht nur, wir verlieren auch die Kontrolle über sie und darüber, wie sie verwendet werden.

Eine Gefahr für die Demokratie?

Wissen ist Macht, und in jeder Sekunde fliesst so viel Wissen über Menschen der ganzen Welt im Silicon Valley zusammen, wie es noch nie in der Geschichte der Menschheit für möglich gehalten wurde. In diesem Tal nahe von San Francisco sind die Internetgiganten angesiedelt. Wie Isabella Kaminska in einem Betrag auf «FT Alphaville», dem Finanzblog der «Financial Times», schreibt, geht von dieser Machtposition der Internetgiganten nicht nur eine Gefahr für die moderne Wirtschaftsordnung, sondern auch für die Demokratie aus. Sie verweist dabei auch auf einen nicht genannten hochrangigen Sicherheitsspezialisten, der im Silicon Valley ein grösseres Gefahrenpotenzial ausmacht als bei den üblichen Verdächtigen wie China, dem Iran, dem radikalen Islam oder Nordkorea. Man frage sich bloss, was geschieht, wenn Unternehmen wie Google, Facebook, Apple oder Microsoft ihre Macht einmal konsolidiert haben – sofern sie überhaupt alle einzeln bestehen bleiben und sich nicht gegenseitig auch noch einverleiben. Sie wissen mehr über uns als jeder Geheimdienst. Seit Edward Snowdens Aussagen ist es kein Geheimnis mehr, dass die Agenten schon jetzt auf die Daten der Internetgiganten angewiesen sind. Das kann man auch als Hinweis für das sich ändernde relative Machtverhältnis der Regierungen gegenüber diesen Unternehmen deuten.

Ultraliberale mögen jubeln über die Aussicht, dass die Privatwirtschaft auf dem Weg über das Netz die Regierungen aushebeln könnte. Doch das wäre dann nicht die Idealvorstellung des freien Marktes, wie sie ihnen vorschwebt. Es wäre die schlimmste Form von Monopolkapitalismus, die sich je jemand hätte ausdenken können. Dank der Kontrolle selbst über intimste Daten wäre hier die Macht perfekt.

Noch sind wir von einem solchen Szenario weit entfernt. Aber das Risiko besteht. Und die Logik hinter Käufen von scheinbar wirtschaftlich wenig ertragreichen Unternehmen für absurd hohe Summen durch Internetgiganten muss uns eine Warnung sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch