Weltweites Echo auf Vollgeld-Abstimmung

Bewunderung und Kritik gibts für das schweizerische Demokratiesystem nach dem Urnengang vom Sonntag.

Die Vollgeld-Bewegung sieht im Resultat der Abstimmung in der Schweiz erst den Anfang der Auseinandersetzung: Vollgeldler posieren am Abstimmungssonntag, wie wenn sie die Mehrheit errungen hätten.

Die Vollgeld-Bewegung sieht im Resultat der Abstimmung in der Schweiz erst den Anfang der Auseinandersetzung: Vollgeldler posieren am Abstimmungssonntag, wie wenn sie die Mehrheit errungen hätten. Bild: Keystone

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Die Vollgeldinitiative war schon im Vorfeld der gestrigen Abstimmung im Ausland ein grosses Thema. Besonders die internationalen Finanzmedien haben ausführlich darüber berichtet. In der britischen «Financial Times» veröffentlichte letzte Woche deren Chefökonom Martin Wolf sogar einen flammenden Appell an die Schweizer Stimmbürger, der Initiative zuzustimmen.

Auch die deutliche Ablehnung der Vorlage durch die Schweizer Bevölkerung findet wieder Erwähnung in den grossen Medien der Welt – vor allem den Finanzpublikationen. Das gilt wiederum für die «Financial Times», das amerikanische «Wall Street Journal», die «New York Times» oder in Deutschland die «Frankfurter Allgemeine» und das «Handelsblatt». Die Nachrichtenagentur «Bloomberg» titelte: «The Swiss reject Plan that would have revolutionized Banking». («Die Schweizer haben den Plan abgelehnt, der das Banking revolutioniert hätte»).

Zurückhaltend im Urteil

Zumindest bisher sind die Blätter aber – im Vergleich zum Vorfeld – mit einer Beurteilung des Ergebnisses eher zurückhaltend. Meist findet sich die Stellungnahme von Bundesrat Maurer zum Resultat, der seiner Erleichterung darüber Ausdruck verliehen hat. Dessen Einschätzung, dass die Schweizer in der Annahme der Vorlage ein Risiko für die eigene Wirtschaft gesehen hätten, übernahmen sie weitgehend.

Eine Beurteilung der Initiative und der ausführlichen Berichterstattung der gleichen Zeitung findet sich in den Onlinekommentaren der «Financial Times». Ein Leser gibt sich da überzeugt, dass eine Vollgeld-Abstimmung in Grossbritannien zum Erfolg geführt hätte. Das begründet er mit einem Seitenhieb gegen die Schweizer: «Ich bin überzeugt, dass eine direkte Demokratie nur möglich ist, wenn die meisten Leute sehr gut gebildet sind.»

Ein anderer Leser entgegnet dem mit einer längeren Abhandlung über das demokratische System der Schweiz und dessen positive Resultate. Dieses «brillante politische System», so schreibt dieser Autor, «wäre ein Terror für die meisten europäischen professionellen Politiker. Die meisten weiteren Kommentare drehen sich dann ebenfalls um das Schweizer Modell, aber auch um Sinn und Zweck der Vollgeld-Idee selbst.

Kritik an Martin Wolf

Einige Kommentatoren äussern auch deutliche Kritik an Martin Wolf für dessen Wahlempfehlung an die Schweizer. Kritisiert wird er dafür auch auf dem renommierten Wirtschaftsblog «Naked Capitalism» von dessen Leitartikler Yves Smith unter dem Titel «The Battle for Money has begun» («Die Schlacht ums Geld hat begonnen»). Hinter dem Pseudonym Yves Smith steht die Ökonomin Susan Webber.

Das Schweizer Demokratiesystem, in dem auch radikale Reformen zur Abstimmung kommen können, war auch Thema in anderen internationalen Blättern. So wurde die Initiative zum Vollgeld mit jener für ein bedingungsloses Grundeinkommen verglichen.

Ebenfalls bisher noch zurückhaltend fallen die Reaktionen der ausländischen Organisationen aus, die sich der Durchsetzung von Vollgeld widmen. Auf der Homepage der Internationalen Bewegung für eine Geldreform («International Movement for Monetary Reform») findet sich kein einziger Hinweis auf den Abstimmungsausgang.

Nicht das Ende der Auseinandersetzung

Einzig auf der Homepage der ebenfalls international ausgerichteten Organisation «Positive Money» finden sich ein paar Aussagen von deren Mediensprecher Simon Youel. Dass rund ein Viertel der Abstimmenden in der Schweiz die Initiative befürwortet hat, zeigt laut Youel «einen echten Appetit für eine radikale Reform des Geld- und Banksystems, das für die meisten Leute nicht zu funktionieren scheint».

Fast wie Abschriften der Aussagen von Raffael Wüthrich, dem Sprecher der Vollgeld-Initiative, die dieser gestern gegenüber dieser Zeitung gemacht hat, klingen die Durchhalteparolen von Youel: «Die Abstimmung sollte nicht das Ende, sondern vielmehr den Beginn einer weltweiten Auseinandersetzung darüber sein, ob die Geldschöpfung künftig in privaten oder in öffentlichen Händen sein soll.» Die Schweizer hätten dieser Auseinandersetzung einen wertvollen Anstoss gegeben. Jetzt liege es an einer wachsenden europäischen Bewegung, darauf zu antworten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.06.2018, 13:10 Uhr

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