Die Wut der Ökonomen

Unter Wirtschaftswissenschaftern wird die Politik von Donald Trump besonders deutlich verurteilt. Hier finden sich sogar Vertreter aus zerstrittenen Lagern.

«Trump mag nichts, was nach Regeln riecht, die für alle gleichermassen gültig sind»: Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman wird nach einem Treffen mit der japanischen Regierung von Reportern befragt.

«Trump mag nichts, was nach Regeln riecht, die für alle gleichermassen gültig sind»: Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman wird nach einem Treffen mit der japanischen Regierung von Reportern befragt. Bild: Keystone

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Zwei Ökonomen, zwei Meinungen. Dieses Vorurteil gegenüber den Wirtschaftswissenschaften kommt nicht von ungefähr. Ihre Vertreter sind in den grossen Zügen oft einig, in den Details gehen die Einschätzungen aber vielfach auseinander – oft auch entsprechend der persönlichen ideologischen Ausrichtung. In den USA sind solche Auseinandersetzungen oft besonders ausgeprägt und werden auch öffentlich ausgetragen.

Beispielhaft dafür war vor einigen Jahren der öffentliche Streit zwischen dem Nobelpreisträger Paul Krugman, der im US-Spektrum eher links steht, und dem rechts stehenden Gregory Mankiw. Mankiw war unter dem Republikaner George W. Bush Chefökonom und ist auch hierzulande als Autor berühmter Lehrbücher bekannt.

Doch in der Beurteilung der Politik des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump stehen Paul Krugman und Gregory Mankiw auf der gleichen Seite – und mit ihnen die meisten renommierten Ökonomen, wie Umfragen zeigen. In seinem Blog stellt Mankiw zu dieser neuen Einigkeit etwas ironisch fest: «Präsident Trump einigt das Land.»

Dabei bezieht er sich darauf, dass der ebenfalls eher links stehende Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs und die konservativen Kommentatoren des «Wall Street Journal» sich bei Trump finden: Schon Anfang März, als der US-Präsident erst die Zölle auf Aluminium und Stahl bekannt gegeben hat, sprach das Finanzblatt bereits von einer «selbst zugefügten Torheit» und dem grössten Schnitzer seiner Präsidentschaft bis dahin.

«Eine Gefahr für die Welt»

Bei Jeffrey Sachs tönt das mittlerweile deutlich aggressiver: «Eigentlich leidet Trump an verschiedenen psychologischen Pathologien, die ihn zu einer klaren gegenwärtigen Gefahr für die Welt machen», schreibt dieser in einem Beitrag für Project Syndicate zusammen mit der forensischen Psychiaterin Bandy Lee. Gregory Mankiw selbst ist zurückhaltender. Bezogen auf die von Trump beschlossenen Zölle spricht er auf seinem Blog von einer «furchtbaren Politik». Kein vernünftiger Ökonom würde seine Entscheidungen befürworten. Einen Beitrag mit Bezug auf die Immigrationspolitik der Administration von Trump betitelt Mankiw mit «Anti-liberale Trolle».


Video - Zwei Supermächte im wirtschaftlichen Gefecht

Bereits vor zwei Wochen eskalierte Trump den Handelsstreit mit China.


Selbst beim Internationalen Währungsfonds ist die Wortwahl gegenüber der Politik von Donald Trump recht deutlich, wenn man bedenkt, dass die USA dessen grösster Geldgeber sind. In seinem Begleittext zum Weltwirtschaftsausblick des Fonds im April kritisierte dessen Chefökonom Maurice Obstfeld – selbst auch Amerikaner – die Wirtschaftspolitik von Trump recht unverhohlen: Die von seiner Regierung ergriffenen Massnahmen gegen die Handelspartner würden am Aussenhandelsdefizit der USA überhaupt nichts ändern, weil dafür in erster Line die USA selbst schuld seien, weil das Land über seinen Verhältnissen lebe. Durch die Steuersenkungen und Ausgaben der Trump-Regierung würde sich dieses Defizit sogar noch weiter erhöhen.

«Eine Art primitive Perspektive»

Nicht viel mehr Sympathien geniesst Trump bei Ökonomen in Europa. Anlässlich eines Besuchs in Zürich sprach etwa Ewald Nowotny, Ökonom und als Chef der Österreichischen Notenbank auch Mitglied des Führungsrats der Europäischen Zentralbank, in Bezug auf Trumps Politik gegenüber China von einer «Art primitiven Perspektive» («kind of primitive perspective»), weil er glaube, die wachsende Bedeutung von China aufhalten zu können. Wenn China reicher werde, würden schliesslich auch die USA und Europa davon profitieren. Die Massnahmen Trumps seien deshalb «extrem kurzsichtig und selbstschädigend».

Besonders hart ins Gericht mit Donald Trump geht der Aussenhandelsexperte, Nobelpreisträger und «New York Times»-Kolumnist Paul Krugman. Der aktuelle US-Präsident ist für Krugman «mit Sicherheit der schlimmste Mensch, der je diese Position innehatte». Im grösseren Kontext, so der Ökonom, «werden wir Zeugen einer systematischen Ablehnung hergebrachter amerikanischer Werte – jener Werte, die Amerika tatsächlich gross gemacht haben».

Den erklärten Absichten von Trump selbst im Aussenhandel traut Krugman nicht: «Er handelt nicht wie jemand, der mit einem Handelskrieg droht, um Zugeständnisse zu erhalten. Er handelt wie jemand, der einfach einen Handelskrieg will.» Das Besondere an Trumps Zollmassnahmen liege darin, dass sie vor allem für die USA schädlich seien. Das Vorgehen des US-Präsidenten habe vor allem den Zweck, das aktuelle System der weltweiten Zusammenarbeit zu unterminieren und das Mobbying der Mächte wieder salonfähig zu machen.

Und Krugmans Antwort auf die Frage, was denn die Motive von Donald Trump sind, ist vernichtend: «Ein Teil der Antwort ist, dass alles, was die westliche Allianz schwächt, Wladimir Putin hilft. Wenn Trump nicht wortwörtlich ein russischer Agent ist, dann verhält er sich bei jeder möglichen Gelegenheit genau so wie einer. Darüber hinaus mag Trump offensichtlich nichts, was nach Regeln riecht, die für alle gültig sind und für die Schwachen und die Starken gleichermassen gültig sind.»

Erstellt: 16.07.2018, 18:19 Uhr

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