«Dieser Hass gegen alles Ausländische ist schockierend»

Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole plädiert für rasche Veränderungen, andernfalls drohe mehr als die Revolte der Jugend.

Jean Tirole ist sonst eher ein Mann der leisen Töne. Foto: Studio Tchiz, EPA, Keystone

Jean Tirole ist sonst eher ein Mann der leisen Töne. Foto: Studio Tchiz, EPA, Keystone

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Für Jean Tirole, den Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2014, gibt es nichts Wichtigeres als das Gemeinwohl. Um die Flaute in der Wirtschaft zu beenden und neue Jobs zu schaffen, ist er nicht nur bereit, so manches Tabu zu brechen, sondern auch, Europas Mächtige herauszufordern. «Das sind wir den künftigen Generationen schuldig», sagt der 62-jährige Franzose.

Das Kämpfen gegen Tabus, das ist ein Credo in Ihrem vor wenigen Tagen in Frankreich erschienenen Buch «Économie du bien commun» (Wirtschaft des Gemeinwohls). Darin prangern Sie die Fehlleistungen des öffentlichen Dienstes und des Arbeitsmarktes an, den Anstieg der Arbeitslosigkeit, den unverantwortlichen Umgang mit der Überalterung der Bevölkerung. Sind wir alle unverbesserliche Egoisten?
Ich glaube, ja. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Uns steht ein fantastisches kulturelles Erbe zur Verfügung, wir haben viele Talente, aber die Grundvoraussetzungen werden immer schlechter. Die Situation der öffentlichen Haushalte verschlechtert sich zusehends. Ebenso wie die Ausbildung. Im Grunde wollen wir einfach nicht glauben, was da mit uns passiert.

Die jüngsten Konjunkturdaten namentlich aus Deutschland stimmen optimistisch ...
Das Wirtschaftswachstum mag sich zwar etwas erholen, was einige Probleme lösen würde, aber das ist leider nicht das Szenario auf mittlere Sicht, wie man zugeben muss. Wir haben Haushaltsdefizite, die Arbeitslosigkeit nimmt weiter zu, wir wollen die Renten nicht kürzen, obwohl das im Hinblick auf die Solidarität zwischen den Generationen Sinn machen würde. Im Grunde sagen wir der Jugend heute: «Seht zu, wie ihr jungen Leute fertig werdet. Ihr müsst unsere Rente bezahlen!» Dasselbe Problem betrifft die Erderwärmung und ihre Folgen. Auf kurze Sicht gibt es im Grunde keine drängenden Probleme – also warten alle ab, bis die Katastrophe eintritt.

Der Kontext, den Sie in Ihrem Buch beschreiben, ist ziemlich pessimistisch. Haben Sie Angst vor einer Revolte der Jugend?
Wenn ich jung wäre, würde ich selbst revoltieren! Es gibt hier und dort ein paar Bewegungen von Entwürdigten, die sich zusammentun, was auch sehr gut ist, aber ein wirkliches politisches und ökonomisches Programm kann man noch nicht erkennen. Lösungen sollte man ja auch anbieten können. Man muss versuchen, die Welt, in der man lebt, zu verstehen, und vor allem versuchen, die Welt zu begreifen, in der wir in 20 Jahren leben werden. Und sobald ich das verstanden hätte, würde ich mich gegen den Egoismus der vorigen Generationen auflehnen.

«Was derzeit vorgeschlagen wird, ist fast nur reiner Populismus.»

Ist das nicht utopisch?
Die Lösung liegt nicht in irgendeiner Utopie. Was derzeit vorgeschlagen wird, das ist im Grunde fast nur reiner Populismus. Heutzutage sehen wir uns einer ökonomischen Protestbewegung gegenüber, die am Aufstieg des Extremismus Anteil hat.

Der wachsende Extremismus in Europa – macht er Ihnen Angst?
Er betrübt mich sehr. Man muss sehr vorsichtig sein. Wir leben zwar nicht unter den gleichen Bedingungen, die in den 30er-Jahren in Deutschland herrschten, aber ich verstehe die Unruhe und Sorgen der Jugend nur zu gut, vor allem, was ihre Zukunft anbetrifft. Und sehe auch die Ungleichheit, die immer schlimmer wird, vor allem in den Vereinigten Staaten.

Könnten Sie das etwas ausführen?
Die Reden von Präsidentschaftsanwärter Donald Trump beispielsweise sind dafür bezeichnend, was den derzeit vorherrschenden Populismus anbetrifft. Dieser Hass gegen alles Ausländische – und das in einem Land, das Einwanderer sonst immer so positiv aufgenommen hat – ist schockierend. Und er wird auch noch zu einer Zunahme der Ungleichheit führen, durch den Vorschlag von Steuersenkungen in einem Land, in dem die Steuern sowieso schon sehr niedrig sind, vor allem für die Reichen – eine Erklärung, wie er das finanzieren will, hat Trump nicht parat. Auch in Europa weigern sich die Extremisten sowohl der Rechten als auch der Linken zuzuhören, was die Wirtschaftsexperten zu sagen haben.

Wie kann man diesen negativen Trend stoppen?
Reformen sind erst einmal das Wichtigste. Länder wie Deutschland, Skandinavien, Kanada und Australien haben ja schon gezeigt, dass Veränderungen möglich sind.

«Innerhalb Europas bestehen nicht die gleichen Interessen.»

Und in Europa?
Was Europa anbelangt, so muss man akzeptieren, dass – auch wenn ich noch so sehr von einem föderalistischen Europa träume – wir uns in einem dualen Europa befinden, mit vollkommen gegensätzlichen Situationen. Südeuropa könnte zum Beispiel einen kräftigen Aufschwung in Nordeuropa gut gebrauchen, doch Deutschland zum Beispiel, um nur ein Land zu nennen, hat das nicht nötig, dort gibt es kaum Arbeitslosigkeit. Was ich damit sagen will, ist, dass innerhalb Europas nicht mehr die gleichen Interessen bestehen. Man kann Südeuropa, das unter einer so hohen Arbeitslosigkeit leidet, keine strengen Sparmassnahmen auferlegen.

Sie spielen auf Griechenland an.
Richtig. Das Land hat Reformen eingeführt, schafft es aber nicht, sie in die Tat umzusetzen. Jeder weiss, dass Griechenland seine Staatsschulden nicht wird begleichen können, doch was tun? Wird es noch 30 Jahre lang den IWF brauchen? Immerhin ist es eine Demokratie. Dieses Beispiel beweist, dass es in Europa keine gemeinsamen Interessen mehr gibt.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Es wird zwar sicherlich nicht so kommen, aber ich träume von einem europäischen Föderalismus. Dafür müssten wir akzeptieren, dass wir an Souveränität verlieren. Mit der Bankenunion passiert das nicht, und das ist gut so. Aber nehmen wir mal die Arbeitslosigkeit. Es ist ganz offensichtlich, dass im Falle einer europäischen Arbeitslosenversicherung die Länder, die nur eine Arbeitslosenquote von fünf Prozent haben, sich nicht mit denjenigen zusammentun wollten, die es mit einer Quote von 25 Prozent zu tun haben. Sie würden glauben, dass sie für die anderen bezahlen müssen. Dieselbe Überlegung trifft auch auf die gemeinsame Bewältigung von Staatsschulden zu.

«Man muss zugeben, dass es mit Europa tatsächlich bergab geht.»

Was wäre nötig, damit Ihr Traum Wirklichkeit wird?
Der Föderalismus ist ein wunderbarer Traum, der auf Solidarität basiert. Subventionen oder Transfers mag es von einem Land oder einer Region in eine andere geben, das sieht man in Deutschland, in den Vereinigten Staaten oder auch in Italien. Aber das funktioniert nur dann, wenn der Zustand in den ärmeren Regionen sich nicht verschlechtert. Um so etwas umzusetzen, braucht man eine gemeinsame Politik und allgemeingültige Regeln sowie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Ich kann mir das in Europa nicht vorstellen.

Hätten Europas Regierungen etwas anders machen sollen?
Vielleicht hätte man das hinter einem Schleier von Ignoranz verwirklichen können, aber man hat stattdessen zugelassen, dass es immer schlimmer wird. Die Menschen, die an das Abkommen von Maastricht glaubten, hatten sehr wohl begriffen, dass die Schulden und Budgets in Europa zu Problemen führen könnten, aber leider keine Institutionen kreiert, die diesbezüglich Abhilfe schaffen.

Es sieht nicht gut aus.
Ich mache mir heute wirklich Sorgen um Europa. Wir haben das Anwachsen von Extremismus und Populismus zugelassen, aber man muss auch zugeben, dass es mit Europa tatsächlich bergab geht. Das deutsch-französische Team, früher noch ein wichtiger Motor, funktioniert nicht mehr, und auch das ist bezeichnend: sicherlich deshalb, weil Frankreich zu den südlichen Ländern gehört. Ich mag diese bezüglich des Haushaltsplans besessene Seite Deutschlands nicht, aber wenn es nicht absolut europäisch orientiert wäre, dann wäre der Grexit längst vollzogen worden. Darin sehe ich trotz allem noch eine Quelle der Hoffnung und ein Signal, dass es wirklich bei Europa bleiben will.

Erstellt: 23.05.2016, 21:48 Uhr

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