Dieser Strudel erfasst auch die Schweiz

Der Handelskrieg zwischen den USA und China trifft auch die Schweiz: sechs negative Folgen für die hiesige Wirtschaft – und mögliche Profiteure.

Wenn die USA und China gegenseitig höhere Zölle auf ihre Produkte schlagen, dann trifft das indirekt auch Vorprodukte von Schweizer Unternehmen: Containerschiff mit internationalen Handelsgütern, das im Hafen der US-Stadt Oakland eingelaufen ist.

Wenn die USA und China gegenseitig höhere Zölle auf ihre Produkte schlagen, dann trifft das indirekt auch Vorprodukte von Schweizer Unternehmen: Containerschiff mit internationalen Handelsgütern, das im Hafen der US-Stadt Oakland eingelaufen ist. Bild: Keystone

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Vom Handelskrieg zwischen den USA und China bleibt die Schweiz nicht verschont. Die Schweiz als Land und seine Unternehmen sind indirekt von der sich immer weiter verschärfenden Auseinandersetzung betroffen, auch wenn es zumindest im Moment noch nicht möglich ist, diese Folgen im Detail zu quantifizieren – vor allem, weil noch offen bleibt, wie der Konflikt weiterdrehen wird. Im Moment halten sich die realwirtschaftlichen negativen Folgen noch in Grenzen, die Schweiz hat keine Möglichkeiten, sich gegen die negativen indirekten Folgen zu wehren. Die folgenden Übertragungsmechanismen der Krise sind wahrscheinlich:

1. Folgen für Unternehmen

Beim Aussenhandel geht es heute nur noch selten um den Austausch von Gütern eines Landes gegen Güter eines anderen, wie das einfache Schulbuchbeispiele noch suggerieren. Die Produktion der meisten komplexen Güter ist international organisiert. Ein Auto oder ein Smartphone zum Beispiel besteht aus Komponenten, die in der ganzen Welt erstellt werden mit Rohstoffen und Distributionskanälen, die wiederum international verteilt sind. Sorgen also höhere Zölle auf chinesischen oder amerikanischen Endprodukten für einen geringeren Absatz von diesen, dann sinkt auch die Nachfrage nach allen Vorprodukten und Komponenten, die in deren Produktion einfliessen. Schweizer Unternehmen – gerade auch kleine und mittlere (KMU) – sind sehr stark bei der Erstellung spezialisierter Komponenten auch von Hightechprodukten.

2. Folgen für die Konsumenten

Indirekte Folgen hat eine auf China und die USA beschränkte Handelsauseinandersetzung auch für die Konsumenten in der Schweiz. Die Zölle verteuern Vorprodukte und Endprodukte aus China in die USA und umgekehrt. Damit verteuert sich auch die Produktion aller Endgüter aus diesen Ländern, in die solche Vorprodukte eingehen und die zum Beispiel in die Schweiz geliefert und hier gekauft werden. Möglich ist auch, dass einzelne Unternehmen in China (oder den USA) wegen den Zöllen ihre Produktion oder Teile davon einstellen müssen. In diesem Fall kommen sowohl Unternehmen wie Konsumenten in der Schweiz unter Druck, die solche Produkte benötigen. Möglich sind weitere indirekte Effekte. So kann es sein, dass selbst ein Unternehmen in einem nicht direkt betroffenen Drittland – zum Beispiel in Südamerika – wegen einer geringeren Nachfrage aus China oder den USA seine Güter nicht mehr kostendeckend herstellen kann (weil die Durchschnittskosten bei einem kleineren Absatz zu hoch werden) oder die Preise erhöhen muss. Liefert dieses Unternehmen Güter oder Rohstoffe in die Schweiz, verteuern sich für Schweizer Konsumenten und Unternehmen auch hier die Produkte, oder die entsprechenden Lieferungen fallen ganz aus.

3. Folgen für die Gesamtwirtschaft

Die beschriebenen Folgen für Unternehmen und Konsumenten zeigen sich angesichts der engen internationalen wirtschaftlichen Verflechtung weltweit, nicht nur in der Schweiz. Wenn sich aber die Produktion in vielen Ländern verteuert oder der Absatz leidet, dann investieren die Unternehmen auch weniger. Das tun sie auch dann, wenn sie sich nach neuen Kanälen für ihren Absatz und ihre Vorprodukte umsehen müssen und die Unsicherheit darüber anhält, wie weit der Handelskrieg überhaupt geht und welche Bereiche letztlich betroffen sind. Die geringeren Investitionen und der tiefere Absatz drücken auf das Wirtschaftswachstum weltweit. Die Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft, die überaus stark von der Weltkonjunktur abhängt, müsste deshalb mit einem geringeren Wirtschaftswachstum rechnen. Weniger Investitionen und Exporte, geringere Einkommen, eine grössere Arbeitslosigkeit und tiefere Investitionen hätten dann auch Folgen für die Binnenwirtschaft – also auch für jene Unternehmen, die in keiner Art und Weise in den Aussenhandel involviert sind.

4. Folgen für die Währungsbeziehungen

Auch der Kurs des Schweizer Frankens könnte vom Handelskrieg zwischen China und den USA betroffen werden. Ewald Nowotny, Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank und Chef der Österreichischen Notenbank, hat am Montag in Zürich erklärt, eine Folge des Handelskriegs sei – wenn auch nicht beabsichtigt – ein Währungskrieg. Dabei bezog er sich auf den Umstand, dass die chinesische Währung als Folge der Zollauseinandersetzung sich gegenüber dem Dollar stark abgeschwächt hat. Änderungen der Währungsverhältnisse können je nach Ausmass ebenso stark oder stärker auf Exporte und Importe wirken wie Zölle. Zumindest besteht ein Anreiz für Länder, die durch hohe Zölle betroffen sind, ihre Währung zu schwächen. Die Folge ist, dass dann auch dafür wieder Vergeltungsmassnahmen drohen – zum Beispiel über einen Abwertungswettlauf. Sollte es tatsächlich zu einem solchen Abwertungswettbewerb im Zuge des Handelskrieges kommen, würde eine erneute Aufwertung des Frankens drohen, da dann die Schweizer Währung wieder die Funktion eines sicheren Hafens einnehmen würde – mit allen schädlichen Wirkungen für die Schweizer Exporteure und die hiesige Wirtschaft. Bisher ist immerhin noch nichts von einer solchen Entwicklung zu sehen.

5. Folgen für die Kapitalmärkte

Noch scheint man an den internationalen Kapitalmärkten die Gefahren durch den Handelskrieg für beschränkt zu halten, weshalb auch die Kursreaktionen auf die bisherigen Zollmassnahmen relativ beschränkt geblieben sind. Sollten aber alle weiter angedrohten Massnahmen umgesetzt werden, könnte sich das ändern. Betroffen wären dann vor allem Aktien von stark im internationalen Handel exponierten Unternehmen – und das sind jene im SMI, dem Leitindex der Schweizer Börse, ganz besonders. Entsprechend stark ist daher eine Reaktion auf die Aktienkurse in der Schweiz zu befürchten. Bereits jetzt notiert der SMI rund 6 Prozent unter seinem Stand von Anfang Jahr. Der Verlust über diese Zeit ist deutlich grösser als bei den anderen grossen Indizes auf den Weltmärkten. Jene der USA haben sogar zugelegt. Der Welthandel hat für die dort abgebildeten Unternehmen nur eine relativ geringe Bedeutung.

6. Folgen für die Aussenhandelspolitik

Donald Trump zeigt offen seine Verachtung für alle internationalen Regelwerke. Er setzt dagegen auf die Macht der USA. Für kleinere Länder wie die Schweiz ist das verheerend. Sie sind auf die Gültigkeit internationaler Regeln angewiesen, um ihre Interessen ebenfalls zu wahren.

Mögliche Gewinner

Der Handelskrieg kennt nicht nur potenzielle Verlierer, sondern selbst in der Schweiz sind in Einzelfällen Profiteure denkbar. Das ist etwa dann der Fall, wenn Konkurrenten von Schweizer Unternehmen ausfallen – in den USA, in China oder in anderen indirekt betroffenen Ländern. In diesem Fall können Schweizer Unternehmen mit eigenen Produkten in die Lücke springen oder höhere Preise durchsetzen.

Erstellt: 13.07.2018, 13:28 Uhr

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