Analyse

Draghis umstrittene Nullzinspolitik

Die Europäische Zentralbank öffnet ihre geldpolitischen Schleusen so weit wie nie zuvor. Umstritten ist, ob das Geld in der Wirtschaft ankommt und ob damit den Schuldenländern geholfen ist: Analysen zum EZB-Entscheid.

Dort angekommen, wo Notenbanken wie die SNB schon lange sind: EZB-Präsident Mario Draghi.

Dort angekommen, wo Notenbanken wie die SNB schon lange sind: EZB-Präsident Mario Draghi. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Über Langeweile konnten sich Finanzmarktteilnehmer heute nicht beklagen. Innerhalb von 45 Minuten verkündeten drei der wichtigsten Zentralbanken der Welt nacheinander eine Lockerung ihrer Geldpolitik. Um 13 Uhr war es die Bank of England, die eine Ausweitung ihres Anleihenkaufprogramms («Quantitative Easing») um 50 auf nunmehr 375 Milliarden Pfund bekannt gab. Nur eine Minute später zog die Bank of China mit einer Senkung ihres wichtigsten Zinssatzes um 31 Basispunkte nach. Es war bereits die zweite Lockerung der chinesischen Geldpolitik innerhalb eines Monats.

Um viertel vor zwei erfuhren die Finanzmärkte schliesslich, was zuvor weit herum vermutet wurde: Nämlich, dass die EZB ebenfalls ihre Leitzinsen auf den niedrigsten Stand drücken würde, seitdem die Institution in Frankfurt für den Euro verantwortlich ist. Der von Präsident Mario Draghi geleitete EZB-Rat beschloss denn auch wie erwartet, den Hauptrefinanzierungssatz für Banken von 1,00 auf 0,75 Prozent herabzusetzen.

Parkierte Gelder in die Wirtschaft lenken

Gleichzeitig – und wohl noch bedeutsamer – kürzte das Gremium die Zinsen, die Banken für kurzfristige Einlagen bei der EZB erhalten, von 0,25 auf 0 Prozent. «Willkommen im Zirp-Club», titelte die Commerzbank daraufhin prompt ein Briefing. Das Kürzel «Zirp» steht für «zero interest rate policy», also für Nullzinspolitik. Gemäss Auffassung der Commerzbank-Forschungsabteilung bestimmt dieser Zinssatz in der Eurozone de facto seit längerem die Liquiditätsbedingungen.

Ökonom Thomas Herrmann von Credit Suisse relativiert: «Die Banken werden voraussichtlich weiterhin hohe Summen bei der EZB parken.» Vorher hätten die Banken zu 1 Prozent ausgeliehen und zu 0,25 Prozent «geparkt», fortan liehen sie zu 0,75 Prozent und «parkten» zu 0 Prozent – was beides an sich nicht besonders attraktiv sei.

Die Notenbank hegt indes die Hoffnung, dass die Gelder, die sie seit letztem Winter in Umflauf bringt, durch die Zinssenkung verstärkt in die Wirtschaft gelangen. Ob dies gelingt? «Der Transmissionsmechanismus von den Banken in die Realwirtschaft ist gestört», sagt ZKB-Ökonom Jörn Spillmann. Während das Problem in den Krisenländern bei den schwachen Bilanzen der Geschäftsbanken liegt, plagt den Norden Europas ein anderes Phänomen: Die Wirtschaft fragt nicht genug Kredite nach, um dem Wirtschaftswachstum neue Impulse zu geben. «An Liquidität im europäischen Bankensystem mangelt es nicht», sagt Thomas Herrmann.

Anleger hatten mehr erwartet

Sogar die Zentralbank von Kenia zog heute mit und senkte das erste Mal seit 18 Monaten ihren Leitzins. Mit einem Zins von 16,5 Prozent bewegt sich die kenyanische Geldpolitik freilich in anderen Sphären, als es westliche Zentralbanker von ihren heimischen Geldmärkten gewohnt sind. Kenias Inflation lag im letzten November bei 20 Prozent, aktuell wird ein Rückgang auf 10,1 Prozent dianostiziert. Auch Europas Notenbanker kommen die aktuell niedrigen Inflationserwartungen zugute. Nachlassende Rohstoffpreise erlaubten es heute der Bank of England und der EZB, zusätzliches Geld ohne allzu schlechtes Gewissen in die Finanzmärkte zu pumpen.

«Technisch betrachtet befindet sich Grossbritannien in der Rezession», sagt Julius-Bär-Ökonom Janwillem Acket. Eine weitere Runde «Quantitative Easing» macht deshalb aus seiner Sicht Sinn. Auch ZKB-Volkswirtschafter Spillmann sieht die Bank of England in ihrer bisherigen Linie bestätigt: «50 Milliarden Pfund können durchaus etwas ausrichten.» Was die Massnahmen der Europäischen Zentralbank betrifft, so hat der Aktienmarkt laut Spillmann wohl etwas mehr erwartet. Der DAX verlor im Tagesverlauf 0,5 Prozent, Spaniens IBEX stand um 17.45 Uhr bei einem Tagesminus von 2,9 Prozent.

Wer heute auf eine Entlastung der Krisenländer durch die Zentralbank hoffte, sah sich denn auch enttäuscht. Mario Draghi befindet sich im Dilemma, wie Credit-Suisse-Ökonom Herrman erklärt. Intensiviert die EZB ihre Anleihenkäufe von Ländern wie Spanien oder Italien, so droht sie dadurch die Renditen noch weiter in die Höhe zu treiben: «Die Zentralbank besitzt als Gläubigerin Seniorität», sagt Herrmann. Das bedeutet, dass sie als Schuldnerin vorrangig bedient wird: Je mehr Anleihen sich in den Händen der EZB befinden, desto weniger wahrscheinlich wird, dass Privatschulden vollständig zurückgezahlt werden können.

Erstellt: 05.07.2012, 19:27 Uhr

Artikel zum Thema

«Psychologische Schwerstarbeit» – Mario Draghi über die Geldpolitik der EZB

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat den Leitzins am Donnerstag auf das historische Tief von 0,75 Prozent gesenkt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live von der Medienkonferenz in Frankfurt. Mehr...

Bank of England startet eine weitere Runde Quantitative Easing

Die englische Notenbank weitet ihr Programm zum Kauf von Wertpapieren auf 375 Milliarden Pfund aus. Dies gab die Bank of England heute bekannt. Der Leitzins bleibt unverändert bei 0,5 Prozent. Mehr...

«Ohne gesunde Banken gibt es kein Wachstum»

Hollande, Merkel, Lagarde und Draghi: Sie alle verlangen Wachstum, damit Europa aus der Krise findet. Doch wie wächst man eigentlich über sich hinaus? Credit-Suisse-Chefökonom Oliver Adler nimmt Stellung. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...