Ein beharrlicher Kritiker könnte EZB-Präsident werden

Spanien frohlockt über die Nominierung seines Finanzministers zum Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank. Die wahren Gewinner sind indes die Deutschen.

Kann sich gute Chancen auf die Nachfolge von Mario Draghi als EZB-Präsident ausrechnen: Bundesbank-Chef Jens Weidmann.

Kann sich gute Chancen auf die Nachfolge von Mario Draghi als EZB-Präsident ausrechnen: Bundesbank-Chef Jens Weidmann. Bild: Axel Schmidt/Reuters

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Die Würfel sind gefallen: Mit dem derzeitigen Finanzminister Luis de Guindos wird ein Spanier neuer Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Und da die Besetzung der Spitzenämter in der Euronotenbank fein austariert wird nach Ländern und Regionen, sind mit dieser Personalie zugleich die Leitplanken für die demnächst anstehende Neubesetzung des EZB-Präsidiums gesetzt worden. Der jetzige Inhaber Mario Draghi wird nach Ablauf seiner achtjährigen Amtszeit im Oktober 2019 aus der Frankfurter Währungsbehörde ausscheiden.

Die besten Chancen auf seine Nachfolge werden jetzt Jens Weidmann, dem Präsidenten der Deutschen Bundesbank, eingeräumt. Denn mit de Guindos als neuer EZB-Vize, und da das Noteninstitut derzeit mit dem Italiener Draghi und dem portugiesischen Vizepräsidenten Vitor Constancio ebenfalls von Südeuropäern repräsentiert wird, sehen die Nordeuropäer den Zeitpunkt gekommen, Anspruch auf einen Präsidenten aus ihren Reihen zu stellen. Dafür infrage kämen neben Weidmann selbstredend auch andere Bewerber wie Klaas Knot oder François Villeroy de Galhau, die Chefs der niederländischen und der französischen Notenbank. Allerdings haben die besagten Länder mit Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet bereits die beiden Vorgänger von Draghi bestellt, während Deutschland bislang leer ausgegangen ist.

Polarisierender Bundesbank-Chef

Weidmann ist jedoch so ziemlich das Gegenteil eines auf Konsens und Kompromiss bedachten Notenbankers im 19-köpfigen Rat der EZB, wo die geldpolitischen Weichen gestellt werden. Vielmehr hat sich der promovierte Ökonom, der im April 50-jährig wird, als beharrlicher und beständiger Kritiker von Draghi und dessen Krisenmanagement profiliert. Bei den wichtigsten Weichenstellungen der Euronotenbank, namentlich der Einführung von Negativzinsen und der Lancierung des Programms zum Aufkauf europäischer Staatsanleihen, opponierte der Bundesbank-Präsident. Rückblickend halten indes die meisten Ökonomen – ausgenommen jene in Deutschland – Draghis unkonventioneller Politik zugute, dass sie die Eurozone vor einer deflationären Abwärtsspirale bewahrte und das Fundament für den anhaltenden konjunkturellen Aufschwung legte.

Was Wunder, dass Weidmann in den südeuropäischen Hauptstädten – wo die Euroschuldenkrise weitaus tiefere Spuren hinterlassen hat als in Mittel- und Nordeuropa – wenig Sympathien geniesst. Mit einem Bundesbank-Mann an der EZB-Spitze, so die dort gehegten Befürchtungen, könnten die geldpolitischen Zügel über Gebühr gestrafft werden. Dies zur Freude der deutschen Sparer, die nach Zinsen verlangen, aber zum Nachteil der strukturschwächeren Euroländer, deren Wachstum gedämpft oder gar abgewürgt würde.

Axel Weber als warnende Erinnerung

Unweigerlich werden da Erinnerungen wach an Axel Weber, der als Vorgänger Weidmanns ebenfalls Ambitionen auf das EZB-Präsidium hatte. Im Februar 2011 kündigte er jedoch überraschend seinen vorzeitigen Rücktritt als Bundesbank-Chef an und nahm sich damit auch aus dem Rennen um den Spitzenposten bei der Euronotenbank. Für seinen Entscheid machte Weber, der heutige Verwaltungsratspräsident der UBS, «persönliche Gründe» geltend.

Doch war es ein offenes Geheimnis, dass der Deutsche mit seiner harten geldpolitischen Linie bei den Südeuropäern und insbesondere bei den Franzosen angeeckt war. Wie Weidmann hatte sich Weber bereits im Mai 2010, inmitten der Griechenland-Krise, im EZB-Rat gegen den Ankauf von Staatsanleihen gestemmt und diesen Entscheid anschliessend in der Öffentlichkeit kritisiert. Damit verscherzte er sich viele Sympathien auch in Kreisen, die ihm durchaus wohlgesonnen waren.

Jens Weidmann hat nun weit über ein Jahr Zeit, die Lehren aus Webers Scheitern zu ziehen und eine über den nördlichen Teil der Eurozone hinausgehende Vertrauensbasis aufzubauen. Entgegen kommt ihm dabei die robuste Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone, die es der EZB ermöglicht, allmählich den Krisenmodus abzulegen. Nach Einschätzung der meisten Marktbeobachter wird das Euronoteninstitut bis spätestens Ende dieses Jahres die Anleihenkäufe einstellen und bis zur Jahresmitte 2019 die erste Leitzinserhöhung vornehmen.

Sollte Weidmann im November nächsten Jahres tatsächlich die Nachfolge von Mario Draghi übernehmen, wäre es wohl seine Kernaufgabe, die europäische Geldpolitik so weit und so schnell wie möglich auf den Weg der Normalisierung zurückzuführen. Diese Herausforderung ist einem deutschen Notenbanker sicherlich besser auf den Leib geschnitten als notfallbedingte Exkursionen in die unorthodoxe Geldpolitik, die in unserem nördlichen Nachbarland immer im Verdacht steht, unerlaubt Hand zu bieten für eine Finanzierung des Staates mit der Notenpresse.

Erstellt: 20.02.2018, 17:30 Uhr

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