Ein Kraftakt, den keiner erwartet hat

Die KOF-Konjunkturforscher heben ihre Wachstumsprognose an. Sie haben die hohe Anpassungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft nach dem «Frankenschock» unterschätzt.

In schwierigem Umfeld: Fertigung bei der Amman Group in Langenthal. Foto: Keystone

In schwierigem Umfeld: Fertigung bei der Amman Group in Langenthal. Foto: Keystone

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Die ausgeprägte Fähigkeit der Schweizer Wirtschaft, auf radikal veränderte Rahmenbedingungen rasch zu reagieren, dürfte ihr Abgleiten in eine Rezession im laufenden Jahr wohl verhindern. Davon geht jetzt auch die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich aus. Bei Vorlage ihrer Frühjahrsprognose im März waren die KOF-Ökonomen noch von einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung in den ersten drei Quartalen 2015 und einer minimen Zunahme des realen Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,2 Prozent im gesamten Jahr ausgegangen.

Die gestern vorgelegte Herbstprog­nose der KOF – mit einem erwarteten BIP-Wachstum von 0,9 Prozent in diesem Jahr – präsentiert sich deutlich aufgehellter und entspricht nun im Wesentlichen den Vorhersagen der Schweizerischen Nationalbank sowie des Staatssekretariats für Wirtschaft. Da die Zürcher Konjunkturforscher gleichzeitig von einem Bevölkerungszuwachs von 1,1 Prozent ausgehen, dürfte aber die diesjährige Wirtschaftsleistung pro Kopf um 0,2 Prozent sinken. Für die Jahre 2015 und 2016 geht die KOF von einer Wachstumsbeschleunigung der Gesamtwirtschaft auf 1,4 respektive 1,8 Prozent aus.

Zeit zum Durchatmen?

Was hat die KOF-Ökonomen veranlasst, ihren Ausblick so deutlich nach oben zu revidieren? Zum einen waren sie nach der Aufhebung des Euromindestkurses Mitte Januar und dem dadurch ausgelösten «Frankenschock» von einer längeren Phase sinkender Produktion ausgegangen. Das scheint nicht der Fall zu sein, wie die – nicht nur für die KOF – überraschende BIP-Steigerung im zweiten Quartal um 0,2 Prozent andeutet.

Zum andern hat allenthalben überrascht, in welchem Ausmass die Schweizer Wirtschaft als Reaktion auf die Frankenverteuerung ihre Preise senkte. Davon betroffen waren nicht nur die klassischen Exporteure, sondern auch viele binnenorientierte Firmen, die als Teil einer in- oder ausländischen Lieferkette dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind. In der Folge sank das Preisniveau für die im Inland erzeugte Wertschöpfung im ersten Halbjahr um 0,9 Prozent gegenüber der gleichen Vorjahresperiode – ein Rückgang, wie man ihn laut KOF-Chef Jan-Egbert Sturm «in den letzten Jahrzehnten nicht gesehen hat».

Natürlich sind im besagten Zeitraum auch die Preise für importierte Waren und Dienstleistungen um etwa 5 Prozent gefallen – eine Folge der Frankenstärke und des Ölpreiszerfalls. Dennoch ging die eindrücklich demonstrierte Preisflexibilität der Schweizer Wirtschaft stark zulasten der Gewinnmargen – dies vor allem in der Maschinen- und Metallindustrie.

Die seit Jahresmitte zu verzeichnende Abwertung der Schweizer Valuta könnte den Firmen nun «die dringend benötigte Zeit zum Durchatmen verschaffen», wie Sturm sagte. Die KOF geht in ihrer Prognose von einem bis Ende 2017 unveränderten Wechselkurs von 1.10 Franken je Euro aus. Die künftige Währungsentwicklung stellt indes laut KOF-Chef nach wie vor das grösste (Abwärts-)Risiko für die Schweiz dar.

Sondereinflüsse im Jahr 2016

Als Risiko Nummer zwei erachtet Sturm das internationale Umfeld, wo mit den Flüchtlingsströmen nach Europa und den Weiterungen im Syrienkonflikt zusätzliche Unwägbarkeiten zu den bisherigen – China, Schwellenmärkte und Euro-Peripherie – dazugekommen sind. In der Annahme eines fortdauernden Aufschwungs in den USA und der Eurozone rechnet die KOF für 2016 mit einem auf 4,4 Prozent merklich erhöhten Exportzuwachs – nach einem geschätzten Plus von 1,1 Prozent in diesem Jahr.

Dennoch dürfte die Aussenwirtschaft im kommenden Jahr erneut einen negativen Wachstumsbeitrag leisten, werden doch die Importe noch stärker zulegen (auf 6 Prozent, nach erwarteten 1,6 Prozent in 2015). Grund hierfür ist ein ausserordentlicher Faktor, nämlich die Auslieferung eines grossen Volumens von im Ausland bestellten Schienenfahrzeugen und Flugzeugen. Der Sondereinfluss verhilft auch den Ausrüstungsinvestitionen zu einer «aufgeblähten» Zunahme von 3,6 Prozent im nächsten Jahr.

Der verlässlichste Konjunkturpfeiler wird in Zukunft weiterhin der Privatkonsum sein – trotz eines «Durchhängers» im abgelaufenen Halbjahr, den besonders der Detailhandel aufgrund des verstärkten Einkaufstourismus im benachbarten Ausland zu spüren bekam. Die KOF-Ökonomen sehen jedoch keine Anzeichen für eine grosse Verunsicherung der Konsumenten und verweisen dabei auf die Käufe von Personenwagen; deren Neuzulassungen haben im ersten Semester überdurchschnittlich hoch um über 7 Prozent zugenommen. Und auch die reale Lohnsteigerung, die die KOF für 2015 auf hohe 1,5 Prozent veranschlagt, dürfte sich günstig auf die Konsumentenstimmung auswirken. Sie resultiert aus der diesjährigen Negativteuerung von geschätzten minus 1,1 Prozent.

Erstellt: 01.10.2015, 20:27 Uhr

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