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Ein Luftschloss an Europas Börsen?

Die Zinssenkung der EZB war nur noch das Sahnehäubchen auf den Boom der europäischen Aktien. Warum sich die Euphorie aber bald als Strohfeuer entpuppen könnte.

Steile Kurve nach oben: Gestern um 13.45 Uhr verkündete die EZB eine weitere Zinssenkung und prompt schossen die Aktienkurse nach oben.
Steile Kurve nach oben: Gestern um 13.45 Uhr verkündete die EZB eine weitere Zinssenkung und prompt schossen die Aktienkurse nach oben.
Reuters

Mit der Senkung des Leitzinses um 0,25 Prozent hat EZB-Präsident Mario Draghi Öl ins Feuer gegossen. Die Aktienkurse an den europäischen Börsen machten einen Freudensprung. Dabei haben die meisten Indizes zuvor kräftige Kursgewinne verzeichnet. Der deutsche DAX eilt von Rekord zu Rekord, in Spanien und Italien haben die Kurse seit August durchschnittlich um 15 Prozent zugelegt, in Griechenland gar um 25 Prozent. «Die Investoren haben einst Geld aus Europa gesaugt», stellt das «Wall Street Journal» fest. «Jetzt überschwemmen sie es mit Geld.» Was hat zu diesem Sinneswandel geführt?

Der offensichtlichste Grund ist der Preis. Europäische Aktien sind derzeit billig. In den USA lag das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis über die letzten zehn Jahre bei 24,6, in Japan gar bei 26. In Europa hingegen lag dieses Verhältnis in der gleichen Zeitspanne bei 15,7, selbst beim Musterknaben Deutschland war es bloss 17,6.

Die reale Entwicklung zeigt etwas anderes

Zudem ist die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Einheitswährung verschwunden. Man glaubt Angela Merkel, dass sie den Euro um jeden Preis verteidigt, und Mario Draghi hat bekanntlich geschworen, alles zu unternehmen, um der europäischen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Mit Genugtuung nehmen die Investoren auch zur Kenntnis, dass die EZB nun ernsthaft gewillt ist, das europäische Bankensystem auf sichere Füsse zu stellen. 130 führende Geldinstitute sollen mit einem einheitlichen Verfahren auf Herz und Nieren getestet werden. Die beiden bisherigen Stresstests der europäischen Banken waren ein schlechter Witz.

Trotzdem passt der Börsenboom nicht zur Entwicklung der realen Wirtschaft. Es ist schön, dass die spanische und die britische Wirtschaft aus der Rezession gefunden haben und dass Irland bald wieder Geld auf den Finanzmärkten aufnehmen kann. Als Ganzes ist die europäische Wirtschaft jedoch noch sehr wacklig. Draghis überraschende Zinssenkung ist kein Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche. Die EZB hat ihre Wachstumsprognosen für Euroland auf mickrige 1,1 Prozent zurückgeschraubt. Europa leidet zudem nach wie vor unter einer Kreditklemme. Die Septemberzahlen zeigen, dass die Banken verglichen zum Vorjahr ihre Bilanzen erneut um 7 Prozent verkürzt haben, will heissen: Sie haben nochmals deutlich weniger Kredite erteilt.

Droht Europa das japanische Schicksal?

All dies deutet darauf hin, dass die Wachstumsschwäche anhalten wird. Viele Ökonomen befürchten gar, dass Europa eine Deflationsperiode droht, wie sie Japan erst kürzlich überwunden hat. Selbst wirtschaftspolitische Hardliner wie der Harvard-Professor Kenneth Rogoff – er war ökonomischer Berater von Mitt Romney – fordern die EZB auf, dafür zu sorgen, dass die Inflation zunimmt. Die EZB verfolgt ein Inflationsziel von zwei Prozent. Derzeit liegt die Teuerung unter einem Prozent.

Die langen Jahre der Austeritätspolitik haben Europa schweren Schaden zugefügt. Die gesamte Wirtschaftsleistung innerhalb der Einheitszone liegt heute 3,1 Prozent unter dem Stand vor Ausbruch der Krise, sie ist auch 1,1 Prozent tiefer als vor einem Jahr. Der Börsenboom könnte sich so als Strohfeuer entpuppen.

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