Ein Schreckenszenario für die Eurozone und die Schweiz

Welche Wirkung eine Rezession in der Eurozone für die Stabilität der Währungsunion hätte und was die Folgen für die Schweiz wären.

Auswirkungen einer Finanzkrise: Polizei und Demonstranten geraten während Protesten gegen Zwangsvollstreckungen in Athen 2017 aneinander. (29. November 2017)

Auswirkungen einer Finanzkrise: Polizei und Demonstranten geraten während Protesten gegen Zwangsvollstreckungen in Athen 2017 aneinander. (29. November 2017) Bild: Thanassis Stavrakis/Keystone

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Nach ein paar starken Jahren mit hohem Wachstum sind die jüngsten Konjunkturdaten aus der Eurozone ernüchternd. Immerhin rechnet für den ganzen Wirtschaftsraum bisher niemand mit einer bald eintretenden Rezession. Doch was geschieht, wenn es mittelfristig dazu kommt – oder zu einer noch schlimmeren Krise? Dieser Frage sind Ökonomen der Grossbank UBS in einer neuen Studie nachgegangen. Das Thema hat für die Schweiz eine besondere Relevanz, weil die Eurozone unser mit Abstand wichtigster Handelspartner ist, weil sich die Politik der Schweizerischen Nationalbank eng an jene der Europäischen Zentralbank anlehnt und weil auch die Migration aus der EU stark von der konjunkturellen Entwicklung dort abhängt.

Die Autoren der Studie haben drei Szenarien zur wirtschaftlichen Entwicklung aufgestellt. Nur in einem davon kommt es zu keiner Rezession und zu einer Normalisierung auch der Geldpolitik. Ein weiteres Szenario spielt die Folgen einer milden Rezession durch, und ein letztes dreht sich um die Folgen einer Katastrophe im Ausmass der Finanzkrise von 2008 mit einem Einbruch der Wirtschaft um insgesamt 6 bis 7 Prozentpunkten über eineinhalb Jahre.

Der Auslöser kommt von der Weltwirtschaft

Keines der Szenarien ist als Prognose zu verstehen, dennoch rechnen die Ökonomen eher mit einer weiteren Abschwächung der Eurozone in den nächsten Jahren. Den Auslöser dafür sehen sie allerdings nicht in der Eurozone selbst, sondern in anderen Weltgegenden. Eine weitere Abschwächung in China könnte ein Grund dafür sein oder eine Rezession in den USA. Dass es zu einer solchen bis Ende 2021 kommen könnte, damit rechnet laut der Studie sogar die Mehrheit der Ökonomen.

Je nach dem Ausmass einer Rezession in der Eurozone gleichen die von den UBS-Ökonomen berechneten Folgen stark den Entwicklungen, wie wir sie auf dem Höhepunkt der Eurokrise in den Jahren von 2010 bis 2012 gesehen haben, als zeitweise die Existenz des Euro infrage stand. Grund dafür war ein weitgehender Zusammenbruch des Vertrauens in die Regierungen der südlichen Länder der Währungsunion, ihre Schulden bedienen zu können. Aus diesem Grund mussten diese Länder immer höhere Zinsaufschläge für ihre Schulden bezahlen, was ihre Schuldentragfähigkeit weiter beeinträchtigt hat.

Erst das entschiedene Eingreifen von Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hat die Lage wieder stabilisiert. Berühmt geworden ist damals seine Aussage, dass er alles tun werde, was nötig ist, um die Eurozone zu retten. Damit war gemeint, dass die EZB im Notfall und unter Bedingungen ohne Einschränkung die Staatsanleihen gefährdeter Länder aufkaufen würde, damit diese nicht wegen steigender Risikoaufschläge auf ihren Zinsen in den Ruin getrieben werden.

Nicht die Reformen sorgten für Stabilität

Seit dieser Zeit ist die Wirtschaft der Eurozone stark gewachsen, und eine Reihe weiterer Umstände haben sich verbessert: So verzeichnen sehr viel weniger Mitgliedsländer Defizite im Aussenhandel, und wo sie noch bestehen, sind die Defizite meist gefallen. Das Gleiche gilt für die Staatsdefizite der Mitgliedsländer.

Doch das liegt weniger an fundamentalen politischen Reformen als vielmehr an einer besseren Konjunktur. Profitiert haben die Europäer in jüngster Zeit vor allem von einer guten Lage in der Weltwirtschaft. Das zeigt sich etwa daran, dass der Handelsüberschuss der gesamten Währungsunion seit der Eurokrise bis 2017 jedes Jahr angestiegen ist und im erwähnten geringeren Anteil der Länder, die weiter Aussenhandelsdefizite verzeichnen. Gegen eine Entwarnung spricht zudem der Umstand, dass die Verschuldung der Euroländer nach wie vor aussergewöhnlich hoch ist. Nur in acht von insgesamt 19 Euromitgliedsländern liegt die Staatsverschuldung unter 60 Prozent gemessen am Bruttoinlandprodukt – über diese Marke dürfte sie gemäss den Regeln der Währungsunion eigentlich gar nicht steigen.

Die grosse Bedeutung der Weltkonjunktur für die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone erklärt auch, warum die UBS-Ökonomen den Auslöser einer Krise ausserhalb von Europa verorten. Dabei heben sie hervor, dass neben den USA vor allem Schwellenländer eine sehr grosse Bedeutung für die Europäer haben. Der Exportanteil dieser Länder am BIP der Eurozone ist sogar doppelt so hoch wie jener der USA. Die Banken sind gegenüber diesen Ländern sogar fast dreimal so stark exponiert wie jene der Amerikaner.

Bei einer erneuten dramatischen Rezession in der Eurozone dürfte wie beim letzten Mal das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit stark verschuldeter Länder einbrechen. Was im Vergleich verschlimmernd dazukommt, ist der Umstand, dass die Europäische Zentralbank bereits eine aussergewöhnlich expansive Geldpolitik verfolgt – unter anderem mit Negativzinsen für Einlagen von Banken auf ihren Konten. Ihre Möglichkeiten, helfend einzugreifen, sind daher geringer als noch zur Zeit der Eurokrise. Der vorgesehene Kauf von Staatsanleihen von Staaten in der Krise würde ausserdem auf grossen Widerstand aus Ländern des reicheren Nordens stossen, sowie auf rechtliche Hürden.

Die Schuldenspirale droht erneut

Da in einer Krise die Staatsdefizite wieder ansteigen werden, wird die Lage für bereits hoch verschuldete Länder erneut gefährlich. Das betrifft neben Griechenland auch grosse Mitgliedsländer wie Italien, aber auch Frankreich, dessen Bruttoschuld sich gemessen am Bruttoinlandprodukt ebenfalls auf fast 100 Prozent beläuft; in Italien sind es mehr als 130 Prozent, im wirtschaftlich gesehen weniger bedeutenden Griechenland beinahe 180 Prozent.

Griechenlands gehandelte Staatsschulden haben bei Ratingagenturen bereits jetzt ein Rating, das nur knapp über dem Status von Schrottanleihen liegt, in der Fachsprache heisst das, sie haben keinen Investmentgrade mehr. Jene Italiens sind nicht weit davon entfernt, und es droht eine Abstufung. Anleihen mit einem derart tiefen Rating dürfen von institutionellen Anlegern wie Pensionskassen nicht mehr gehalten werden, und auch die EZB darf sie nicht kaufen. Eine Abstufung unter den Investmentgrade droht daher eine Lawine an Verkäufen auszulösen und zu einer Explosion der Zinskosten zu führen. Die Bereitschaft der reicheren Euroländer, auszuhelfen, dürfte deshalb sinken, weil sie befürchten würden, durch die Vergabe von Krediten – auch für Hilfspakete – selber eine Rating-Rückstufung zu riskieren.

Sollte es zu einer Krise mit solchen Folgen kommen, dürfte laut den UBS-Ökonomen die EZB ihre Zinsen weiter in den negativen Bereich senken und sich auch andere Massnahmen überlegen, die aktuell niemand für möglich hält – bis hin zur Abwertung des Bargeldes, wie das Ökonomen des Internationalen Währungsfonds bereits angedacht haben. Die Bereitschaft zu einem derart extremen Vorgehen dürfte besonders dann steigen, wenn auch andere Notenbanken, wie das Fed in den USA, seinerseits die Zinsen stark senkt – denn die Annahme lautet ja, dass die Krise von der Entwicklung der Weltwirtschaft ausgeht. Ohne extreme Massnahmen der EZB droht sonst eine Aufwertung des Euro, was die Lage für die Währungsunion noch weiter verschärfen würde. Angesichts solcher Umstände ist gemäss der Studie auch mit einem deutlichen Zulauf von populistischen Parteien zu rechnen.

Die Schweiz könnte sich nicht entziehen

In der Falle wäre auch die Schweiz. Die Nationalbank käme gemäss UBS-Ökonomen auch nicht darum herum, ihren Leitzins noch weiter ins Negative zu senken. Wie zur Zeit der Eurokrise bestünde dann die Gefahr einer starken Frankenaufwertung angesichts der Funktion unserer Währung als sicherer Hafen, alleine darunter würden die Schweizer Exporteure leiden. Gleichzeitig würden sie aber auch unter der gesunkenen Nachfrage angesichts einer schwachen Weltkonjunktur und der Krise in der Eurozone leiden.

Dass es zu einer derart schlimmen Entwicklung kommt, ist alles andere als sicher. Auch die UBS-Ökonomen prognostizieren das nicht. Ihre Studie macht aber deutlich, wie gering der Spielraum der Euroländer und der EZB in einer weiteren Krise ist – und wie stark die Schweiz von deren Entwicklung betroffen bleibt.

Erstellt: 12.04.2019, 06:51 Uhr

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