Geld auf Sparkonten verliert an Wert, Zins gibts auch keinen mehr

Die UBS zahlt auf Spareinlagen keinen Zins mehr, schliesst Negativzinsen aber noch aus. Gemessen an der Kaufkraft existieren sie doch bereits.

Als erste Schweizer Grossbank senkt die UBS den Zinssatz auf dem Sparkonto per Juni auf 0 Prozent.

Als erste Schweizer Grossbank senkt die UBS den Zinssatz auf dem Sparkonto per Juni auf 0 Prozent. Bild: Keystone

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Wie das Sackmesser, die Schokolade oder die Uhr war das Sparkonto bei einer Schweizer Bank etwas, was man ganz besonders mit dem Land in Verbindung brachte. Es stand für eine Einstellung – für Zurückhaltung beim Ausgeben und für Weitsicht. Aber auch für das Vertrauen in die Banken.

Und ein Sparkonto hatte gegenüber gewöhnlichen Einlagen auf einem Kontokorrentkonto einen wichtigen Vorteil: Für die etwas eingeschränkte Verfügbarkeit des Geldes wurde man mit höheren Zinsen belohnt. So steht es auch in der Beschreibung des Sparkontos bei der UBS: «Es zeichnet sich durch eine kostenlose Kontoführung und eine gegenüber dem UBS-Privatkonto höhere Verzinsung aus.»

Ab dem kommenden Monat aber bleibt die Belohnung aus. Wie der Finanz-Online-Vergleichsdienst Moneyland.ch heute berichtet und sich beim Blick auf die UBS-Konditionen bestätigt, senkt die Grossbank per Juni den Zinssatz auf dem Sparkonto auf null Prozent. Den gleichen Satz erhält man auf dem Privatkonto der Bank, dort zahlt man allerdings zusätzlich Gebühren, was faktisch einem Negativzins für die Einlagen gleichkommt.

0,07 Prozent im Mittel bei allen Banken

Wie eine Zusammenstellung von Moneyland.ch zeigt, ist die UBS die erste grosse Bank, die Zinsen auf den Spareinlagen streicht. Bei anderen Instituten sind sie allerdings auch nicht viel höher. «Die Zinssätze von Schweizer Banken auf den Sparkonten für Erwachsene betragen im arithmetischen Durchschnitt gerade noch 0,07%. Bei Sparkonten für Jugendliche sind es im Durchschnitt 0,55%, auf Säule-3a-Konten 0,23% und auf Freizügigkeitskonten noch 0,07%», schreibt der Vergleichsdienst.

Wie er in einer Aufstellung zeigt, zahlen mit nur 0,05 Prozent auf Spareinlagen die Raiffeisen, die Bank Cler, die Basler und die Luzerner Kantonalbank noch am meisten. Rechnet man den Geldwertverlust von geschätzten 0,3 Prozent im laufenden Jahr mit ein – sie entspricht der Inflationsschätzung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) –, verliert man selbst bei den grosszügigsten Sätzen an Kaufkraft.

Die UBS dürfte ohnehin kaum die einzige Bank bleiben, die die Zinsen auf Spareinlagen zum Verschwinden bringt: «Da sich die übrigen Schweizer Banken bei den Zinsen und Kosten häufig an den Grossbanken orientieren, kann sich die neue Zinssenkung der UBS auch auf die Kunden anderer Banken negativ auswirken», schreibt Moneyland-Geschäftsführer Benjamin Manz. Beim Vergleichsdienst hält man es sogar für möglich, dass künftig auf Sparkonten Negativzinsen eingeführt werden.

«Keine Negativzinsen für Kleinsparer»

Die UBS selbst erklärt in einer Stellungnahme ihre Zinssatzanpassung mit der generellen Zinsentwicklung: «Das sehr niedrige respektive negative Zinsumfeld führt dazu, dass Banken auf Kundeneinlagen Negativzinsen zahlen müssen. Wir gehen davon aus, dass diese Tiefzinsphase noch länger anhalten wird. Aus diesem Grund hat UBS entschieden, die Zinssätze anzupassen», schreibt die Bank.

Zur Möglichkeit künftiger Negativzinsen für Kleinsparer gibt sie Entwarnung: «UBS beabsichtigt jedoch nicht, Negativzinsen an Kleinsparer weiterzugeben.»

Das es dennoch dazu kommt, ist mit Blick auf das internationale Zinsumfeld und die Politik der SNB keineswegs ausgeschlossen. Die Nationalbank verrechnet den Banken bereits jetzt einen Negativzins von –0,75 Prozent auf deren Einlagen ab einer gewissen Höhe. Die Folge ist, dass die Banken sich für kurzfristige Ausleihungen ebenfalls einen Negativzins verlangen. Deshalb liegt auch der Dreimonats-Libor – er dient der SNB auch als Leitzins – bei –0,75 Prozent.

Die Alternative zum Aufbewahren von Geld ist: ausgeben.

In der Schweiz soll das Halten von Geld so unattraktiv wie möglich sein: So lautet das erklärte Ziel dieser Politik. Sie soll vor Anlagen in Schweizer Franken abschrecken und so eine erneute Aufwertung des Frankens verhindern.

Ein zweites Motiv von Ländern mit Negativzinsen besteht darin, die Ausgaben der Leute und die Investitionen zu befeuern. Es auszugeben ist die Alternative zum Aufbewahren von Geld. Durch eine so erhöhte Nachfrage sollen die Auslastung der Wirtschaft und die Inflation steigen, die den Zielwert der meisten Notenbanken verfehlen – so auch in der Schweiz, wo er bei rund 2 Prozent Inflation liegt.

Ein anhaltendes Übel

Die Negativzinsen waren überall, wo sie eingeführt wurden, nur als vorübergehende Massnahme gedacht. Doch überall scheinen sie sich zu halten. Und dies, obwohl ihre Wirksamkeit zunehmend umstritten ist. So weisen etwa Adriel Jost und Klaus Wellershoff von Wellershoff Partners darauf hin, dass Pensionskassen ihre Mittel trotz Negativzinsen in der Schweiz nicht vermehrt im Ausland investiert haben. Auch Daten zum übrigen Investitionsverhalten der Bevölkerung zeigen keine anhaltenden Änderungen bei Anlagen im Ausland.

Stefan Gerlach, Chefökonom der Bank EFG, hält in einer Forschungsnote fest, die SNB habe bisher noch nicht zeigen können, wie sich ihre tiefen Negativzinsen auf den Währungskurs auswirken. Wenn schon, hätten nicht die von ihr gesetzten Kurzfristzinsen eine Auswirkung auf den Aussenwert des Frankens, sondern die Langfristzinsen, die die Notenbank nur indirekt beeinflussen kann und auf die noch andere Faktoren wirken, wie etwa die Erwartungen zur künftigen Wirtschaftslage oder die Erwartung der künftigen Geldpolitik.

Die Negativzinsen dürften noch länger Bestand haben.

Mit Verweis auf Schweizer Banker und Versicherungsvertreter schreibt das «Wall Street Journal» in der heutigen Ausgabe, selbst die Absicht für generell höhere Ausgaben zu befeuern, würden mit Negativzinsen verfehlt. In einigen Fällen haben die Banken ihre Kredite und Hypotheken sogar verteuert, weil die Negativzinsen auf ihrer Ertragskraft lastet. Dennoch haben die Negativzinsen den Boom am Immobilienmarkt befeuert, was zu einem Risiko für die Finanzstabilität geworden ist.

Trotzdem: Die Negativzinsen dürften noch länger Bestand haben – einige Prognostiker rechnen sogar damit, dass die SNB sie noch weiter Richtung –1 Prozent senkt. Der Grund ist die wieder wachsende Unsicherheit betreffend wirtschaftliche und politische Entwicklung in Europa.

Heute hat die OECD die Aussichten für die Schweiz auf ein Wirtschaftswachstum von noch einem Prozent gesenkt. Noch vor kurzem gingen die meisten Erwartungen von Rund 1,5 Prozent aus. Im Vorjahr wuchs die Schweizer Wirtschaft um 2,5 Prozent. Weltweit wird die Wirtschaft sich laut OECD so schwach entwickeln, wie seit 30 Jahren nicht mehr. Sollten die eben von US-Präsident Trump verschärften Massnahmen gegenüber China – und dessen Gegenmassnahmen – in Kraft bleiben oder der Handelskrieg noch weiter eskalieren, dürften sich die Aussichten für die Weltwirtschaft und die Schweiz noch weiter verdüstern.

Wirtschaftliche und politische Unsicherheit

Bereits die anstehenden Wahlen ins Europaparlament und die Sorgen vor einem ungeordneten Brexit haben zu einer erneuten Aufwertung der Schweizer Währung geführt – aktuell kostet der Euro wieder unter 1.13 Franken. Die Unsicherheit um Europa war bisher der wichtigste Treiber einer Aufwertung. Und die SNB versteht ihre Negativzinsen vor allem als Signal ihrer Entschlossenheit, sich einer solchen Entwicklung entgegenzustemmen.

Doch selbst wenn die SNB die Zinsen anheben würde, dürften sie im negativen Bereich bleiben, im besten Fall nahe der Nullgrenze. Dafür sind auch weltweite strukturelle Faktoren verantwortlich, worauf jüngst auch SNB-Präsident Thomas Jordan hingewiesen hat: Die Alterung der westlichen Gesellschaften führt zu wachsenden Spareinlagen, während die im Vergleich zu früher schwächere Wirtschaftsentwicklung auf den Investitionen lastet. Ein grösseres Angebot an Spargeldern und eine sinkende Nachfrage sorgt für ein tieferes Zinsniveau.

Angewandt auf die weitere Entwicklung der Zinssätze auf den Bankkonten bedeutet das, dass statt mit einer Erhöhung eher mit weiteren Senkungen der Zinsen gerechnet werden muss. Und ohne fundamentale Änderungen im (welt-)wirtschaftlichen Umfeld sind auch Negativzinsen für gewöhnliche Bankkunden nicht mehr ausgeschlossen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.05.2019, 17:05 Uhr

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