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Eine globalisierte Wirtschaft ist keine Garantie für den Frieden

Vor 100 Jahren war die Welt wirtschaftlich ähnlich eng vernetzt wie heute – trotzdem kam der Krieg. Es mehren sich die gefährlichen Parallelen zu damals.

China ist ein wirtschaftlicher Riese – und bald auch ein militärischer: Militärparade in Peking (1. Oktober 2009).
China ist ein wirtschaftlicher Riese – und bald auch ein militärischer: Militärparade in Peking (1. Oktober 2009).
Nir Elias, Reuters
Der tägliche Horror des ersten Weltkriegs: Amerkanische Truppen stürmen in einem nicht mehr bekannten Schlachtfeld in Europa eine Anhöhe.
Der tägliche Horror des ersten Weltkriegs: Amerkanische Truppen stürmen in einem nicht mehr bekannten Schlachtfeld in Europa eine Anhöhe.
Keystone
Ein einfältiger Frömmler: Zar Nikolaus II von Russland in Militäruniform.
Ein einfältiger Frömmler: Zar Nikolaus II von Russland in Militäruniform.
Keystone
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1909 erschien in Grossbritannien das Buch «The Great Illusion» des Journalisten Norman Angell. Seine These lautet zusammengefasst wie folgt: Die Wirtschaft ist inzwischen so globalisiert, dass Krieg ökonomisch unmöglich geworden ist. Alle würden verlieren, und zwar im grossen Stil, niemand würde etwas gewinnen. Zudem wäre ein solcher Krieg auch gar nicht mehr zu finanzieren. Für Angell stand die Menschheit und vor allem Europa – damals noch mit Abstand der reichste Kontinent – vor einer gloriosen Zukunft: einer friedlichen Welt, in der dank technischer Innovation und wirtschaftlichem Fortschritt bald alle Menschen ein gutes Leben haben würden.

Margaret MacMillan, eine in Oxford lehrende britische Historikerin, zeigt in ihrem Buch «The War That Ended Peace» auf, warum Angell zwar ökonomisch gesehen recht gehabt hatte und trotzdem total falsch lag. «Was Angell und andere übersehen haben, waren die Nachteile der Abhängigkeiten, die durch die Globalisierung geschaffen wurden», schreibt MacMillan in einem Essay des Brooking Institute.

Grossbritannien war Deutschlands wichtigster Handelspartner

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der alte Landadel durch einen neuen, städtischen Geldadel und durch einen aufstrebenden Mittelstand immer heftiger bedrängt. Gleichzeitig wurden die Fabrikarbeiter ausgebeutet; sie waren vom Segen der Globalisierung ausgeschlossen. Unter diesen Umständen gedieh eine üble Mischung aus Nationalismus, Militarismus und Antisemitismus. Philosophisch untermauert wurde diese Ideologie durch den damals dominierenden Sozialdarwinismus, wie ihn etwa Herbert Spencer, Oswald Spengler, aber auch Friedrich Nietzsche vertraten.

Dazu gesellte sich die Charakterschwäche der Mächtigen. Kaiser Wilhelm II. war ein unsicherer Kraftprotz, Zar Nikolaus II. ein einfältiger Frömmler. Beide umgaben sich mit opportunistischen Einflüsterern. In Frankreich wurde die Dritte Republik von permanenten politischen Krisen erschüttert, die heftigste davon war die Dreyfus-Affäre. Grossbritannien dämmerte in seiner «splendid isolation», und Österreich war eben Österreich.

Ein dekadenter Landadel, eine durch die Globalisierung gespaltene Gesellschaft, ein unsinniges Flottenwettrüsten zwischen Deutschland und Grossbritannien, eine perverse Weltanschauung, unfähige Politiker und Militärs und rasch um sich greifender Nationalismus haben Europa vor 100 Jahren in eine Katastrophe geführt, die sich auch heute noch nicht rational erklären lässt. Entscheidend dabei ist jedoch, dass auch die ökonomischen Abhängigkeiten der Staaten untereinander – Deutschland war für Grossbritannien der wichtigste Handelspartner und umgekehrt – den Krieg nicht verhindern konnten. Eine globalisierte Wirtschaft ist daher keine Garantie für den Frieden.

Globalisierung fördert Lokalismus

Angells These ist auch heute noch weit verbreitet. Der sehr einflussreiche Kolumnist der «New York Times», Thomas Friedman, greift immer wieder die These auf, wonach Länder, die in der gleichen Zuliefererkette der Multis miteinander verbandelt sind, auf keinen Fall Krieg gegeneinander führen können. Margaret MacMillan winkt ab. «In der Welt von heute gibt es beunruhigende Parallelen», stellt sie fest. «Quer durch Europa und die Vereinigten Staaten bilden rechtsradikale Bewegungen wie die Tea Party oder die British National Party das Ventil für die Frustration und Angst der Menschen, die mit dem raschen Wandel und der wachsenden Jobunsicherheit nicht zurecht kommen. (…) Die Globalisierung kann auch den paradoxen Effekt haben, dass sie intensiven Lokalismus fördert, und die Menschen so einschüchtert, dass sie Zuflucht in kleinen, gleichgesinnten Gruppen suchen.»

Vor hundert Jahren hat der Erste Weltkrieg die Menschen völlig überrumpelt. Zuvor war das 19. Jahrhundert für europäische Verhältnisse sehr friedlich verlaufen. Doch gerade der Standortwettbewerb einer globalisierten Wirtschaft kann gefährliche Nebenwirkungen aufweisen. «Auf nationaler Ebene verstärkt die Globalisierung die Rivalitäten und Ängste zwischen Ländern, von denen man eigentlich erwartet, dass sie befreundet sind», warnt Margaret MacMillan. Ihr Wort in Gottes Ohr!

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