Druck auf Franken, Börsen geben nach – Italien steckt Märkte an

Jäher Absturz: Erstmals seit Monaten durchbricht der Euro die Marke von 1.15 Franken nach unten.

Die Nervosität steigt: Handelsraum einer grossen Bank in Zürich.

Die Nervosität steigt: Handelsraum einer grossen Bank in Zürich. Bild: Keystone

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1.1448 Franken kostete ein Euro kurz nach 19 Uhr noch. Letztmals notierte die Gemeinschaftswährung Ende Februar weniger als 1.15 Franken. Die politischen Querelen in Italien mit ihren Ansteckungsgefahren für die Finanzmärkte hat die Schweizer Aktien am Dienstag arg unter Druck gesetzt. Während die Aktienkurse weiter fielen, waren verstärkt sichere Häfen wie Staatsanleihen und auch der Schweizer Franken gefragt.

Der Euro fiel im späten Handel deutlich auf unter 1,15 Franken zurück. Unternehmensnews und Konjunkturdaten traten am Berichtstag eher in den Hintergrund.

Seit 8 Uhr morgens geht es steil abwärts: Der Euro-Kurs zum Franken.

«Die Anleger zittern ein wenig vor einer Südeuropa-Schuldenkrise 2.0», fasste ein Händler die Stimmungslage zusammen. Nach der gescheiterten Regierungsbildung in Italien droht in dem hoch verschuldeten Land ein Zweikampf zwischen den populistischen Kräften sowie Staatspräsident Sergio Mattarella.

Der Swiss Market Index (SMI) fiel am Dienstag um 1,58 Prozent auf 8637,20 Punkte und schloss damit nur knapp unter dem Tagestief. Der breite Swiss Performance Index (SPI) büsste 1,45 Prozent auf 10'353,03 Punkte ein.

Wie so oft bei schlechten Nachrichten aus der Peripherie der Eurozone gaben Finanzwerte besonders stark nach. Gerade Banken und Versicherer halten eine grosse Zahl an Staatsanleihen in ihrem Portfolio und Anleger zogen sich gezielt aus solchen Risiken zurück. Hinzu kommt laut Analysten, dass sich die Normalisierung der Geldpolitik in der Eurozone hinauszögern könnte.

Bank- Versicherungsaktien zählen zu den Verlierern

Bei den Banken verlor Credit Suisse 3,7 Prozent, UBS 3,1 Prozent und Julius Bär 2,1 Prozent. Auch die Versicherer Zurich (-3,0 Prozent), Bâloise (-3,4 Prozent), Swiss Life (-3,2 Prozent) und Swiss Re (-3,5 Prozent) standen deutlich unter Druck. Zyklische Papiere standen auch auf den Verkaufszetteln. So gaben etwa Adecco um 2,0 Prozent, ABB um 1,9 Prozent und Aryzta um 1,8 Prozent nach.

Von starken Daten zu den Schweizer Uhrenexporten profitierten nur Swatch. Die Swatch-Aktie büsste mit 0,5 Prozent weniger als der Gesamtmarkt und auch klar weniger als Branchennachbar Richemont (-1,7 Prozent) ein. Der zum Euro wieder erstarkte Franken habe die Papiere des Genfer Luxusgüterkonzerns gebremst, hiess es im Handel.

Die defensiven Schwergewichte Novartis (-1,6 Prozent), Roche (-0,6 Prozent) und Nestlé (-0,9 Prozent) gaben kaum Gegensteuer. Der Nahrungsmittelmulti baut seine weltweite Informatik um, was bis zu 500 Stellen in der Schweiz kosten könnte. Und bei Roche sorgten Daten aus einer derzeit laufenden Kombinations-Studien mit dem Immun-Therapeutikum Tecentriq für einen gewissen Hoffnungsschimmer. Gut im Markt lagen bei den Blue Chips einzig die Valoren des Hörgeräteherstellers Sonova ( 0,1 Prozent).

Finanzmärkte unter Stress

Die politischen Querelen in Italien setzen die Finanzmärkte weltweit unter Druck. Nachdem sich am Montagmorgen zunächst noch eine vergleichsweise entspannte Haltung der Investoren angedeutet hatte, drehte die Stimmung im Tagesverlauf merklich. Dass die Reaktionen an diesem Dienstag noch deutlicher ausfallen könnten, liegt vor allem daran, dass zum Wochenstart sowohl in Grossbritannien als auch den USA die Börsen wegen Feiertagen geschlossen geblieben waren.

Mit der gescheiterten Regierungsbildung droht jetzt ein institutioneller Zweikampf zwischen den beiden populistischen Kräften Fünf Sterne und Lega einerseits sowie Staatspräsident Sergio Mattarella andererseits. So wird das Land bis zu den Neuwahlen wohl keine handlungsfähige Regierung haben, da die von Mattarella vorgesehene Expertenregierung im Parlament keine Mehrheit finden wird.

Notenbank sorgt sich um mögliche Vertrauenskrise

Die Sorge um die politische Hängepartie ist mittlerweile auch auf Asien übergeschwappt, wo die Märkte an diesem Morgen leichter aus dem Handel gegangen sind. Auch der US-Markt startete nach dem verlängerten Wochenende schwach in die Handelswoche.

Wenig förderlich dürften vor diesem Hintergrund auch die Aussagen der italienischen Notenbank sein, die vor einem Verlust des Vertrauens in Italien gewarnt hat. «Wir dürfen niemals vergessen, dass wir immer nur ein paar Schritte vom sehr ernsten Risiko eines Verlusts des unersetzbaren Guts von Vertrauen entfernt sind», sagte Ignazio Visco, Gouverneur der italienischen Notenbank, am Dienstag in Rom. Eine Finanzkrise müsse vermieden werden. Visco bestimmt auch im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) über die Geldpolitik mit.

Verheerende Folgen für Banken

Eine Vertrauenskrise hätte vor allem auch für zahlreiche italienische Banken verheerende Folgen. Wie eine Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigt, machen italienische Staatspapiere etwa 20 Prozent der Vermögenswerte der italienischen Banken aus, zitiert etwa das Onlineportal «Zerohedge». Teilweise übersteigt die Höhe der Staatsanleihen das Tier1-Kapital um das Vierfache, heisst in dem Bericht weiter. Nicht überraschend also, dass Bankaktien europaweit zu den grössten Verlierern zählen. (cpm/sda)

Erstellt: 29.05.2018, 10:17 Uhr

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