Falsche Roboter-Angst

Maschinen würden menschliche Arbeit ersetzen und die Gesellschaft spalten: Diesen Schrecken schüren Studien in jüngster Zeit. Es gibt da aber einen Haken.

Trotz gewaltiger Forschritte in der Technologie zeichnet sich noch kein Ersatz menschlicher Arbeit ab: Ein sogenannter Pepper-Roboter wartet in der japanischen Hauptstadt Tokio auf Kundschaft.

Trotz gewaltiger Forschritte in der Technologie zeichnet sich noch kein Ersatz menschlicher Arbeit ab: Ein sogenannter Pepper-Roboter wartet in der japanischen Hauptstadt Tokio auf Kundschaft. Bild: Franck Robichon/Keystone

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Die Angst, dass Roboter dereinst menschliche Arbeit ersetzen, steht immer mehr im Zentrum von ökonomischen, politischen und soziologischen Debatten. Anlass dazu ist das, was als vierte industrielle Revolution bezeichnet wird. Die technologischen Möglichkeiten sind verblüffend. Besonders deutlich zeigen sie sich in der Möglichkeit von selbstfahrenden Autos.

Diese Aussicht befeuert zu einem grossen Teil auch die Debatten zur globalen Ungleichheit und, eng damit verknüpft, jene zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Denn wenn die Roboter die Arbeit überflüssig machen, dann entfällt für die bisherigen Beschäftigten die Einkommensgrundlage. Besser dran wäre die Kapitalseite: die Investoren in Roboter und in moderne Technologien. Eine explodierende Ungleichheit und Abhängigkeit der Ärmeren von den Reicheren wäre die Folge – und die Schreckensvision einer Dienstbotenklasse, die nur noch über Leistungen für die Reichen überhaupt zu einem Einkommen gelangen kann. Ein garantiertes Grundeinkommen bietet sich hier natürlich als Lösung an. Weil es den aus bisherigen Arbeitsprozessen Herausgefallenen dennoch ein mehr oder weniger würdiges Leben sichert und weil die Mittel zur Finanzierung in dieser Vision vorhanden wären.

Nicht mit modernen Institutionen verträglich

Eine der Lücken dieser Szenarien ist allerdings, dass schwer vorstellbar ist, wie eine derart gespaltene Gesellschaft in modernen Demokratien funktionieren kann. Wie ein solches System von den breiten Massen akzeptiert würde. Der Vision fehlt eine Vorstellung von den Institutionen, eine solche Gesellschaft stabil halten könnten. Und es bliebe offen, wie so genügend Nachfrage für all die Produkte geschaffen würde, die die Roboter in Massen herstellen.

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Und von einem technologischen Fortschritt ist nicht nur unsere Zeit geprägt. Seit Beginn der ersten industriellen Revolution Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben technologische Errungenschaften das Arbeiten komplett verändert. Die Arbeitszeit ist seither deutlich zurückgegangen. Die meisten Jobs von damals gibt es nicht mehr und die dominierenden von heute konnte noch niemand erahnen. Die Angst, dass durch neue Technologien die Arbeit ausgeht und damit die Einkommensmöglichkeiten, hat schon damals grösste Angst ausgelöst und Arbeiter – in der sogenannten Bewegung der Ludditen – dazu gebracht, Fabriken anzuzünden.

Weil der technologische Fortschritt neue Möglichkeiten schafft und die Einkommen erhöht, können sich Menschen neue Dinge leisten. Neue Konsum- und Freizeitmöglichkeiten und neue Dienstleistungen schaffen neue Nachfrage, neue Berufe, neue Jobs. Ökonomen haben sich deshalb bisher noch nie wegen der technologischen Entwicklung Sorgen um genügend Arbeit gemacht. Arbeitslosigkeit galt immer nur als Wirkung von konjunkturellen Nachfragestörungen, die nach einiger Zeit und der richtigen Wirtschaftspolitik wieder behoben wird, oder dann als Folge von strukturellen Problemen: etwa weil zu wenig Wettbewerb herrscht oder der Arbeitsmarkt Regeln enthält, die den Strukturwandel behindern.

Doch die bisherige Geschichte scheint selbst die Ökonomenzunft nicht mehr ganz zu überzeugen. Ein theoretischer Grund dafür ist, dass neue Roboter selbst die Jobs ausüben können, die durch neue Bedürfnisse, Einkommen und Möglichkeiten entstehen. Der wichtigere Grund für die neue Unsicherheit dürfte aber in der Entwicklung auf den Arbeitsmärkten seit der Finanzkrise liegen. Dass in vielen Ländern die Arbeitslosigkeit so lange so hoch bleiben würde und der Anteil der Beschäftigten an der arbeitsfähigen Bevölkerung derart schrumpft, war mit den gängigen Modellen der Ökonomen nicht zu erwarten. Die Roboter-Entwicklung bietet sich hier als willkommene Erklärung an.

Roboter fehlen in den Daten

Doch Roboter können schneller und länger arbeiten als Menschen. Ihr Einsatz müsste sich daher in einer gewaltigen Steigerung der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft niederschlagen. Und genau davon ist überhaupt nichts zu sehen. Im Gegenteil, das Wachstum der Produktivität ist im historischen Vergleich sogar ausgesprochen tief – und dies weltweit. Das Roboterzeitalter dominiert zwar die Debatten, in den Daten ist davon hingegen nichts zu sehen.

Über die Gründe für das schwache Produktivitätswachstum streiten Ökonomen intensiv. Die Protagonisten des aufkommenden Roboterzeitalters argumentieren, die neuen technologischen Möglichkeiten würden sich in den Daten nicht zeigen, weil unter anderem viele IT-Leistungen äusserst günstig oder sogar gratis sind – trotz ihrem hohen Nutzen für die Leute. Studien zeigen aber, dass selbst solche Fehlmessungen das schwache Wachstum der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft nicht erklären können. Der Ökonom Robert Gordon hält in seinem Wälzer «The Rise and Fall of American Growth» zudem fest, dass allein die Alterung der Gesellschaft ein deutlich höheres Produktivitätswachstum nur schon nötig machen würde, um das Einkommensniveau zu halten, weil dann so die aktiv arbeitende Bevölkerung schrumpft.

Dass die neuen Technologien die Arbeitswelt umwälzen, kann dennoch niemand bestreiten. Doch das taten sie schon immer. Wie weit Roboter die menschliche Arbeit gänzlich ersetzen können, ist momentan nicht absehbar. Wenn sich ihr Einsatz einmal in einer höheren Produktivität niederschlägt, ist das angesichts der anstehenden Probleme, wie etwa der Alterung der Gesellschaft, ohnehin hoch willkommen. Dass neue Produktionsbedingungen neue Modelle der sozialen Absicherung nötig machen, ist ohnehin eine Konstante der jüngeren Geschichte. Für Panik besteht aktuell kein Grund.

Erstellt: 08.06.2016, 13:01 Uhr

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