Trump beleidigt Notenbank-Chef nach dessen Rede in Jackson Hole

Jerome Powell hat seine mit Spannung erwartete Einschätzung zur aktuellen Wirtschaftslage abgegeben. Als «Feind» bezeichnete ihn danach der US-Präsident.

Wo die Notenbanker der Welt alljährlich über den Gang der Wirtschaft sinnieren: Jerome Powell (v. r.) und ein Mitstreiter vor den Hügeln von Wyoming. Foto: Ann Saphir/Reuters

Wo die Notenbanker der Welt alljährlich über den Gang der Wirtschaft sinnieren: Jerome Powell (v. r.) und ein Mitstreiter vor den Hügeln von Wyoming. Foto: Ann Saphir/Reuters

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Die US-Notenbank wird nach Angaben ihres Chefs Jerome Powell angemessen handeln, um die Konjunktur zu stützen. Aktuell befinde sich die Wirtschaft in einer «günstigen Position», sagte er am Freitag auf der alljährlichen Notenbank-Konferenz in Jackson Hole in Wyoming.

Aus seiner Rede liessen sich wenige Hinweise entnehmen, ob die Währungshüter auf ihrer nächsten Zinssitzung im September ihre Zinsen erneut senken werden. Powell benannte zwar eine Reihe von Risiken für die US-Konjunktur. Viele davon hingen mit den US-Handelskonflikten mit China und anderen Ländern zusammen. Aber «insgesamt hat sich die US-Wirtschaft weiter gut entwickelt», sagte der Fed-Chef.

Nach der Rede Powells hat US-Präsident Donald Trump mit seiner Kritik am Chef der US-Notenbank nachgelegt. «Wie üblich hat die Fed gar nichts getan!», schrieb Trump am Freitag auf Twitter.

Es sei unglaublich, dass die Notenbank sich äussern könne, «ohne zu wissen oder zu fragen, was ich mache, was ich in Kürze bekannt geben werde». Schliesslich schrieb er unter Hinweis auf Powell – dessen Nachnamen er falsch schrieb – und Chinas Präsident Xi Jinping: «Meine einzige Frage lautet, wer ist unser grösserer Feind, Jay Powel (sic) oder der Vorsitzende Xi?»

Verluste an den Börsen

Die europäischen Börsen verbuchen heute Verluste. Die US-Indizes notieren ebenfalls schwächer. «Die Nachricht, die er (Powell, Anm. der Redaktion) verbreitet, lautet, wir werden wachsam sein und alle Entwicklungen beobachten», sagte Sean Simko, Leiter Global Income Management beim Investmenthaus Sei Investments. Aus Sicht von Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW, ist es wegen der politischen Entwicklung und der bereits festgefügten Markterwartungen allerdings zunehmend wahrscheinlich, dass die Fed im September die Zinsen nach unten setzen wird. «Bis zum Jahresende 2019 rechnen wir insgesamt mit maximal zwei weiteren Leitzinssenkungen», so Burkert.

Die Notenbank hatte Ende Juli erstmals seit der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren ihren Leitzins um einen Viertelpunkt auf jetzt 2,00 bis 2,25 Prozent gesenkt. Damit reagierte sie auf den Handelskonflikt mit China, der zusehends auf die Weltkonjunktur und die heimische Wirtschaft durchschlägt.

Trump setzt die politisch unabhängige Fed schon länger unter Druck, ihre Geldpolitik zu lockern. Er erhofft sich davon Impulse für die Wirtschaft. Der Schritt im Juli ging ihm nicht weit genug.

Erst am Montag forderte er eine Zinssenkung um mindestens einen vollen Prozentpunkt. Am Finanzmarkt wird derzeit erwartet, dass die Fed im September und mindestens noch ein weiteres Mal in diesem Jahr die Zinsen nach unten setzt.

US-Notenbanker debattieren über Zinskurs

Bereits vor der mit Spannung erwarteten Rede Powells ist unter den US-Währungshütern die Debatte über den weiteren geldpolitischen Kurs voll entbrannt. Mehrere führende Notenbanker äusserten sich am Freitag anlässlich des Notenbank-Treffens in Jackson Hole in Fernsehinterviews zu ihren Vorstellungen.

Nach Einschätzung des Präsidenten des Fed-Ablegers von St. Louis, James Bullard, werden die Währungshüter auf ihrer nächsten Sitzung im kommenden Monat intensiv über eine Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt debattieren. «Ich denke, das wird auf den Tisch kommen», sagte Bullard dem Sender Bloomberg TV.

Seine Kollegin Loretta Mester, Chefin der Fed-Filiale von Cleveland, geht nach eigenen Worten ohne Festlegung in das nächste geldpolitische Treffen. «Derzeit, wenn die Wirtschaft sich weiter wie bisher entwickelt, würde ich wahrscheinlich sagen, dass wir die Dinge so lassen sollten, wie sie sind.» Mester hatte die Zinssenkung im Juli nicht unterstützt. Die nächste Zinssitzung ist für den 17. und 18. September geplant.

Aus Sicht des Präsidenten des Fed-Ablegers von Dallas, Robert Kaplan, ist es nicht die Geldpolitik, welche die Wirtschaft derzeit belastet. «Das ist die Unsicherheit im Handel. Das ist in einem gewissen Ausmass wahrscheinlich die Immigrationspolitik», sagte er Bloomberg TV.

Bereits am Donnerstag hatte sich die Chefin der Notenbank von Kansas City, Esther George, dafür ausgesprochen, momentan nicht weiter an der Zinsschraube zu drehen. «Wir befinden uns gerade in einer Art Gleichgewicht, und ich würde die Zinsen gerne so belassen», sagte sie Bloomberg TV. Sie sehe aktuell weder eine Abkühlung noch eine Stärkung der Konjunktur.

China kündigt neue Vergeltungszölle an

China hat im Handelsstreit mit den USA heute neue Vergeltungszölle angekündigt. Die Führung in Peking wolle zusätzliche Zölle in Höhe von 5 bis 10 Prozent auf Waren mit einem Volumen von 75 Milliarden US-Dollar erheben, teilte das chinesische Handelsministerium am Freitag mit.

Die Zölle sollen in zwei Schritten am 1. September und 15. Dezember angehoben werden. So soll auf Sojabohnen und Erdölimporte vom September an ein Zusatzzoll von 5 Prozent erhoben werden. Autozölle in Höhe von 25 Prozent sollen am 15. Dezember wieder aufgenommen werden.

Bereits am 15. August hatte China Gegenmassnahmen angekündigt. Damals waren jedoch keine Einzelheiten genannt worden. Die zuletzt von den USA beschlossenen Zölle sind laut China eine Verletzung von Absprachen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping.

Trumps Regierung hatte Anfang August neue Strafzölle von 10 Prozent auf chinesische Importe im Wert von rund 300 Milliarden US-Dollar angekündigt. Diese sollten ursprünglich vom September an in Kraft treten. Die US-Regierung verschob allerdings die neuen Strafzölle auf zahlreiche Konsumgüter – darunter etwa Smartphones, Laptops und Spielzeug – überraschend bis zum 15. Dezember.

Zuvor verhängte Zölle in Höhe von 25 Prozent auf Importe im Wert von rund 250 Milliarden US-Dollar bleiben weiter bestehen. Damit werden von Mitte Dezember an fast alle chinesischen Importe in die USA mit Strafzöllen belegt sein.

«Konstruktive Gespräche»

Die US-Regierung nannte die jüngsten Gespräche mit China auf der Arbeitsebene zu einem Handelsabkommen «konstruktiv». Die Unterhändler hätten am Dienstag telefoniert und würden in den kommenden Tagen erneut miteinander sprechen, sagte Larry Kudlow, der Wirtschaftsberater von US-Präsident Donald Trump, am Donnerstag (Ortszeit) im Gespräch mit dem Nachrichtensender Fox Business. «Der Verlauf scheint positiv», sagte er.

Es bestehe weiter die Hoffnung, dass genügend Fortschritte erzielt würden, damit die chinesische Delegation bald für die nächste offizielle Verhandlungsrunde nach Washington kommen könne, so Kudlow. Diese Gespräche waren ursprünglich für Anfang September geplant gewesen, Kudlow nannte jedoch keinen Zeitraum. Die USA und China, die zwei grössten Volkswirtschaften, befinden sich seit einem Jahr in einem zunehmend eskalierenden Handelsstreit. (cpm/Reuters)

Erstellt: 23.08.2019, 16:27 Uhr

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