Frauen tappen in die Technik-Falle

Die technologische Entwicklung bringt bessere Jobs und höhere Löhne – für Frauen aber auch das Risiko eines Abstiegs, besagt eine neue Studie.

Frauen kommen im Durchschnitt weniger mit moderner Technik in Berührung. In Bezug auf Beschäftigung, Löhne und soziale Sicherheit drohen sie deshalb künftig noch schlechter dazustehen. Bild: iStock/SolStock

Frauen kommen im Durchschnitt weniger mit moderner Technik in Berührung. In Bezug auf Beschäftigung, Löhne und soziale Sicherheit drohen sie deshalb künftig noch schlechter dazustehen. Bild: iStock/SolStock

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Wird uns der technologische Wandel um Jobs und Einkommen bringen? Diese Frage wird intensiv debattiert. Die bisherige Entwicklung spricht dagegen, und auch Experten zur wirtschaftlichen Entwicklung gehen nicht von einem solchen Szenario aus. Doch wie schon nach früheren Innovationsschüben, etwa der Einführung von Dampfmaschinen und später der Elektrizität, wird sich die Struktur der Arbeitsmärkte massiv verändern – möglicherweise noch stärker und schneller als je zuvor –, und es wird Verlierer und Gewinner geben.

Eine neue Studie des McKinsey Global Institute – eines Thinktank des gleichnamigen Beratungsunternehmens – ist der Frage nachgegangen, wie sich der Wandel auf Frauen auswirkt. Die wichtigste Schlussfolgerung: Die erwartbaren technologischen Umwälzungen bieten ihnen enorme Chancen für bessere Jobs und höhere Einkommen. «Eine erfolgreiche Steuerung dieser Übergänge könnte bedeuten, dass viele Frauen gut für produktivere, besser bezahlte Arbeit positioniert wären, sodass sie ihren derzeitigen Anteil an der Beschäftigung halten oder sogar verbessern können», schreiben die Autoren.

Doch für Frauen mehr als für Männer ist die Gefahr eines gänzlich anderen Ausgangs besonders gross: «Wenn es den Frauen nicht gelingt, die notwendigen Übergänge zu vollziehen, könnten sie mit einem grösseren Lohngefälle im Vergleich zu Männern konfrontiert werden oder sogar ganz aus dem Erwerbsleben ausscheiden und in ihrem Beschäftigungsanteil weiter zurückfallen.» Mit anderen Worten drohen sie in Bezug auf Beschäftigung, Löhne und soziale Sicherheit künftig noch schlechter dazustehen.

Kein Abbau von Arbeitsmöglichkeiten

Konkret basieren die Ergebnisse der Autoren auf Untersuchungen zur Entwicklung in den sechs entwickelten Ländern Kanada, Frankreich, Deutschland, Japan, Grossbritannien und den USA und den vier Schwellenländern China, Indien, Mexiko und Südafrika. Die grundlegenden Tendenzen für die entwickelten Länder dürften auch für die Schweiz Gültigkeit haben. Die Aussagen beziehen sich auf die bis zum Jahr 2030 zu erwartende Entwicklung.

Die Automation führt gemäss der Studie dazu, dass weltweit zwischen 40 und 160 Millionen Frauen bis zum Jahr 2030 einen Job mit einer höheren Qualifikation annehmen müssen, damit sie nicht zurückfallen. Bei den Männern sind es zwischen 60 und 275 Millionen Beschäftigte. Nur wenn die Anteile der Geschlechter in den jeweiligen Beschäftigungen bis dann gleich bleiben, ist laut der Studie mit einem Verlust von 20 Prozent der bestehenden Jobs bei den Frauen zu rechnen und mit 21 Prozent bei den Männern. Gleichzeitig würden aber für Frauen auch wieder 20 Prozent neue Jobs entstehen, bei Männern dagegen nur 19 Prozent.

Der minimale Nachteil für die Männer ergibt sich aus der veränderten Arbeitsmarktstruktur. Servicejobs, in denen Frauen übervertreten sind, gehen um 30 Prozent zurück, während die Beschäftigung von Maschinenoperateuren und Handwerkern, wo Männer dominieren, um 40 Prozent zurückgeht. Gleichzeitig wachsen aber Jobs im Gesundheitswesen (mit Frauen in der Mehrheit) und in der modernen Industrie (mit Männern in der Mehrheit) gemäss der Studie je um 25 Prozent. Der erwartete Rückgang von Service- und Bürojobs macht bei den Frauen insgesamt 52 Prozent der Verluste aus. Bei einfachen Bürojobs liegt der Anteil der Frauen bei 72 Prozent.

Alles hängt von den Qualifikationen ab

Wie schon andere Studien zeigen, verändern sich aber die Berufsbilder auch in den heute bereits bestehenden Jobs fundamental. Technologische Möglichkeiten werden repetitive Tätigkeiten und Aufgaben ersetzen, weshalb sie einerseits interessanter zu werden versprechen, aber auch produktiver und damit potenziell besser bezahlt. Auf der anderen Seite erfordern sie aber auch eine höhere Qualifikation.

Die Veränderung der Beschäftigungen bedeutet aber, dass sowohl Frauen wie Männer neue Fähigkeiten und mehr Bildung benötigen; dass sie bereit sein müssen, rascher zwischen Jobs zu wechseln und dass sie Zugang zu technologischen Möglichkeiten haben müssen. Jenen Beschäftigten, denen das nicht gelingt, droht ein Abstieg oder sogar ein Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess.

Und hier sind die Risiken für Frauen deutlich grösser als für Männer, wie der Bericht festhält: Im Durchschnitt haben sie weniger Zugang zu höherer Bildung, kommen weniger mit moderner Technik in Berührung, und wegen ihrer Rolle in der Kindererziehung und weil sie sich vor allem um die Belange des Haushalts und weitere unbezahlte Arbeit kümmern, fehlt ihnen oft auch die Möglichkeit zur Weiterbildung oder zur beruflichen Weiterentwicklung. Frauen leisten gemäss den Autoren weltweit 1,1 Billionen Stunden unbezahlte Pflegearbeit pro Jahr, Männer mit 400 Milliarden Stunden etwa ein Drittel davon. Vor allem in Schwellenländern kommt dazu, dass das Reisen für Frauen deutlich gefährlicher ist, was ihre Jobmöglichkeiten und ihre Mobilität weiter einschränkt.

Der Fluch der überkommenen Rollenbilder

Diese Nachteile haben nichts mit dem Geschlecht an sich zu tun, sondern mit überkommenen Rollenbildern und der Art, wie die Arbeit verteilt ist. Die technologische Entwicklung stärkt die Möglichkeiten der Frauen: Dank ihr können Frauen bei Löhnen und bei Jobmöglichkeiten gegenüber den Männern deutlich aufholen oder sie sogar überholen, da körperliche Kraft eine geringere Rolle spielt und vielmehr intellektuelle Fähigkeiten gefragt sind. «Viel mehr Frauen (und Männer) werden mit der Unterstützung von Maschinen arbeiten und dadurch ein erfülltes und produktiveres Arbeitsleben haben», schreiben die Studienautoren.

Um die für Frauen höheren Anpassungshürden an den Strukturwandel zu senken, fordert die Studie eine Reihe von Massnahmen. Dazu zählen mehr bezahlte Möglichkeiten für die Kinderbetreuung wie Elternurlaube und subventionierte Tagesstätten und eine grössere soziale Absicherung der Frauen – 40 Prozent der Frauen weltweit haben weder eine Pension, noch sind sie im Fall von Arbeitslosigkeit oder Mutterschaft finanziell geschützt. Von Firmen fordert die Studie grössere Möglichkeiten zu flexiblen Arbeitsverhältnissen, was aktuell nur 23 Prozent anbieten, und vor allem in Schwellenländern sind Anstrengungen zu einer grösseren Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmitteln nötig.

Entscheidend ist letztlich auch eine Veränderung der überkommenen Rollenbilder und Arbeitsverteilung. Doch das kann nicht von Regierungen verordnet werden.

Erstellt: 09.07.2019, 18:47 Uhr

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