Früh sparen fürs späte Alter

Die Kosten für die Alterspflege steigen. Braucht es eine obligatorische Pflegeversicherung?

Sparen für die Alterspflege: Wegen der Alterung der Bevölkerung steigen die Gesundheitskosten. Foto: iStock

Sparen für die Alterspflege: Wegen der Alterung der Bevölkerung steigen die Gesundheitskosten. Foto: iStock

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Die Gesundheit lassen wir uns 80 Milliarden Franken kosten. Die Kantone, die mit 17 Milliarden zwei Drittel der total 24 Milliarden Franken öffentlicher Mittel zum Gesundheitssystem beitragen, pochen auf einen veränderten Verteilschlüssel. Ihnen droht, besonders viel zusätzlich zahlen zu müssen, weil wegen der Alterung der Bevölkerung die Pflegekosten drastisch zunehmen.

Gefordert wird, dass die Krankenkassen einen grösseren Teil der Betagtenpflege finanzieren. Dabei schultern die privaten Haushalte bereits 53 Milliarden Franken der Kosten des Gesundheitswesens, als Selbstzahler sowie durch Pro-Kopf-Beiträge an die Krankenkassen.

Damit diese Prämien weniger exponenziell steigen, bringen Gesundheitsökonomen erneut die obligatorische Pflegeversicherung ins Spiel. Professor Martin Eling empfiehlt in einer neuen Studie der Universität St. Gallen, die «heutige Finanzierung der Gesundheitskosten um zusätzliche Geldquellen zu ergänzen». In Singapur etwa würde auf vererbbare, private Sparkonten gesetzt, auf die jede Person ab einem bestimmten Alter festgeschriebene Beiträge für die spätere Lebensphase einzahlen müsse.

56 Milliarden Franken im Versicherungskreislauf

Die privaten Haushalte zu einer zusätzlichen gesetzlichen Sparleistung zu verpflichten, ist mit Blick auf die schon bestehenden finanziellen Lasten gewagt. Für gesundheitsbezogene Versicherungen werden jährlich schon jetzt 56 Milliarden Franken bezahlt. Je erwachsene Person entspricht das beinahe jährlich 10'000 Franken Hinzu kommen noch die lohnabhängigen Beiträge an die AHV und die berufliche Altersvorsorge.

In den vorerwähnten 56 Milliarden Franken summieren sich gemäss der Sozialversicherungsstatistik des Bundes die Beiträge der Versicherten – und teilweise der Arbeitgeber – an die Unfallversicherung, die Invalidenversicherung, die Krankenkassen und die Krankenzusatzversicherer. Mitgezählt sind 9 Milliarden Franken staatlicher Mittel.

«Ein privat gespartes Pflegekapital würde dazu beitragen, dass Gesundheitsleistungen mit mehr Bedacht nachgefragt würden.»Jérôme Cosandey, Avenir Suisse

Allein die Langzeitpflegekosten werden sich gemäss Szenario der Universität St. Gallen bis ins Jahr 2050 von jährlich 15,6 Milliarden Franken auf 31,3 Milliarden verdoppeln. Die Studienautoren um Professor Eling betonen, der Kostenschub würde gebremst, wenn bspw. informelle Pflege gefördert würde, etwa durch Zeitkonten für Dienste Familienangehöriger und durch Pflegeurlaube.

Alters- und Pflegeheime erbrachten 2017 Leistungen für 13 Milliarden Franken. Auf Spitäler entfielen 29 Milliarden Weitere total 28 Milliarden Franken gingen an Arztpraxen, Spitex-Organisationen, Therapeuten und Zahnärzte. Würde eine Pflegeversicherung obligatorisch, müssten Haushalte ergänzend zur Krankenkasse und der Altersvorsorge auch dafür Prämien zahlen. Lediglich eine Erwartung – oder Hoffnung – wäre, dass mit dem Aufbau eines weiteren Versicherungszweigs dereinst weniger hohe Krankenkassenprämien oder Steuern zu zahlen seien.

Die Ideenfabrik Avenir Suisse brachte eine obligatorische Pflegeversicherung bereits 2014 aufs Tapet. «Wir sind weiterhin überzeugt, ein privat gespartes Pflegekapital würde beitragen, dass Gesundheitsleistungen mit mehr Bedacht als heute nachgefragt würden», sagt auf Anfrage Sozialpolitik-Verantwortlicher Jérôme Cosandey. Nach seiner Vorstellung würde obligatorisch ab bspw. Alter 55 für spätere Pflege- oder Altersheimkosten gespart. So würde seltener als heute «auf Kreditkarte der jungen Generation» gelebt, hofft Cosandey. Gemäss seinem Vorschlag fiele das auf eigene Rechnung gesparte Geld – soweit nicht für Pflegekosten aufgebraucht – in die Erbmasse und bliebe so in der Familie.

Weniger Steuern, mehr Rendite

Förderlich wäre, wenn Einzahlungen auf das persönliche Pflegekonto die Einkommensbesteuerung verringern würden – analog zu den Beiträgen an die berufliche Vorsorge oder die Vorsorgesäule 3a. Wenigverdiener müssten wohl durch eine zumindest teilweise Einzahlungsbefreiung entlastet werden, vergleichbar den Regeln der Verbilligung von Krankenkassenprämien.

Dass ein kapitalgedecktes System zur teilweisen Finanzierung von Pflegekosten anfänglich staatliche Stützen benötigt, unterstreicht auch das Versicherungsinstitut der Universität St. Gallen. In dessen Studie heisst es, temporäre und zweckgebundene Steuern würden nötig, bis genügendes finanzielles Potenzial erreicht sei.

Nach den Vorstellungen von Avenir-Suisse-Fachmann Cosandey kämen als Anbieter obligatorischer Pflegeversicherungsverträge die Krankenkassen oder grosse Vorsorgeeinrichtungen infrage: «Deren Investment-Know-how sollte ermöglichen, die Pflegesparkapitalien effizient zu niedrigeren Kosten zu verwalten, als es Privatpersonen sonst können.» Professionelles Anlagemanagement würde für die Versicherten die Chance kreieren, trotz Nullzinsen am Kapitalmarkt eine reale Rendite einzuheimsen.


Pensions-Kassen-Sturz

Eine obligatorische Pflegeversicherung oder ein zusätzliches Pflegesparen hätte Vorteile. Die Finanzierung wäre eher verursachergerecht geregelt, und über den Gebrauch von Gesundheitsleistungen würden die Menschen bewusster entscheiden. Doch wie könnten die zusätzlich gesparten Gelder optimal investiert werden? Würden Pflegeversicherer und Pflegesparer nach gleichen Grundsätzen wie die Pensionskassen anlegen, läge eine Bruttorendite von etwa 2 Prozent drin. Dies zumindest lässt sich aus den Renditeprognosen ableiten, die das Beratungsunternehmen C-alm vierteljährlich ermittelt.

Gut 2 Prozent Renditeprognose

Die Prognose basiert auf der Schätzung der Ertragskomponenten der für Vorsorgevermögen wesentlichen Anlageklassen. Für Aktien unterstellt C-alm eine Gewinnrendite – im Wesentlichen aus dem Erhalt von Dividenden – von 4 bis 5 Prozent. Bei Immobilienanlagen wird die Cashflow-Rendite bzw. der Nettomieterlös auf 3 Prozent der Objektwerte veranschlagt.

Frankenanleihen sowie währungsgesicherte Fremdwährungsobligationen werden hingegen als verlustbringend eingestuft. Ausgehend vom heutigen Marktwert der Zinspapiere handeln selbst solche mit kräftigem nominalem Coupon bezogen auf die Zeitspanne bis zur Rückzahlung im Bereich negativer Renditen.

Genug für 1 Prozent Mindestzins

Aus diesen Einzelwerten leitet sich die Erwartung ab, ein typisches Pensionskassenvermögen werde im Jahresschnitt gut 2 Prozent rentieren. Die Institutionen teilen das Vermögen im Schnitt zu je 30 Prozent auf diversifizierte Aktien- und Anleihenportfolios und zu 25 Prozent auf kollektive Direktanlagen in Immobilien auf, wie Credit Suisse ausgehend von den für Vorsorgeträger geführten Wertschriftendepots berechnete. Die Portfoliorendite, die den Pensionskassen über einen mehrjährigen Anlagezeitraum in Aussicht steht, übersteigt die erwartete Teuerung. So betrachtet sind die Vorsorgeträger imstande, den Versicherten weiterhin mindestens 1 Prozent Guthabenzins zu zahlen.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 02.09.2019, 21:41 Uhr

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