Für sie wird der Dollar zum Problem

Die Schulden von Schwellenländern werden wegen der erstarkenden US-Währung teurer. Dazu kommen die Sonderfälle Türkei und Argentinien.

Böses Erwachen in der Wechselstube: Für Schwellenländer wird der Dollar von Tag zu Tag teurer (unsere Aufnahme stammt aus Istanbul).

Böses Erwachen in der Wechselstube: Für Schwellenländer wird der Dollar von Tag zu Tag teurer (unsere Aufnahme stammt aus Istanbul). Bild: Murad Sezer/Reuters

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Erinnerungen werden wach an den Frühling 2013: Wie heute sahen sich die Schwellenmärkte damals konfrontiert mit einer Kapitalflucht, die ihre Währungen unter heftigen Abgabedruck setzte. Im Fokus standen vor fünf Jahren die gleichen Länder wie jetzt, nämlich die Türkei, Südafrika, Indonesien, Indien und Brasilien – wobei zu den «fragilen Fünf» nun noch Argentinien dazugekommen ist. Und damals wie heute liegt die tiefere Ursache für die Turbulenzen in den USA bei der dortigen Notenbank.

Es war der seinerzeitige Chef des Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, der im Mai 2013 mit Andeutungen über ein bald bevorstehendes Bremsmanöver beim Ankauf von US-Staatsanleihen die Investoren in Aufregung versetzt hatte. Fünf Jahre später ist die US-Notenbank auf ihrem Weg hin zu einer normalisierten Geldpolitik ein grosses Stück vorangekommen – und sie lässt sich von ihrem Kurs nicht abbringen, auch nicht von kritischen Einwänden aus dem Weissen Haus. So rechnen die Marktakteure nach wie vor mit zwei weiteren Leitzinserhöhungen bis Ende Jahr, sodass der Zielsatz des Fed dann in einer Bandbreite von 2,25 bis 2,5 Prozent liegen wird.

Dollar-Kredite wiegen plötzlich schwer

Die steigenden US-Zinsen entwickeln eine Sogwirkung auf Anlagegelder aus aller Welt, zumal Amerikas Wirtschaft auch kräftig wächst. Dies alles verleiht dem Dollar Flügel – und damit beginnen die Probleme in den aufstrebenden Märkten. Das gilt insbesondere für jene Länder, in denen der Staat, aber auch die Privatwirtschaft in den letzten Jahren in grossem Stil auf Dollar lautende Kredite aufgenommen hat. Dadurch konnten die Schuldner zwar Zinskosten einsparen im Vergleich zu Krediten in lokaler Währung.

Aber in Zeiten einer erstarkenden US-Währung kommt der Schuldendienst und die Rückzahlung dieser Darlehen, gemessen in Lokalwährung, nun viel teurer zu stehen. Unter Umständen so teuer, dass einzelne Schuldner in Schwellenländern unter dieser Last einzubrechen drohen – das jedenfalls befürchten internationale Investoren, die ihre Engagements in den betreffenden Destinationen stark zurückfahren.

Im Zuge dieser Kapitalflucht sind die Währungen von Südafrika, Indonesien, Brasilien und Indien in der vergangenen Woche auf mehrjährige Tiefstände zurückgefallen. Obwohl Argentinien Mitte letzter Woche in einer Verzweiflungstat den Leitzins von 45 auf 60 Prozent hochschraubte, um so den Peso zu stützen, setzte dieser seinen Wertzerfall fort – und in seinem Kielwasser rutschte auch die türkische Lira erneut ab.

Viel Luft nach oben

Wie eng die Turbulenzen in der aufstrebenden Welt mit dem Dollar in Verbindung stehen, mögen diese Zahlen erhellen: Schon fast die Hälfte aller Kredite, die über Landesgrenzen hinweg vergeben werden und sich auf rund 30 Billionen Dollar belaufen, lauten auf die US-Währung; vor zehn Jahren lag dieser Anteil bei 40 Prozent. Vergegenwärtigt man sich, dass die Zinsen in den USA immer noch relativ tief sind und auch der Dollar – gemessen an seinen 2016er-Höchstständen – weiterhin einige Luft nach oben hat, wird die verbreitete Skepsis der Investoren gegenüber Schwellenländern nachvollziehbar.

Hinzu kommt, dass die US-Notenbank derzeit keine Anstalten macht, die Nöte der aufstrebenden Welt in ihre geldpolitischen Überlegungen einzubeziehen. Fed-Chef Jerome Powell hatte im Mai an einer Konferenz in Zürich herausgestrichen, dass der Einfluss der amerikanischen Geldpolitik auf die finanziellen Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft oft «übertrieben» dargestellt werde. Andere Faktoren wie das Wachstum in den Schwellenmärkten oder die Rohstoffpreise spielten eine stärkere Rolle bei der Bestimmung von Richtung und Umfang der globalen Kapitalströme.

Ruf nach mehr Absprache

Powell scheint dieszüglich eine andere Haltung einzunehmen als seine Vorgängerin Janet Yellen, die eher bereit gewesen war, weltwirtschaftliche Entwicklungen zu berücksichtigen. Dieser veränderte oder vielmehr «verhärtete» Positionsbezug des Federal Reserve ist in den Schwellenländern nicht unbeachtet geblieben. Namentlich die Notenbankchefs von Indien und Indonesien haben ihr Unbehagen darüber zum Ausdruck gebracht und für eine stärkere internationale Abstimmung plädiert.

Auch die Marktakteure schenken diesem Spannungsfeld vermehrte Aufmerksamkeit. Ein leitender Stratege im Geschäft mit Kreditprodukten der US-Bank Citigroup fasste seine Besorgnis gegenüber dem «Wall Street Journal» in folgende Worte: Es gebe eine «starke Kluft» zwischen dem Denken im Fed und dem der Märkte. Während die US-Notenbank ihre Normalisierung der Geldpolitik als eine nebensächliche, lokale und in den Märkten längst eingepreiste Sache einstufe, sehen die Märkte dies als eine Entwicklung von vorrangiger und globaler Bedeutung.

Erstellt: 03.09.2018, 20:24 Uhr

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