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Gehören Sie zu den elitären drei Prozent?

Wie oft überschneiden sich die beiden Zeiger einer Uhr innerhalb von 24 Stunden? Wenn Sie diese Frage richtig lösen, gehören Sie zu den Letzten, denen noch eine bessere Zukunft bevorsteht – sagt ein US-Ökonom.

Philipp Löpfe
Thanksgiving wird zur Trauerfeier: «Ich danke dafür, dass meine Eltern einen Job haben ... wenn auch nur im Detailhandel.»
Thanksgiving wird zur Trauerfeier: «Ich danke dafür, dass meine Eltern einen Job haben ... wenn auch nur im Detailhandel.»
Milt Priggee, Cagle.com

«Stehen wir vor einer säkularen Stagnation und einem langfristigen Niedergang?» Dies fragte der britische Finanzminister kürzlich in einem Kommentar im «Wall Street Journal». «Können wir den kommenden Generationen kein besseres Leben als das unsrige versprechen?» Die logische Antwort auf die rhetorische Frage folgt auf dem Fuss. Es ist ein nachdrückliches Nein, verbunden mit einer kämpferischen Aufforderung: «Der Westen darf die Niederlage im globalen Wettbewerb und einen sinkenden Lebensstandard nicht akzeptieren.»

Osborne mischt sich damit in das umstrittenste Thema der aktuellen ökonomischen Diskussion ein: die Frage, ob wir längere Zeit mit einem unfreiwilligen Nullwachstum der Wirtschaft leben müssen – oder eben nicht. Ausgelöst hat diese Diskussion Lawrence Summers, ehemaliger US-Finanzminister und Ökonom an der Harvard University. Er hat vor ein paar Wochen in einer kurzen Rede die These von der «säkularen Stagnation» entwickelt. Die Quintessenz daraus fasst er in der «Financial Times» wie folgt zusammen: «Die Vorstellung, dass bald wieder normale wirtschaftliche und politische Konditionen herrschen werden, kann nicht länger aufrechterhalten werden.»

Vier Gründe gegen Wachstum

Summers begründete seine düstere Prognose wie folgt: Erstens hätte die wirtschaftliche Erholung seit der Krise höchsten mit dem Bevölkerungswachstum Schritt gehalten. Zweitens hätten selbst Blasen an den Finanz- und Immobilienmärkten und billiges Geld nicht ausgereicht, um ein moderates Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Drittens hätte auch die Tiefzinspolitik der Zentralbank nicht zu mehr Investitionen und damit auch zu Vollbeschäftigung geführt. Viertens würden fallende Löhne und gedrückte Preise den Konsum dämpfen und höchsten zu einer Umverteilung von ausgabefreudigen Schuldnern zu sparsamen Gläubiger führen. «Eine säkulare Stagnation ist daher eine Gefahr, gegen die man sich wappnen soll, nicht ein Schicksal, in das man sich fügen muss», stellt Summer fest.

George Osborne glaubt, mit seinem harten Sparkurs bei den Sozialausgaben und einer leichten Erhöhung der Mehrwertsteuer den Drachen «säkulare Stagnation» bereits erledigt zu haben. Immerhin würde die britische Wirtschaft nächstes Jahr gegen 2 Prozent wachsen und dabei 60'000 neue Arbeitsplätze pro Monat schaffen, brüstet er sich. Dabei lehnt er sich weit aus dem Fenster. Der aktuelle Boom im Vereinigten Königreich ist nach Einschätzung der meisten Ökonomen genau das, was Summers beklagt: ein Strohfeuer in einer grundsätzlich stagnierenden Wirtschaft. Ausgelöst wurde dieser Boom weder durch Innovationen noch durch eine Steigerung der Produktivität. Ausgelöst wurde er vielmehr durch einen aufgestauten Konsumüberhang und eine umstrittene Förderung des ohnehin überhitzten Immobiliensektors. Beides ist alles andere als nachhaltig.

Die glücklichen drei Prozent

Aus ganz anderen Gründen kommt Tyler Cowen ebenfalls zu wenig erfreulichen Zukunftsaussichten. Sein aktuelles Buch «Average Is Over» («Mittelmass ist vorbei») ist derzeit Kult. Darin vertritt der US-Ökonom die These, dass einzig eine schmale Elite von weit überdurchschnittlich leistungsfähigen Menschen sich auf eine bessere Zukunft freuen könne. Wer dazugehören wolle, müsse Fragen beantworten können wie etwa: Wie oft überschneiden sich die beiden Zeiger einer Uhr innerhalb von 24 Stunden? (Antwort: 22-mal.) Das schaffen bestenfalls etwa 3 Prozent der Bevölkerung.

Die Veränderungen sind irreversibel. Wie Summers geht Cowen davon aus, dass die Grosse Rezession die Wirtschaftsordnung grundsätzlich umgekrempelt hat. Zunehmend klügere Software macht viele Arbeitsplätze schlicht überflüssig. «Die Unternehmen werden höhere Gewinne machen, indem sie die Arbeitnehmer in anderen Jobs unterbringen, aber nicht in gut bezahlten wie bisher», stellt Cowen fest. Und er macht gleichzeitig klar, dass eine Rückkehr zu den Vorkrisenzeiten eine Illusion geworden ist. «Die verlorenen Mittelstands-Arbeitsplätze werden auch dann nicht wiederkehren, wenn die Rezession vorbei ist», stellt er fest. Wer es nicht in die Liga der Leistungsüberflieger schafft, hat daher nichts mehr zu lachen. Auf ihn warten Jobs wie: Butler, persönlicher Trainer, Nanny, Baby- oder Hundesitter.

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