Zum Hauptinhalt springen

Grexit: Ein gefährliches Wirtschaftsexperiment

Ob Ausschluss oder freiwilliger Austritt Griechenlands: Welche Folgen ein «Grexit» haben wird, weiss niemand.

Loslassen auf Griechisch: Schauspielerin und Taube proben für die Zeremonie zur Entfachung des Olympischen Feuers in Olympia. (9. Mai 2012)
Loslassen auf Griechisch: Schauspielerin und Taube proben für die Zeremonie zur Entfachung des Olympischen Feuers in Olympia. (9. Mai 2012)
AFP

Die Eurokrise hat unseren Wortschatz erneut um einen Begriff erweitert. Neuerdings spricht man vom sogenannten «Grexit». Es handelt sich dabei um die Verschmelzung von Greece und Exit und bedeutet: Griechenland macht einen Abgang, zumindest aus Euroland und vielleicht auch aus der EU. Nur: Neue Wörter sind schnell gefunden, bei Lösungen dauert es meist ein bisschen länger. Grexit könnte sich dereinst als eines der riskantesten Experimente der jüngeren Wirtschaftsgeschichte und als monumentale Fehleinschätzung erweisen.

Die derzeitige Diskussion um Griechenland erinnert fatal an den Herbst 2008. Damals hatten die US-Regierung und die Notenbank zunächst den Untergang der Investmentbank Bear Stearns verhindert, respektive grosszügige Garantien für eine Übernahme durch JP Morgan gewährt. Als wenig später auch Lehman Brothers ins Wanken geriet, wähnte sich der damalige US-Finanzminister auf der sicheren Seite und ging davon aus, dass die Märkte einen Kollaps dieser Bank verkraften würden. Lehman wurde fallen gelassen. Das Resultat war eine Beinahe-Kernschmelze des internationalen Finanzsystems. Die ultimative Katastrophe konnte nur mit einer Geldschwemme der Notenbanken im letzten Moment verhindert werden.

Ein Bluff auf beiden Seiten?

Über einen Grexit wird nun ebenfalls seit Monaten diskutiert und spekuliert. Diesmal ist es der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, der sich zuversichtlich gibt und erklärt, die Märkte hätten ein solches Szenario inzwischen so lange durchexerziert, dass es auch in die Praxis umgesetzt werden könnte. Mag sein, dass beide Seiten bluffen: Die Griechen, die darauf setzen, dass Euroland im letzten Moment einlenken und das Spardiktat zumindest teilweise mindern wird – Deutschland und die EU, die davon ausgehen, dass die Griechen im letzten Moment vor dem Abgrund zurücktreten werden. Aber was, wenn nicht?

Wie bei Lehman Brothers könnte ein Grexit eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslösen. Nicht nur Griechen, sondern auch Portugiesen, Iren, Spanier und Italiener würden ihre Banken stürmen, ihre Euros abheben und versuchen, sie ins Ausland zu transferieren, um einen massiven Wertzerfall ihrer Spargelder zu verhindern. Einen solchen Sturm würde das Bankensystem der Peripherieländer kaum überstehen. Die Folgen eines solchen Bankenkollapses für Europa und die Weltwirtschaft sind unabsehbar.

In seinem soeben erschienenen Buch «Vergesst die Krise!» beklagt sich Paul Krugman darüber, dass Politiker und Ökonomen die Lehren der Grossen Depression in den Wind schlagen und damit grosses Leid bei den betroffenen Menschen verursachen. Grexit ist ein unkalkulierbares Risiko. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dann wäre es der Beweis, dass wir nicht einmal in der Lage sind, die Lehren aus einer Beinahe-Katastrophe vor vier Jahren zu ziehen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch