Zum Hauptinhalt springen

Griechenlands Situation völlig falsch bewertet?

Positive Aspekte würden ganz ausgeblendet, findet der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck. Private Ratingagenturen will er darum gleich abschaffen.

Klare Worte: Uno-Ökonom Heiner Flassbeck (Archivbild).
Klare Worte: Uno-Ökonom Heiner Flassbeck (Archivbild).
Keystone

Die Investitionstätigkeit etwa werde völlig ignoriert, sagte Heiner Flassbeck am Freitag im Sender Deutschlandradio Kultur. «Unheimlich viele positive Aspekte werden jetzt vollkommen verdrängt. Griechenland war das Land, will ich mal sagen, das am meisten in Maschinen und Ausrüstung investiert hat in den letzten zehn Jahren, mit Abstand am meisten in der gesamten Euro-Zone», so der renommierte Ökonom weiter.

So etwas Positives wie die Investitionen werde überhaupt nie erwähnt. «Es werden alle negativen Sachen zusammengetragen, die dann auch noch zum Teil völlig unsinnig bewertet zu einem Urteil zusammengefasst werden nach dem Motto ‹Griechenland ist Pleite und das weiss doch jeder›», so Flassbeck weiter.

Einseitige Sichtweise

Dabei griff der Chefökonom der Unctad die Ratingagenturen scharf an: «Die Ratings von Ländern gehören nicht in die Hände irgendwelcher privater Agenturen, die unter dubiosen Umständen ihre Urteile fällen.» Flassbeck plädiert dafür, unabhängige Stellen mit der Bewertung der Kreditwürdigkeit eines Landes zu betrauen. Momentan bezahle derjenige, der ein Papier vergebe, auch die Ratingagentur. «Das ist ein ganz klarer Interessenkonflikt, der da entsteht, und das darf nicht länger passieren.» Denkbar sei es, die privaten Ratingagenturen ganz abzuschaffen. Dann hätten die Banken die Pflicht, «selbst hinzugucken und sich zu überlegen, was in dem Produkt drinsteckt».

Es stehe ausser Frage, dass in Griechenland Fehler gemacht worden seien, sagte Flassbeck weiter. Allerdings werde völlig übersehen, dass das Land in den vergangenen zehn Jahren von allen Euro-Ländern mit Abstand am meisten in Maschinen und Ausrüstung investiert habe. Diese Entwicklung werde noch verstärkt durch den «Herdentrieb der Märkte» und durch Ratingagenturen, die der Stimmung hinterherliefen, so Flassbeck.

Bankrott? Völlig übertreiben

Von einem Bankrott Griechenlands könne man nicht reden, erklärte der Fachmann weiter. Dem Land sollte ein Übergangskredit gewährt werden, da es derzeit auf den «unvernünftigen Märkten kein vernünftiges Kapital» bekomme. Flassbeck schlug eine gemeinsame Anleihe der Euro-Länder vor. «Das ist das einzig Vernünftige, das hätte man vor einem Jahr schon machen können.»

ddp/raa

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch