Günstig, grotesk – Alibaba

Immer mehr Schweizer kaufen auf der chinesischen Online-Handelsplattform Alibaba ein. Die Produkte sind bisweilen ausgefallen, der Kauf nicht ohne Risiko.

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Kurz vor Weihnachten fragt man sich: Was schenke ich meinen Liebsten? Wo finde ich etwas, das sie nicht schon längst besitzen? Der verzweifelte Gang in die Confiserie gehört zu den Klassikern: Noch schnell am 24. Dezember eine Schachtel Pralinen kaufen, ehe es zur Bescherung kommt. Unter dem Baum dann die böse Überraschung: «Oh Pralinen! Du weisst, dass du mir das bereits letztes Jahr geschenkt hast? Und vorletztes Jahr und…», sagt die enttäuschte Cousine.

Fantasielose Schenker wären gut beraten, die chinesische Onlinehandelsplattform Alibaba aufzusuchen. Dort gibt es nichts, was es nicht gibt: Zum Beispiel «echtes brasilianisches Junfrauenhaar» – 18 Dollar pro 100 Gramm – oder eine «Role-x»-Uhr zum Preis von 4.43 US-Dollar. Auch günstige Trikot-Fälschungen der Schweizer Fussballnationalmannschaft sind erhältlich: «Beste siamesische Qualität Fussball Hemd Xhaka, Mehmedi, Shaqiri» – die Übersetzungen des deutschen Alibaba-Ablegers sind mindestens so abenteuerlich wie die Produkte selbst.

Immer Transaktionen wegen Alibaba

Es ist anzunehmen, dass heute Abend einige solcher und ähnlicher Produkte unter den Schweizer Weihnachtstannen liegen werden. Denn Ali-Express, die Kleinkunden-Plattform des chinesischen Internetgiganten Alibaba, wird immer beliebter. Spezifische Zahlen gibt es zwar nicht, aber die Aussagen der Kreditkarteninstitute lassen aufhorchen: Bei Alibaba hat sich das Transaktionsvolumen gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt, sagte eine Sprecherin der Firma Aduno kürzlich im «SonntagsBlick». Zu spüren bekommt dies auch die Post, bei der dieses Jahr deutlich mehr Sendungen aus China eingehen: «Wir stellen sehr hohe Zuwachsraten bei kleineren Paketen fest», sagt ein Sprecher in der SRF-Sendung «Echo der Zeit».

Doch wer beim chinesischen Pendant des Schweizer Internet-Aktionshauses Ricardo einkauft, geht Risiken ein. Einerseits was die Qualität betrifft. Ins Visier geraten ist vor allem die populärste Handelsplattform des Alibaba-Imperiums: der digitale Marktplatz Taobao. Die US-Handelsaufsicht Saic veröffentlichte zu Jahresbeginn einen Testbericht, der Taobao ein katastrophales Zeugnis bescheinigt. Bei 32 von 51 Einkäufen erhielt die Behörde gefälschte Produkte von den Anbietern. Weniger als 40 Prozent der Angebote hielten, was sie versprachen.

Falsch deklarierte Produkte

Zum anderen gehen Alibaba-Kunden auch das Risiko ein, mit den Schweizer Zollbehörden in Konflikt zu geraten. So kann es durchaus vorkommen, dass das bestellte Produkt an der Grenze hängen bleibt. Dies, weil der Wert des Paketinhalts zu tief deklariert wurde. Offenbar ein Vorgehen, das System hat: Laut der Lieferfirma DHL, einer Partnerin der Website Ali-Express, sei ein Grossteil der Pakete aus China und Hongkong falsch deklariert. Nicht immer geht der Betrug den Zollbehörden ins Netz. Denn die Absender greifen oftmals zu Tricks. So werden auch teurere Produkte als «Muster» deklariert, was deutlich kleinere Verwaltungspauschalen zur Folge hat.

Eine andere Betrugsform, die vor allem dem Käufer schadet, wird gemäss der Plattform Asiaimportal immer häufiger angewendet: Der Zahlungsbetrug. Dabei verschaffen sich Hacker Zugang zum E-Mail-Account des privaten Händlers. Dort sucht er nach Bestellungen, die noch bezahlt werden müssen. Der Betrüger liest die versendeten E-Mails und lädt Rechnungen herunter, von denen eigene Rechnungen kreiert werden. Die gefälschte Rechnung ist mit der echten Rechnung identisch – der Unterschied ist der Empfänger und dessen Zahlungsinformationen. Ein weiteres Risiko sind beschädigte Produkte: Weil Alibaba – wie andere Online-Handelsplattformen – nur als Zwischenhändler für private Anbieter operiert, gibt es keine Garantie auf die Qualität der Produkte.

Kampf gegen Markenfälscher

Alibaba – inzwischen die grösste IT-Firmengruppe Chinas – ist sich der Betrugsproblematik bewusst. Vor dem Börsengang im September 2014 investierte das Unternehmen nach eigenen Angaben eine Milliarde Yuan, umgerechnet etwa 140 Millionen Franken, um potenziellen Investoren ein seriöses Geschäftsmodell präsentieren zu können. So wurde etwa das Bewertungssystem für Verkäufer verbessert. Damit soll verhindert werden, dass Betrüger sich eine falsche Reputation zulegen, die sie als verlässliche Anbieter ausweist. 300 Alibaba-Mitarbeiter spüren gefälschte Produkte auf. Millionen auffälliger Links seien entfernt worden. Wer dennoch auf Fälschungen reingefallen ist, dem biete man unbürokratische und schnelle Unterstützung, so der Konzern. In mehr als 1000 Fällen habe man Hilfe geleistet, 400 Markenfälscher seien festgenommen worden.

Trotz der Zweifel floriert das Geschäft. Auch dank Schweizer Kunden. Dies zeigt: Der Einkaufstourismus findet längst nicht mehr nur im nahen Deutschland statt, sondern hat sich zum globalen Phänomen ausgeweitet. Gemäss einer CS-Schätzung bewirken Auslandeinkäufe für Schweizer Detailhändler einen Wertabfluss von rund 15 Milliarden Franken. Es ist wahrscheinlich, dass dieser noch weiter ansteigt – auch dank Alibaba. (mrs)

Erstellt: 24.12.2015, 10:17 Uhr

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