«Ich habe Momente nackter Angst»

Als international bekannte Publizistin und linke Aktivistin fordert Naomi Klein einen Green New Deal, einen klimagerechten Umbau der Wirtschaft.

Naomi Klein stammt aus einer Familie linker Aktivisten und hat sich als Globalisierungskritikerin einen Namen gemacht. Foto: Dukas

Naomi Klein stammt aus einer Familie linker Aktivisten und hat sich als Globalisierungskritikerin einen Namen gemacht. Foto: Dukas

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Frau Klein, Sie wurden berühmt mit dem Buch «No Logo». Wie kommt man von einem Rundumschlag gegen Markenware auf den Klimawandel?
Das ist kein grosser Aufbruch. Ich habe mich damals mit Shopping als Lebensstil beschäftigt, und der hat dazu geführt, dass die Emissionen in den vergangenen Jahrzehnten enorm angestiegen sind. Unsere globalisierte Art zu konsumieren ist von der Klimakrise nicht zu trennen. Dazu kommt, dass der Klimawandel nicht nur ein ökologisches Phänomen ist, sondern vor allem eine Frage der Gerechtigkeit.

Inwiefern?
Als ich mich mit den Folgen des Hurrikans Katrina beschäftigte, habe ich gemerkt, dass grosse, schockartige Veränderungen eine Gesellschaft oft zu unpopulären Massnahmen verleiten. So nutzte man den Wiederaufbau in New Orleans, um das soziale Wohnen herunterzufahren und das Schulsystem zu privatisieren. Das war ein Ausblick in die Zukunft: darauf, dass man zunehmend schlimmes Wetter erleben und dieses zu mehr Ungleichheit führen wird.

Können Sie so, dass es auch meine Oma verstehen würde, erklären, was jetzt passieren sollte?
Ich kenne Ihre Oma nicht, aber üblicherweise verstehen Grossmütter viel besser als wir, warum man nicht ständig shoppen sollte. Eines ist klar: Das Märchen vom ewigen Wachstum ist zu Ende, man kann nicht ohne Limit konsumieren. Dieser Lifestyle führt nicht nur zu ökologischen Krisen, sondern auch zu Stress, Sucht und Krankheiten. All das werden wir nicht lösen, wenn wir nur auf den CO2-Ausstoss gucken, wir brauchen eine komplettandere Wirtschaft.

«Die Gerechtigkeit muss im Mittelpunkt stehen, sonst wird es keine Lösung geben.»

Aktivisten wird vorgeworfen, sie wollten die Klimakrise nützen, um gleich den Kapitalismus abzuschaffen.
Die Klimakrise ist das Symptom einer Systemkrise. Das grosse Versprechen der Ära des Freihandels und der globalen Unternehmen war: Gut, es werden Regionen und Leute zu Schaden kommen, aber am Ende profitieren alle vom steigenden Wohlstand. Die Rechnung für dieses globale Wirtschaften, das darauf aufbaut, die billigsten Produktionswege und die billigste Energie zu finden, haben wir jetzt in Form der Klimakrise. Die Entscheidung, die jetzt fallen muss, ist: entweder ein Green New Deal oder gar nichts.

Der wird vor allem diejenigen treffen, die sich eine höhere CO2-Bepreisung nicht leisten können.
Die Gerechtigkeit muss im Mittelpunkt stehen, sonst wird es keine Lösung geben. Mir schwebt ein globaler Plan für Länder und zwischen den Ländern vor: Es muss eine Klimafinanzierung geben, getragen von Industriestaaten wie Deutschland oder den USA, die es den Ländern, die für den Klimawandel nichts können, ermöglicht, auf andere Energien umzusteigen, grüne Jobs zu schaffen und ihre Wälder zu schützen. Sonst geht es uns wie Emmanuel Macron, der sich als grosser Verteidiger des Planeten aufspielt, mit seiner Benzinsteuer aber vor allem den Lebensstandard der Leute angriff.

Eine Welt, in der es darum geht, Ungleichheit zu beseitigen, müsste der ideale Ort für eine neue Linke sein. Das Gegenteil ist der Fall. Warum?
Das sehe ich nicht so, im amerikanischen Vorwahlkampf haben gerade Leute wie Bernie Sanders und Elizabeth Warren den grössten Block an Unterstützung. Sanders geht als demokratischer Sozialist ins Rennen, Warren fordert Markteingriffe und eine allgemeine Krankenversicherung. Und in Europa gibt es die «Fridays for Future»-Bewegung, die nicht nur für das Klima kämpft, sondern auch feministisch, international und gegen Faschismus ist. Das wird politische Veränderungen auslösen.

Wenn man mit Ihnen zusammensitzt, fällt auf, wie gut gelaunt Sie in Anbetracht Ihrer Themen sind.
Nicht immer, ich habe Momente von nackter Angst und Trauer. Ich bin sehr naturverbunden, meine Familie lebt in British Columbia, das ist einer der schönsten Plätze der Welt. Doch dort sterben die Lachse, weil sich das Wasser erwärmt. Das sind nicht nur Wunderfische, sondern von ihnen hängt auch ein ganzes Ökosystem ab, sie sind Nahrung für Bären und Orcas. Und das Schlimmste ist: Es wird nicht mehr gut. Da regt es mich noch mehr auf, wenn Leute, die privilegiert genug sind, um darüber beim Tee zu reden, sich dieser Hoffnungslosigkeit hingeben, nach dem Motto: Schlimm, aber geniessen wir es, solange es geht.

Wie wurden Sie eigentlich zur linken Aktivistin?
Das liegt in der Familie. Mein Grossvater war bei Walt Disney, er zeichnete bei Filmen wie «Fantasia» und «Bambi» mit. Er war bei der ersten Gewerkschaft, und als er an «Dumbo» gearbeitet hat, organisierte er einen Streik und wurde gefeuert. Meine Grosseltern zogen nach New Jersey, haben ihr Haus gebaut, waren im Kulturleben aktiv. Da waren Leute wie der Songwriter Woody Guthrie, all das war Teil meiner Kindheit. Meine Mutter machte feministische Filme, mein Vater war Kriegsdienstverweigerer und zog mit der Familie nach Kanada, um nicht nach Vietnam zu müssen.

Sie haben sich unter anderem für die BDS-Bewegung eingesetzt, die Israel mit Sanktionen und Boykotten belegen will. Warum ist die Linke eigentlich so besessen von Israel?
Ich habe keine Obsession, was Israel betrifft, ich will nur konsistent sein. Ich mag die Inkonsequenz vieler Linker nicht, dass man alle Länder ausser Israel kritisiert.

Können Sie nachvollziehen, dass der deutsche Bundestag BDS als antisemitisch verurteilt hat?
Als Jüdin habe ich grosse Angst vor der Wiederkehr des Antisemitismus. Ich lebe in New Jersey, wo es vor kurzem ein Massaker in einem koscheren Supermarkt gab. Aber ich will mich auf echten Antisemitismus konzentrieren. Kritik an Menschenrechtsverletzungen in Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen, halte ich für gefährlich. Ich verstehe, dass Deutschland seine eigene Geschichte und Gründe hat, aber das sollte man nicht auf den Rest der Welt projizieren und schon gar nicht auf Juden.

Hatten Sie schon mal einen «Activist Burn-out», also das Gefühl, mit dem Aktivismus an die eigenen Grenzenzu stossen?
Der Frust vieler Aktivisten kommt daher, dass sie unnötig unglücklich gemacht werden durch die Art, wie sie aufeinander losgehen. Es ist brutal, wie linke Subkulturen sich gegenseitig bekämpfen. Das finde ich inspirierend an den neuen Klimaaktivisten: Die Kids wissen, dass das nicht nur eine einzelne Kampagne ist, sondern ein Leben lang andauern wird. Also passen sie aufeinander auf und behandeln sich besser als die Aktivisten meiner Generation.

Sie erzählten einmal, dass viele junge Frauen Sie fragen, ob sie überhaupt noch Kinder in die Welt setzen sollen.
Ja, es gibt gerade so einen Trend unter jungen Leuten, sich zu verpflichten, keine Kinder zu bekommen. Das finde ich schrecklich, denn wenn Reproduktion politisiert wird, kann das fürchterlich schiefgehen, wie man aus der Geschichte der Zwangssterilisierungen weiss. Für mich ist Geburtenkontrolle auch keine Lösung für das Klima. Ich sage den Frauen: Die Leute werden immer Kinder bekommen, und wir sollten sicherstellen, dass diese Kinder eine Zukunft haben.

Sprechen Sie mit Ihrem Sohn über den Klimawandel?
Mein Sohn ist sieben, er nimmt das sehr ernst und hat Angst. Ich will ihn beschützen, also rede ich mit ihm nicht über die ganze Welt, sondern sage einfach: Wir kriegen den Green New Deal. Und ich konzentriere mich auf kleine Dinge. Dort, wo wir wohnen, gibt es Pläne, ein Kohlekraftwerk zu bauen, dagegen gab es einen Protest, und er wollte mitkommen.

In Ihrem Buch schreiben Sie: Der Einzelne kann nichts gegen den Klimawandel tun. Was meinen Sie damit?
Als Menschen sollten wir unsere Werte leben. Weil wir es können. Radfahren zum Beispiel ist gut, weil es Spass macht und gesund ist. Aber wir sollten diese Art von Lifestyle nicht mit dem verwechseln, was nötig ist, um Emissionen zu reduzieren. Zumal viele Leute gar keinen Zugang zu Fahrradwegen haben.

Die Glaubwürdigkeit von Klimaaktivisten wird gerne daran gemessen, was sie essen, wie oft sie fliegen. Wie gehen Sie damit um?
Ich verärgere meine internationalen Verleger regelmässig damit, dass ich kaum reise, aber ich bin jetzt auch nicht hergesegelt so wie Greta Thunberg. Wenn ich das Gefühl habe, ich kann etwas bewegen, dann fliege ich und entschuldige mich nicht dafür. Wir sind alle Teil eines Systems. Wenn wir keine Heuchler sein dürfen und nicht innerhalb des Systems agieren können, um es zu ändern, dann können wir gar nichts ändern. Das ist wie mit dem Rauchen.

Rauchen?
Aus der Geschichte wissen wir: Wenn man eine massenhafte Veränderung von Verhalten will, braucht es Regulierung. Ich habe erst zu rauchen aufgehört, als sie es verboten haben. Ich lebe in einem kalten Klima. Irgendwann wollte ich nicht mehr bei minus 30 Grad alleine draussen stehen und rauchen.

Erstellt: 07.02.2020, 21:55 Uhr

Kritikerin der Globalisierung

Naomi Kleins Buch «No Logo», in dem sie sich mit der Billigproduktion von Markenartikeln in Entwicklungsländern beschäftigte, wurde im Jahr 2000 zum Bestseller und machte Klein zur prominentesten Globalisierungskritikerin. Die 1970 in Kanada geborene Klein ist mit dem Dokumentarfilmer Avi Lewis verheiratet und hat einen siebenjährigen Sohn. (red)

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