Jede Bank könnte die nächste sein

Seit der Rettung der Grossbank Dexia wird darüber gerätselt, welche als nächste einknicken könnte. Die beunruhigende Lehre der jüngsten Geschichte ist, dass keine absolut sicher ist.

Der Zusammenbruch der französisch-belgischen Grossbank sagt viel über die Gefahren, die vom Finanzsektor ausgehen können: Blick auf das Dach des Dexia-Hauptquartiers im belgischen Brüssel.

Der Zusammenbruch der französisch-belgischen Grossbank sagt viel über die Gefahren, die vom Finanzsektor ausgehen können: Blick auf das Dach des Dexia-Hauptquartiers im belgischen Brüssel. Bild: Keystone

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Nachdem die französische Grossbank Dexia als erstes Opfer der in Europa erneut angelaufenen Finanzkrise mit Steuergeldern gerettet werden musste, interessiert jetzt vor allem: Wer ist als Nächstes dran? Die Antwort auf diese Frage ist nicht eindeutig. Die gängigen Stressindikatoren sind jedenfalls nur beschränkt hilfreich. Das zeigt eindrücklich der jüngste Stresstest, den die Europäische Bankenaufsicht (EBA) im Juli veröffentlicht hat. Dexia zählte nach den dort angewendeten Kriterien zu einem der gesündesten Institute des Kontinents. Dass das Institut keine drei Monate nach dem Test dennoch gerettet werden muss, zeigt, dass grundsätzlich keine Bank wirklich sicher ist.

Den Stresstest bestanden haben Banken, die selbst nach Massnahmen zur Verstärkung ihres Eigenkapitals noch nicht eine Quote von 5 Prozent des Eigenkapitals im engeren Sinn (sogenanntes Core Tier 1) gemessen an den risikogewichteten Anlagen ausgewiesen haben. Nur acht Banken sind durch den Test gefallen. Dexia war mit einer Quote von 10,4 Prozent im Lager der besonders sicheren Institute.

Die beunruhigende Lehre aus dem Fall Dexia

Als grösste Schwäche des Stresstests wurde immer wieder genannt, dass er einen Staatsbankrott nicht als mögliches Szenario berücksichtigt habe. Doch selbst wenn man das getan hätte, wäre Dexia noch immer gut weggekommen. Das Institut hatte zwar in einem Ausmass Staatspapiere von gefährdeten Ländern auf den Büchern, deren Totalausfall einem Mehrfachen des eigenen Kernkapitals entsprochen hat. Aber damit unterschied sich die Grossbank nicht stark von anderen europäischen Instituten. Bei einem Totalausfall der griechischen Staatsanleihen hätte Dexia gemäss EBA-Daten «nur» einen Drittel seines Kern-Eigenkapitals verloren. Bei anderen französischen Banken ist dieser Anteil deutlich höher. Die beunruhigende Nachricht daraus lautet: Eine Bank ist auch dann nicht sicherer, wenn sie weniger als andere gefährliche Papiere auf ihren Büchern hat.

Zum Verhängnis ist Dexia letztlich ein Liquiditätsengpass geworden. Die Bank finanziert vor allem französische Gemeinden langfristig, nimmt aber die eigenen Mittel kurzfristig auf. Als im Zuge der Anspannungen auf den Finanzmärkten die Geldversorgung der europäischen Banken mit kurzfristigen Mitteln immer stärker ausgetrocknet ist, war es dann um Dexia geschehen. Bei Dexia war diese sogenannte Fristentransformation besonders ausgeprägt, doch sie ist kein Sonderfall, sie gehört im Gegenteil zum Standardgeschäft von Banken.

Die Gefahr der selbst erfüllenden Prophezeiung

Dass in einer Vertrauenskrise selbst Banken in höchste Gefahr geraten können, die man zuvor noch für gesund und solvent beurteilt hat, ist schliesslich auch die Lehre aller bisherigen Finanzkrisen. Das liegt erstens am Geschäftsmodell von Banken und zweitens an den komplexen gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Finanzinstituten einerseits und zwischen ihnen und der Realwirtschaft andererseits.

Zum ersten Punkt: Das klassische Geschäftsmodell einer Bank besteht darin, den grössten Teil des von Einlegern und anderen Kapitalgebern angenommenen Geldes gleich wieder auszuleihen oder in Finanzprodukte zu investieren – wie zum Beispiel in Anleihen oder komplexere Ausprägungen. Gilt ein Institut einmal als unsicher, kann das leicht zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung führen: Denn verlangen Einleger und weitere Geldgeber ihr Geld zurück, wird jede Bank irgendwann illiquid. Sie muss dann ihre Anlagen notverkaufen, was deren Preise drückt und damit ihren Kapitalbestand. So kann erst das Eigenkapital wegschmelzen und dann auch noch die Deckung für die Einlagen. Der Vertrauensverlust führt damit erst zur Illiquidität einer Bank und durch die Notverkäufe rasch auch noch zur Insolvenz.

Zum zweiten Punkt: Banken sind direkt über gegenseitige Kredite wie auch indirekt über die Realwirtschaft eng miteinander verflochten. Ein Vertrauensverlust gegenüber einigen Instituten trifft daher rasch die ganze Branche. Denn niemand weiss, wer auf welchen Risiken sitzt. Banken reagieren darauf mit zurückhaltenden Ausleihungen an andere Banken wie auch an die Realwirtschaft. So bringen die Banken immer grössere Summen auf den Konten der Europäischen Zentralbank in Sicherheit – aktuell sind es 270 Milliarden Euro. Doch auch das führt zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung. Der Liquiditätsengpass der Banken verschärft sich, und die Lage der Realwirtschaft trübt sich ein. Dadurch verschlechtert sich die wirtschaftliche Position der Kreditnehmer der Banken. Die Kredite und weitere Wertpapiere mit Bezug auf die Realwirtschaft in den Büchern der Banken verlieren dadurch an Wert, was deren Lage weiter verschlechtert.

Die Warnsignale der Kapitalmärkte

Eine weitgehende Absicherung gegen solche Entwicklungen wäre ein dickes Eigenkapitalpolster der Banken. Doch dieses ist generell noch immer viel zu dünn, um die Gemüter auf den Kapitalmärkten zu beruhigen. Dort sind in jüngster Zeit nicht nur einzelne Banken unter die Räder gekommen, sondern so gut wie alle. Der Stoxx-Index der grössten 600 europäischen Banken ist seit Jahresbeginn um 30 Prozent eingebrochen. Wenn man die Börsen zum Massstab der Gefährdung nehmen will, sind wenig überraschend vor allem griechische, irische und portugiesische Banken im Fokus. Allein die Aktie der griechischen Piräus-Bank ist seit Jahresbeginn um 86 Prozent eingebrochen. Aber auch die deutsche Commerzbank kommt mit einem Einbruch von rund 60 Prozent sehr schlecht weg. Selbst die österreichischen Institute Raiffeisen (–50 Prozent) und Erste (–48 Prozent) sind noch schlimmer dran als die oft genannten französischen Banken Société Générale (–46 Prozent) oder Credit Agricole (–44 Prozent). Die Schweizer Institute liegen mit einem Aktieneinbruch von 33 Prozent im Fall der Credit Suisse und von 30 Prozent bei der UBS etwa im Durchschnitt.

Ein anderer gegenwärtig viel konsultierter Indikator für die Unsicherheit auf den Märkten sind die Prämien für die Kreditausfallversicherungen (CDS) von Banken. Auch nach diesem Krisenindikator sind griechische Banken am meisten gefährdet. Bei der EFT Eurobank und der Alpha Bank kostet es rund 22 Prozent, um sich gegen einen Bankrott in fünf Jahren abzusichern. Im Vergleich dazu beträgt etwa die Prämie für die französische Grossbank Société Générale nur 3,18 Prozent. Das Beunruhigende hier ist aber der dramatische Anstieg dieser Prämie in jüngster Zeit – seit Anfang Jahr hat sie sich rund verdoppelt. Dieses Phänomen zeigt sich generell, und selbst bei den Schweizer Banken, die gemessen an den CDS-Prämien ansonsten noch immer als relativ sicher gelten: Bei der Credit Suisse beträgt sie 1,55 Prozent, bei der UBS 1,94. Doch noch zu Jahresbeginn lag sie im Fall der Credit Suisse bei 1 Prozent und bei der UBS mit 1 Prozent etwa bei der Hälfte des aktuellen Werts.

Der Fall Dexia zeigt, dass jede Bank grundsätzlich in einer fortgesetzten Finanzkrise gefährdet ist. Doch er zeigt auch noch etwas anderes: nämlich dass sich die Regierungen einen solchen Ausgang nicht leisten können und eine gefährdete Bank mit Steuergeldern retten werden. Dies und die Aussicht auf Hilfsmassnahmen gleich für die ganze Branche haben in den letzten Tagen den Aktien der Finanzbranche deutlichen Schub verliehen. Das war kein Hinweis auf ein neu erwachtes Vertrauen in den Sektor oder in seine Kapitalpuffer.

Erstellt: 11.10.2011, 15:18 Uhr

Frankreich will Dexia-Nachfolgerin gründen

Nach dem Aus für die belgisch-französische Dexia-Bank soll ein neues Geldinstitut in Frankreich gegründet werden, um die Finanzierung der französischen Gemeinden durch Kredite sicherzustellen. Diese neue Bank solle in einigen Monaten einsatzbereit sein, sagte Präsident Nicolas Sarkozy heute bei einem Besuch in der französischen Region Creuse.

Bisher war die Dexia-Bank, die durch die Schuldenkrise ins Schlingern geraten war und nun aufgespalten wird, der größte Geldgeber der Städte und Gemeinden in Frankreich. Nun soll das neue Geldinstitut, das aus den beiden französischen Staatsbanken Caisse des dépôts und Postbank besteht, die 70 Milliarden Euro an Krediten für die Gemeinden verwalten. Sarkozy sagte, das neue Geldinstitut solle nicht nur die Finanzierung der französischen Kommunen sicherstellen, sondern auch Kredite für kleine und mittlere Unternehmen gewähren. Er versicherte zugleich, das Institut werde am Finanzmarkt nicht mit «riskanten Produkten» handeln. Belgien, Frankreich und Luxemburg hatten in der Nacht zu Montag die Zerschlagung der Dexia beschlossen. Der belgische Teil der Dexia-Gruppe wird verstaatlicht, der luxemburgische Zweig an eine Investorengruppe aus Katar verkauft. (afp)

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