Kalter Entzug

Auch in Griechenland sind die Tage des Braunkohleabbaus gezählt. Doch niemand fühlt sich für die Altlasten zuständig – eine Katastrophe für eine vergessene Region am Rande Europas.

Verlassenes Dorf vor einem Kohlekraftwerk in der Nähe der griechischen Stadt Kozani. Foto: Athanasios Gioumpasis (Getty Images)

Verlassenes Dorf vor einem Kohlekraftwerk in der Nähe der griechischen Stadt Kozani. Foto: Athanasios Gioumpasis (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Hunde haben das Dorf übernommen. Sie streunen durch den Schutt in den Gassen. Sie dösen im Schatten von Häusern, aus denen Diebe Türen und Fenster herausgebrochen haben. Ab und zu hört man einen von ihnen bellen, ansonsten herrscht Totenstille in Mavropigi. Aus der Ferne tönt das Piepen eines Baggers, und wenn man genau hinhört, dann ist da auch dieses beständige dumpfe Geräusch. Von Schaufeln, die sich ins Land graben, Schaufel für Schaufel, Tag und Nacht. Immer weiter auf Mavropigi zu.

Mavropigi ist das Griechenland, das kaum einer kennt. Kein Tourist verirrt sich in diese Mondlandschaft irgendwo zwischen Thessaloniki und Albanien. Die Gegend um Kozani war ein halbes Jahrhundert lang das Kraftwerk Griechenlands, ein grosser Teil des Stroms kam von hier. Mittlerweile ist sie ein einziger Krisenfall. Was die Braunkohle bringt, wenn sie kommt, und – schlimmer noch – was sie hinterlässt, wenn sie geht: Nirgends in Europa lässt sich das gerade so bestaunen wie hier. «Keiner hat erwartet, dass es so schnell geht», sagt Eleftherios Ioannidis. «Und keiner war darauf vorbereitet.»

Karte vergrössern

Ioannidis ist ein Typ, den keiner im Herzen einer Braunkohleregion erwarten würde: der einzige grüne Bürgermeister einer griechischen Grossstadt. 2014 wurde er zum Bürgermeister von Kozani gewählt, der Hauptstadt der Region Westmazedonien. Es war die Zeit der Griechenland-Krise. Die Leute wollten Veränderung, Ioannidis war eine. Ein ehemaliger Manager, ein Ingenieur. Einer, der zupackt. Aber die Krise hat sich seither eher zugespitzt. «Ich denke, unsere Arbeitslosenquote hier ist die höchste Europas», sagt Ioannidis und rückt seine Brille zurecht. 70 Prozent bei den Jugendlichen, 30 Prozent bei allen zusammen, das sind die Zahlen.

«Wir kamen von der Landwirtschaft zur Industrie und gehen jetzt von der Industrie zurück zur Landwirtschaft. Das ist historisch.» Ioannidis wünscht sich einen Notfallplan für seine Region – in einem Land, das sich gerade erst selbst von Notfallplan zu Notfallplan gehangelt hat. «Das kommt davon, wenn man sich von einer Industrie abhängig macht», sagt er. «Und dann noch von der falschen.»

Kohle nicht mehr konkurrenzfähig

Westmazedonien ist kein sonderlich gesegnetes Stück Land. Im Sommer zu heiss, im Winter zu kalt. Eine karge Landschaft, fernab von den wichtigen Handelswegen. Die Provinzstadt Kozani ist weit und breit der grösste Ort. Die Braunkohle kam in den Fünfzigern wie ein Geschenk Gottes in die ärmliche Gegend. Kraftwerke wurden errichtet, die Minen wuchsen schnell und der Wohlstand gleich mit. Die Bergleute verdienten weit besser als alle anderen. Noch 2009 lieferte die Braunkohle 50 Prozent des griechischen Stroms, mittlerweile sind es weniger als 30 Prozent.

Die griechische Kohle enthält nicht besonders viel Energie, die Kraftwerke sind alt und ineffizient. Seit die Preise für Emissionszertifikate angezogen haben, können die Kraftwerke rund um Kozani kaum noch mithalten – dafür emittieren sie einfach zu viel Kohlendioxid. Strom aus Gaskraftwerken ist günstiger geworden. Seit Jahren geht es mit der Braunkohle in Griechenland noch steiler bergab als mit der Wirtschaft. Auf einen der Kühltürme bei Kozani sind vor einiger Zeit Umweltaktivisten geklettert. Seither prangen dort fünf Buchstaben, man kann sie aus der Ferne sehen: «Go Sun», das bedeutet: «Nehmt die Sonne.» Das Kraftwerk zählt zu den schmutzigsten Europas. Solarparks aber sucht man in der Sonne der Gegend vergeblich, auf den Hügelketten erhebt sich kaum ein Windrad. Die Regierung in Athen hat gerade erst begonnen, Wind und Sonne im grossen Stil auszubauen.

Für den Ort Mavropigi kommt jede Hilfe zu spät. Die Bagger stoppt hier keiner mehr. Gemeindevorsteher Tassos Emmanouil ist Herr über ein totes Dorf. Jeden Tag kommt er her, besucht den Friedhof, streift am einstigen Haus seiner Eltern vorbei. Es war mal das Café am Dorfplatz. Drinnen, in einem verstaubten Raum, liegen noch Transparente und Schilder, Relikte einer Demonstration gegen den Untergang. Es war ein kleiner Protestzug, man versammelte sich auf dem Dorfplatz. Viel Aufmerksamkeit fand er nicht. Zwischen zwei Laternen baumelt noch eine Lichterkette, von irgendeinem Fest. Grau vom Staub. Aus einem Fenster tönt ein Fernseher. Nur zwei Menschen sind im Ort geblieben. Am Friedhof haben sie gerade begonnen, die Gebeine umzubetten.

Die Umwelt wird weiter zerstört, damit sie später wieder repariert werden kann.

Die Bagger müssen weitermachen. Das ist die perfide Logik des Braunkohletagebaus. Denn was vorn an Geld erschaufelt wird, brauchen sie hinten, um die Folgen zu beseitigen, für die sogenannte Renaturierung. Anders ausgedrückt: Die Umwelt wird weiter zerstört, damit sie dann wieder repariert werden kann. In Griechenland übernimmt das der staatliche Energiekonzern PPC, seine Arbeiter haben sich in einer Gewerkschaft mit dem vielsagenden Namen Spartakos zusammengeschlossen. Und deren Generalsekretär sieht auch so aus, als würde er sich gleich eine rote Fahne schnappen und ein paar Strassensperren errichten.

Was da mit seinen Kumpeln passiert, empört Sakis Mastoras, sein Bart bebt mit jedem Satz. «Was sollen wir tun? Bauern werden? Fischer? Auswandern?» Seine Tochter ist schon weg, nach Holland. «Ich möchte aber gern hier sterben», sagt Mastoras. Seine Idee: Die Kohle bis zum letzten Brocken herausholen. «Dann ist das in dreissig Jahren sowieso vorbei.» Er will noch einen wütenden Satz zur Klimapolitik nachschieben, bricht ihn aber lieber ab. Stattdessen sagt er: «Wenn die Braunkohle untergeht, wird das für Griechenland tödlich.»

Grundwasser nicht trinkbar

Die Schäden sind mittlerweile weit grösser als nur die Löcher in der Landschaft. Bei Akrini, einem Dorf nicht weit von Kozani, hat PPC über die Jahre Asche aus einem benachbarten Kraftwerk abgelagert. Regen wusch die Asche aus, Schwermetalle sickerten in den Boden. Mittlerweile ist das Grundwasser so mit Chromverbindungen kontaminiert, dass es nicht mehr trinkbar ist. PPC streitet jede Schuld ab, der Fall liegt seit fast zehn Jahren beim Gericht. Es gibt Fotos, die zeigen, wie die Asche nachts heimlich abgeladen und am nächsten Tag mit Erde überdeckt wird. «Wir haben es jedem erzählt», sagt Costas Poutakidis, der Gemeindevorsteher von Akrini, «aber keiner tut etwas.» Er zeigt auf einen Berg, vielleicht drei Kilometer entfernt. Die Kuppe ist weiss. «Asche», sagt Poutakidis. Sicher dauere es nicht lange, bis auch sie mit Erde überdeckt werde, wie auf den Feldern ringsum. «Man muss nicht tief graben, um auf Asche zu stossen.» Die Äcker sind «renaturiertes» Land, wo früher der Tagebau war. Er liebe ja sein Land, ehrlich, sagt Poutakidis noch. «Aber so etwas gibt es nur in Griechenland.»

Eine Baustelle, die der Region Hoffnung geben sollte, sieht man vom Geisterdorf Mavropigi aus. In der Ferne stehen Kräne neben einem Kühlturm, frisch gestrichen in Rot-Weiss-Rot: Ptolemaida V. Ein nigelnagelneues Braunkohlekraftwerk, 660 Megawatt stark, 1,4 Milliarden Euro teuer, mit EU-Geld finanziert. Ursprünglich sollte das neue Kraftwerk in diesem Jahr ans Netz gehen. Stattdessen soll es nun 2022 fertig sein. «Die Frage ist, ob es dann jemals laufen wird», sagt Nikos Mantzaris, der sich für den griechischen Ableger der Umweltorganisation WWF um die Braunkohle kümmert. «Rentabel wird das kaum sein.» Vor allem steigende Preise im europäischen Emissionshandel könnten dem Kraftwerk zu schaffen machen. Allein in den vergangenen sechs Monaten hat sich der Preis, der für jede Tonne Kohlendioxid aufgeschlagen wird, fast verdoppelt, auf mehr als 20 Euro. Das drängt die Braunkohle zunehmend aus dem Markt. Selbst das Milliardenprojekt Ptolemaida V könnte zur Investitionsruine werden, die letzten gut bezahlten Jobs würden dann verschwinden. Und dann?

In Kozani atmet Bürgermeister Ioannidis tief durch. Zwei Konferenzen hat er an diesem Tag hinter sich gebracht, eine zur Braunkohle, eine zur sauberen Mobilität. Im stickigen Sitzungssaal sitzen die Mobilitätsleute immer noch zusammen, aber Ioannidis hat sich herausgestohlen. Eine Stadt und ihre Wirtschaftsstruktur umbauen, das kann anstrengend sein. Zumal, wenn es den einen grossen Plan nicht gibt. Mehr Landwirtschaft schwebt ihm vor, aber anders als früher. In der Gegend wachsen viele Kräuter, sie lassen sich zu Tees oder Essenzen verarbeiten. Ein örtlicher Abgeordneter der linken Syriza-Partei träumt von Cannabis-Anbau im grossen Stil, für medizinische Zwecke. Eine Weinkellerei ist entstanden und produziert für den Export. Ioannidis wiederum hat eine Firma am Haken, die auf Kozanis kleinem Flughafen Piloten ausbilden will. «Es gibt keine einzelne Antwort für Kozani», sagt er. «Sondern viele kleine.»

Erstellt: 01.11.2018, 19:51 Uhr

Artikel zum Thema

Griechenland erhält eine Radikalkur in Sachen Realismus

Analyse Griechenland wollte die Freiheit vor den Kreditgebern feiern. Wegen der 93 Brandtoten mussten das Fest abgesagt werden. Mehr...

Starkes Seebeben erschüttert Griechenland

Viele Menschen wurden von einem Seebeben der Stärke 6,8 aus dem Schlaf gerissen. Mehr...

Im griechischen Parlament stellen sich die Lobbyisten quer

Abgeordnete aus der Partei von Ministerpräsident Papandreou bangen um ihre Pfründe. Sie haben angekündigt, das griechische Sparpaket zu torpedieren. Französische Banken beteiligen sich indessen an der Griechenlandhilfe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...