Die versteckten Risiken der wachsenden Verschuldung

Der IWF hat den Einfluss der weltweit steigenden privaten Schulden auf Wachstum und Finanzstabilität untersucht - und plädiert für mehr Einschränkungen bei der Kreditvergabe.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor den Gefahren einer hohen privaten Verschuldung: IWF-Chefin Christine Lagarde an einer Pressekonferenz.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor den Gefahren einer hohen privaten Verschuldung: IWF-Chefin Christine Lagarde an einer Pressekonferenz. Bild: Keystone

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Wie hat sich die private Verschuldung weltweit entwickelt und welche Folgen hat sie für das Wirtschaftswachstum, die Arbeitsmärkte und vor allem für die Finanzstabilität? Dieser Frage widmet sich ein heute bereits vorab veröffentlichtes analytisches Kapitel des Finanzstabilitätsberichts des Internationalen Währungsfonds. Das Thema ist gut gewählt, nahm doch vor zehn Jahren die Finanzkrise in den USA ihren Anfang. Auch sie ging wesentlich auf eine zu hohe private Verschuldung zurück.

Wie der IWF im Bericht festhält, ist die private Verschuldung seit der Krise allerdings nicht zurückgegangen – im Gegenteil: Seit dem Jahr 2008 ist ihr Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) in den entwickelten Ländern von 52 auf 63 Prozent weiter angestiegen. Gefallen ist der Anteil allerdings in Ländern, die von der Finanzkrise und der nachfolgenden Eurokrise am härtesten getroffen wurden, wie die USA, Grossbritannien, Island, Portugal, Spanien und die baltischen Staaten. Aber auch dort ist die private Verschuldung gemäss dem IWF nach wie vor hoch. In den Schwellenländern wuchs ihr Anteil von 15 auf 21 Prozent. Der Anstieg der privaten Verschuldungsquote am BIP geht laut dem IWF hauptsächlich auf eine Zunahme der Schulden zurück und liegt nicht an einem stagnierenden oder abnehmenden BIP.

Langfristig von Vorteil

Wie die Autoren festhalten, müsste gemäss der hergebrachten ökonomischen Theorie die Möglichkeit zur privaten Verschuldung eigentlich eine positive Sache sein: Denn sie ermöglicht den Ausgleich der Einkommen über die verschiedenen Lebenszyklen hinweg mit dem entgegenlaufenden Bedarf. In jüngeren Jahren fallen trotz tieferer Einkommen höhere Kosten etwa durch die Ausbildung an, während in späteren Jahren die Einkommen gewöhnlich deutlich höher liegen. Ein Finanzsystem kann hier über Kredite und damit die Verschuldung den Ausgleich ermöglichen, wie das generell für Investitionen in Projekte gilt, die erst nach einiger Zeit Früchte tragen.

Langfristig sei es tatsächlich so, dass der Finanzsektor beziehungsweise die private Verschuldung das Wachstum fördern kann, schreiben die Ökonomen, aber nur bis zu einer maximalen Verschuldungsgrenze. Diese befindet sich gemäss den Forschern bei einer Verschuldung der Haushalte zwischen 36 und 70 Prozent, gemessen am BIP.

Wie viel zu viel ist, hängt von vielen länderspezifischen Faktoren ab. In der Schweiz liegt die private Verschuldung bei über 100 Prozent, gemessen am BIP. Dasselbe gilt für Australien, Zypern, Dänemark und die Niederlande. Auf die besondere Situation und allfällige Gefahren in diesen Ländern geht der IWF-Bericht nicht ein. Der Grund für die hohe Verschuldung in der Schweiz ist der grosse Anteil an Hypotheken, die Private von Banken erhalten haben. In entwickelten Ländern dominieren sie mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent generell die private Verschuldung.

Der kurzfristige Reiz

Zumindest anfänglich hat eine steigende private Verschuldung laut dem IWF vor allem positive Wirkungen: Die durch die Zunahme an verfügbaren Mitteln getriebenen Ausgaben und Investitionen treiben die Nachfrage und damit auch die Konjunktur: Das Wachstum nimmt zu und auch die Beschäftigung. Dazu kommt, dass dann oft die Hauspreise steigen, wenn viele Hypotheken aufgenommen und Immobilien gekauft werden. Das verstärkt das allgemeine Gefühl eines grösseren Reichtums. Auch wegen dieser kurzfristig positiven Wirkungen werden die Risiken der wachsenden Verschuldung oft nicht erkannt und angegangen.

In der Regel nach ein bis zwei Jahren kehrt sich das positive Bild gemäss den Untersuchungen des IWF um. Die Verschuldung beginnt zu drücken: Konsum und Investitionen werden gebremst. Das Wachstum, die Preise (auch die Hauspreise) und die Einkommen stagnieren oder gehen zurück. Die Schulden sind immer schwerer zu bedienen. Ausfallende Kredite und Hypotheken bringen dann die Banken in Bedrängnis, und es droht eine Finanzkrise. Die Gefahr ist besonders gross, wenn die Inflation tief ist (weil dann der reale Wert der Schulden hoch bleibt) und wenn die Einkommen stagnieren (weil die Schulden schwerer zu bedienen sind). Beides ist aktuell in den entwickelten Volkswirtschaften der Fall.

Einschränkungen ergeben Sinn

Als beste Massnahmen gegen eine zu hohe beziehungsweise rasch steigende private Verschuldung empfiehlt der IWF Einschränkungen bei der Kreditvergabe: Hier zählt vor allem eine maximale Quote für den Schuldendienst, gemessen am Einkommen (Debt-Service-to-Income-Ratio) und eine Maximalquote für den ausgeliehenen Betrag, gemessen am dafür gekauften Objekt (Loan-to-Value-Ratio). Bei Hypotheken entspricht das der Belehnungsobergrenze, gemessen an der damit finanzierten Immobilie. Auch aufseiten der Banken erweisen sich jene Massnahmen als besonders wirksam, die direkt bei der Kreditvergabe ansetzen, wie eine Begrenzung des Kreditwachstums oder Rücklagen, die Banken für ausgegebene Kredite vornehmen müssen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2017, 15:51 Uhr

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