KOF sieht Schweizer Wirtschaft in Rezession

Zürcher Konjunkturforscher erwarten in den ersten drei Quartalen 2015 einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Fast jeder dritte Maschinenbauer kalkuliert in diesem Jahr einen operativen Verlust ein.

In der Metall- und Maschinenindustrie drohen Einbussen: Schmelzofen der Stahl Gerlafingen.<br />Foto: Keystone

In der Metall- und Maschinenindustrie drohen Einbussen: Schmelzofen der Stahl Gerlafingen.
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Die Schweizer Wirtschaft steckt gegenwärtig mitten in einer Rezession, wenngleich sie nur von kurzer Dauer sein wird. Zu diesem Befund gelangt die KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich, die gestern ihre Frühjahrsprognose vorgestellt hat. Als Folge der rasanten Franken-Aufwertung nach der Aufhebung des Euromindestkurses von Mitte Januar erwarten die KOF-Experten nicht nur für das zu Ende gehende erste Quartal eine schrumpfende Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorquartal. Auch im zweiten und dritten Jahresviertel dürften die Vorzeichen im Minus verharren, und erst für das Schlussquartal stellt die KOF wieder ein Wachstum in Aussicht.

Für das gesamte laufende Jahr rechnen die Zürcher Konjunkturforscher mit einem Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von minimalen 0,2 Prozent, wobei sie im gesamten Prognosezeitraum einen unveränderten Wechselkurs von 1.07 Franken je Euro unterstellen. Kurz nach der Aufgabe der Franken-Anbindung an den Euro – und in Erwartung eines Franken/Euro-Kurses von 1:1 – hatte die KOF noch einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozent vorhergesagt. Doch auch nach der Korrektur nach oben rangiert sie immer noch klar am unteren Ende des Prognosespektrums. Vor Wochenfrist veranschlagten etwa die Konjunkturexperten des Bundes und die Schweizerische Nationalbank das BIP-Wachstum für 2015 auf je knapp 1 Prozent.

Bremsender Lagerabbau

Weshalb fällt die KOF-Schätzung so deutlich ab? Den Unterschied machen die Lagerveränderungen bei den Unternehmen – eine Komponente, die bei Wachstumsvorhersagen meist nicht eigens berechnet wird, sondern sich vielmehr als Rest- respektive Rundungsgrösse ergibt. Wie Jan-Egbert Sturm, Leiter der KOF, gestern vor Medienvertretern ausführte, hatte bereits in den zwei zurückliegenden Jahren ein mehr oder minder kontinuierlicher Lageraufbau stattgefunden, und im ersten Quartal 2015 dürfte sich diese Entwicklung noch akzentuiert haben. Will heissen: Die Firmen produzierten mehr, als sie absetzen konnten.

Die damit verbundene unfreiwillige Vorratsaufstockung werden die Unternehmen nach Einschätzung von Sturm im weiteren Jahresverlauf korrigieren, indem sie die Produktion zurückfahren. Wie stark dieser Lagerveränderungseffekt das Wachstum im laufenden Jahr zurückbindet, zeigt der Umstand, dass die besagte KOF-Vorhersage von 0,2 Prozent bei Ausklammerung der Lagergrösse auf immerhin 0,9 Prozent steigen würde. Auch für 2016 gehen die Konjunkturauguren von einem wachstumsdämpfenden Lagereffekt aus: Die von ihnen erwartete Steigerung des BIP um 1 Prozent würde ohne Lagergrösse 1,3 Prozent betragen.

Dass die Schweizer Wirtschaft im Gesamtjahr 2015 überhaupt zuzulegen vermag, ist laut KOF einzig dem Privatkonsum zu verdanken. Befördert von einem geschätzten Zuwachs der real verfügbaren Einkommen um 2,3 Prozent – der negativen Teuerung sei Dank –, werden die privaten Haushalte ihre Konsumausgaben gemäss Prognose um 2,1 Prozent erhöhen. Rund die Hälfte davon wird indes in den Einkaufstourismus fliessen, veranschlagen doch die KOF-Experten den rein inländischen Konsumzuwachs auf nur mehr 1,1 Prozent.

Empfindliche Margeneinbussen

Dagegen ringt der Unternehmenssektor mit den drastisch verschlechterten Wettbewerbsbedingungen im Zug der Franken-Aufwertung. So ist laut KOF von den Bau- und Ausrüstungsinvestitionen im laufenden Jahr kein Wachstumsbeitrag zu erwarten, und vom Aussenhandelsbereich wird ein merklich wachstumsbremsender Effekt ausgehen (nachdem er 2014 noch eine wesentliche Konjunkturstütze darstellte). Wie heftig die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie – eine Kernbranche im Exportgeschäft – von den Verwerfungen auf den Devisenmärkten betroffen ist, zeigt eine gestern vom Branchenverband Swissmem vorgelegte Umfrage. Demnach erwartet fast jedes dritte Unternehmen 2015 rote Zahlen im operativen Geschäft.

Nicht weniger als 92 Prozent der befragten Firmen sehen sich mit Einbussen bei Aufträgen, Umsätzen und/oder Gewinnmargen konfrontiert. Was Letztere betrifft, so bewegen sie sich gemäss Swissmem durchschnittlich zwischen 4 und 8 Prozent auf Stufe Betriebsergebnis (Ebit). Als Folge des starken Frankens stellen sich annähernd zwei Drittel der MEM-Firmen auf Margenrückgänge von mindestens 4 Prozentpunkten ein.

Wie aus der Umfrage ferner hervorgeht, planen die Unternehmen für dieses Jahr auf Basis eines durchschnittlichen Wechselkurses von 1.05 Franken je Euro. Bleibt es dabei, würde ein Sechstel der Antwortenden mindestens Teile der Produktion ins Ausland verlagern.

Erstellt: 26.03.2015, 20:20 Uhr

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