Schluss mit dem Shareholder-Value-Mantra

Die Chefs der grössten US-Konzerne verkünden einen grossen Sinneswandel.

Als wärs ein Blick in eine Zukunft, von der wir noch nicht wissen, was sie bringt: Menschen in Manhattan beobachten das sogenannte Manhattanhenge-Phänomen. Foto: Reuters

Als wärs ein Blick in eine Zukunft, von der wir noch nicht wissen, was sie bringt: Menschen in Manhattan beobachten das sogenannte Manhattanhenge-Phänomen. Foto: Reuters

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Nichts hatte als Handlungsanleitung für Unternehmensführer in den letzten rund 50 Jahren eine grössere Bedeutung als die Maximierung des Werts für die Aktionäre – die sogenannte Shareholder-Value-Doktrin. Gestern haben nun die Chefs (CEOs) von rund 200 führenden US-Grosskonzernen in einer Verlautbarung beschlossen, dieser Doktrin abzuschwören. Neu sollen die sogenannten Stakeholder, alle anderen gesellschaftlichen Gruppen im Netzwerk der Unternehmen, mindestens ebenso viel Gewicht für die Ziele der Chefs haben: die Kunden, die Beschäftigten, die Lieferanten und das Gemeinwesen im Umfeld.

Absender der Verlautbarung ist der sogenannte Business Roundtable, der die Chefs der führenden Unternehmen der USA umfasst. Die gleiche Organisation hat sich in ihren bisherigen Verlautbarungen jeweils noch klar zum Shareholder-Value bekannt. Zu den 181 Unterzeichnenden des Richtungswechsels zählen etwa Tim Cook von Apple, Jeff Bezos von Amazon, Larry Fink vom Investmenthaus Blackrock, Marry Barra von General Motors oder Jamie Dimon von der Grossbank J.P. Morgan. Vertreten sind alle grossen Branchen der US-Wirtschaft. Als Haupttreiber des Vorstosses gelten Jamie Dimon und Larry Fink, die jüngst bereits in ihren Briefen an die Aktionäre die neue Doktrin verkündet haben, gemäss der die Unternehmen eine grössere gesellschaftliche Verantwortung übernehmen sollen.

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Der geistige Vater der Shareholder-Value-Doktrin, der 2006 verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträger und Liberalismustheoretiker Milton Friedman, hielt gar nichts von einer sozialen Verantwortung der Unternehmen. In seinem Buch «Kapitalismus und Freiheit» aus dem Jahr 1962 schrieb er: «Wenige Trends können die Grundlagen unserer freien Gesellschaft so fundamental unterminieren wie die Akzeptanz einer gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmensführern. Ihre Aufgabe muss es sein, für ihre Aktionäre so viel Geld zu verdienen wie möglich.» In der Kurzform liess sich seine Ansicht mit dem Satz «The Business of Business is Business» zusammenfassen: Das Geschäft der Unternehmen ist ihr Geschäft.

Der missverstandene Milton Friedman

Friedman hat damit – anders, als ihm das zuweilen unterstellt wurde – keinen Raubtierkapitalismus vertreten. Es ging ihm vor allem darum, dass die Ordnung der gesellschaftlichen Umstände die Sache demokratisch gewählter Institutionen sein soll. Unternehmensführer hätten dafür keine besonderen Fähigkeiten und noch weniger eine Legitimation. Innerhalb des politisch gesetzten Rahmens und unter Achtung der Gesetze sollen sie dagegen möglichst effizient und im Wettbewerb zueinander Gewinne erwirtschaften. Unter diesen Umständen – so die Auffassung der Shareholder-Value-Theorie – hätten Unternehmen ohnehin Anreize, das zu tun, was auch den für sie wichtigen Stakeholdern wie den Beschäftigten, den Lieferanten und der umliegenden Gemeinschaft wirtschaftlich nützt. Denn auf sie ist das Unternehmen angewiesen, um sein langfristiges Gedeihen zu sichern. Erzielt es zu wenig Gewinn und verliert es im Wettbewerb, werden alle verlieren.

Dieses Ideal des Shareholder-Value-Gedankens erfuhr über die Jahrzehnte eine gewaltige Pervertierung. Seit den 1980ern war es Rechtfertigung für jedes Verhalten von Firmenchefs, um den kurzfristigen Gewinn zu steigern, selbst wenn das auf Kosten des langfristigen Überlebens der Firma ging. Thematisiert wurde das schon früh in Filmen wie «Wall Street» aus dem Jahr 1987. Michael Douglas spielte dort den skrupellosen Finanzhai Gordon Gekko, der Firmen aufgrund von Börsenmanipulationen und Insiderinformationen aufkaufte, zerschlug und mit dem Verkauf ihrer Einzelteile abgesahnt hat. Die Unternehmenschefs entwickelten über die Zeit eine ganze Reihe weiterer Ideen, wie sie ihre Gewinne steigern konnten, ohne dem eigenen Unternehmen langfristig zu nützen – Beispiele dafür sind legale und illegale Steuertricks, das Wirtschaften auf Kosten der Umwelt oder der Beschäftigten oder das Eingehen grosser Risiken, die sich erst später materialisieren.

Das langfristige Gedeihen hat nie interessiert

Ganz anders als von der ursprünglichen Shareholder-Value-Idee postuliert, dominierte statt einer nachhaltigen Entwicklung des Unternehmens immer stärker der kurzfristige Profit. Das führte zum Standard, wonach börsenkotierte Unternehmen jedes Vierteljahr ihre Gewinne ausweisen und danach beurteilt werden. Dieser Druck liefert auch starke Anreize, Gewinne künstlich zu verschönern – über kreative Buchhaltung bis zum Fälschen der Rechnungsführung.

Starke Anreize zum kurzfristigen legalen, halblegalen bis fragwürdigen Aufpeppen der Gewinne – auf Kosten der nachhaltigen Entwicklung – lieferte auch die von der Shareholder-Value-Theorie inspirierte Kompensation der Chefs entsprechend dem Aktienkurs der eigenen Firma. Die Kurzfristigkeit wurde noch gesteigert, wenn statt der Aktien Optionen auf diese als Bonus bezahlt wurden. Die gigantischen Löhne liessen sich dann mit der vorherrschenden Doktrin bestens verkaufen – als Massnahme im Sinn einer funktionierenden Marktwirtschaft.

Zweifel an den Motiven

So radikal der erklärte Bruch der Unternehmenschefs mit dem Shareholder-Gedanken erscheint, abgezeichnet hat er sich schon seit längerem. Viele Bausteine der einst grossen und führenden Ideologien wie Neoliberalismus und Shareholder-Value sind seit der Krise von 2008 in Verruf geraten. Die totale Deregulierung der Märkte oder eine Hyperglobalisierung unter anderem mit schrankenlosen Kapitalströmen wagt heute kaum mehr jemand zu vertreten. Die wachsende Ungleichheit vor allem in den USA erachten mittlerweile selbst Ökonomen, aber auch Milliardäre wie Warren Buffett oder Microsoft-Gründer Bill Gates als Problem. Auf die Gefahren einer sinkenden Akzeptanz der herrschenden Ordnung angesichts einer auseinanderlaufenden Entwicklung für verschiedene Teile der Gesellschaft wiesen neben Larry Fink, Gründer und Chef des mächtigen Investmenthauses Blackrock, oder J.-P.-Morgan-Chef Jamie Dimon in ihren Aktionärsbriefen auch weitere hin.

Es werden aber auch Zweifel dazu geäussert, wie ernst es die Unternehmenschefs wirklich mit ihrem Sinneswandel meinen. Der einstige US-Finanzminister und Ökonom Larry Summers sieht in ihrem Vorgehen vor allem den Versuch, drohende Regulierungen oder neue Gesetze abzuwehren, die sie in ihrem Wirken einschränken könnten. Die Unternehmenschefs müssen auch beweisen, dass sie mit ihrem Vorstoss nicht bloss den für sie unangenehmen Einfluss ihrer Aktionäre – deren Angestellte sie sind – und von deren Vertretern schwächen wollen.

Damit ihr Vorstoss glaubwürdig ist, müssen die Unternehmensführer ihren Worten Taten folgen lassen, wie die «Financial Times» in einem Kommentar festhält. Eine davon wäre zum Beispiel, mehr in die Realwirtschaft statt in Aktienrückkäufe zu investieren, die letztlich nur die kurzfristigen Gewinne und damit auch die eigenen Gehälter steigern, die Bonität des Unternehmens schwächen und der Gesamtwirtschaft wenig nützen.

Erstellt: 20.08.2019, 13:00 Uhr

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