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Kostet der Euro bald nur noch 1.10 Franken?

Rubelkrise, Grexit, mögliche Geldschwemme der EZB: Der Druck auf den Franken ist gross. Namhafte Ökonomen fordern eine Senkung der Euro-Untergrenze.

Am Mittwoch publiziert die Nationalbank Angaben zu ihren Devisenbeständen. Sie geben Hinweise, ob und wie stark sie am Markt intervenieren musste: SNB-Präsident Thomas Jordan.
Am Mittwoch publiziert die Nationalbank Angaben zu ihren Devisenbeständen. Sie geben Hinweise, ob und wie stark sie am Markt intervenieren musste: SNB-Präsident Thomas Jordan.
Peter Klaunzer, Keystone

Der Euro markierte gestern ein Neunjahrestief gegenüber dem US-Dollar. Die wieder aufgeflammte Diskussion um den möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone hat für neuen Druck auf den Euro gesorgt. Mit in die Tiefe wird der Franken gezogen, der fest an die europäische Einheitswährung gebunden ist. Seit September 2011 gilt eine Euro-Untergrenze von 1.20 Franken. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hatte damals angekündigt, mindestens diesen Kurs für jeden Euro zu bieten.

Zur Verteidigung der Untergrenze musste die SNB bereits grosse Summen in die Hand nehmen: Die Devisenreserven wuchsen bis Ende November 2014 auf umgerechnet mehr als 462 Milliarden Franken an. Morgen geben die Währungshüter den Stand per Ende Jahr bekannt. Diverse Marktbeobachter gehen davon aus, dass die SNB in den vergangenen Wochen wieder am Markt intervenieren musste, um die Untergrenze zu verteidigen.

Grosser Druck auf den Franken

Ein deutliches Zeichen gab die Nationalbank am 18. Dezember mit der Einführung von Negativzinsen. Ab dem 22. Januar wird sie für Geschäftsbanken über einem Freibetrag einen Zins von 0,25 Prozent erheben. Als Hauptgrund nannte die SNB die Russlandkrise. Der Absturz des Rubels löste eine Fluchtbewegung in den Franken aus. Hinweise für den Eurokauf durch die Nationalbank gab auch die Zunahme der Giroguthaben von Geschäftsbanken bei der SNB.

Der Druck auf den Franken war in den letzten Wochen gross – und er könnte schon bald noch grösser werden. Es wird damit gerechnet, dass die Europäische Zentralbank am 22. Januar ein Programm zur Ausweitung der Geldmenge bekannt geben wird. Je nachdem wie gross es ausfällt und welche Anleihen die EZB zu diesem Zweck zu kaufen gedenkt, wäre eine weitere Fluchtbewegung in den Franken möglich. Auch ein möglicher Wahlsieg des Linksbündnisses Syriza bei den Parlamentswahlen vom 25. Januar in Griechenland könnte weitere Verunsicherung am Markt auslösen.

Absenkung «würde mehr schaden»

Für Thomas Flury, Devisenexperte bei der UBS, würde eine Absenkung der Euro-Untergrenze etwa auf 1.15 oder gar 1.10 Franken zurzeit aber mehr schaden als nützen. «Das würde nur die Erwartung auf weitere Senkungen schüren», gibt Flury zu bedenken. Markteilnehmer könnten dann erst recht Franken kaufen in der Annahme, die Nationalbank werde die Untergrenze bald weiter senken. «Es besteht auch kein Interesse, den Franken mit einer Absenkung der Untergrenze noch stärker zu machen», sagt Flury. Dies, auch weil Inflation zurzeit überhaupt kein Thema ist. Die SNB rechnet für 2015 im Gegenteil über weite Strecken mit einer negativen Teuerung. Ein billigerer Euro würde Produkte aus der Eurozone vergünstigen – die Teuerung in der Schweiz fiele noch geringer aus. Eine Mehrheit der Marktteilnehmer erwarte denn auch keine Veränderung der Untergrenze.

Auch für ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis wäre es ein «Signal der Schwäche», wenn die SNB dem Druck auf die Untergrenze nachgeben und diese senken würde. Die Nationalbank werde so lange wie möglich «stark bleiben», sagte er dem «Blick am Abend». Aber: «Verschlechtert sich die Lage dramatisch, kann eine tiefere Untergrenze zum Thema werden.»

Schiltknecht will auch Dollar berücksichtigen

Die Untergrenze selber wird zwar kritisiert, weil es eine Notmassnahme ist, mit der die SNB ihre Unabhängigkeit weitgehend aufgibt. Ihre sofortige Aufhebung fordert aber kaum jemand. Selbst Kurt Schiltknecht, der in den 1970er-Jahren Chefökonom der SNB war und der von Anfang an skeptisch gegenüber der nun verhängten Euro-Untergrenze war, sagt, dass man zurzeit ein Kursziel nicht völlig aufgeben könne. Der Doyen der Schweizer Geldpolitik sieht aber durchaus Alternativen zum aktuellen Kurs der SNB.

Angesichts der Probleme der Eurozone glaubt Schiltknecht nicht, dass der Euro in nächster Zeit wieder eine starke Währung werden könne, wie er in einer Samstagsrundschau von Radio SRF von Ende Dezember sagte. Deshalb wäre es vielleicht besser, den Kurs des Frankens an einen Währungskorb zu binden. Insbesondere der Dollar müsste darin enthalten sein, «damit man nicht ausschliesslich an einer schwachen Währung hängt».

Zunehmendes Glaubwürdigkeitsproblem

Eine Absenkung der Euro-Untergrenze auf beispielsweise 1.10 Franken würde für Schiltknecht den Druck auf den Franken temporär wegnehmen. Der Wechselkurs hätte dann eine Grösse erreicht, die glaubwürdig wäre, sagte er gegenüber der «Samstagsrundschau». Denn nach mehr als drei Jahren eines Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro nehme die Glaubwürdigkeit der Nationalbank mit jedem Tag ab, dass sie die Grenze noch lange halten könne. Und mit jedem Problem in Europa werde auch das Problem der SNB akuter. Kapitalverkehrskontrollen als letztes Mittel lehnt Schiltknecht hingegen ab: «Das wäre der Todesstoss für den Finanzplatz».

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