Lagarde rüttelt die G-20 auf

Die Weltwirtschaft droht in einem Sumpf stecken zu bleiben, warnt der IWF. Was seiner Ansicht nach besonders gefährlich ist.

Warnt vor einer lang anhaltenden Wachstumsschwäche der Weltwirtschaft: IWF-Chefin Christine Lagarde.

Warnt vor einer lang anhaltenden Wachstumsschwäche der Weltwirtschaft: IWF-Chefin Christine Lagarde. Bild: Reuters

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In eindringlichen Worten hat der Internationale Währungsfonds (IWF) vor den Folgen einer anhaltenden Wachstumsschwäche der Weltwirtschaft gewarnt. «Das politische Pendel droht gegen wirtschaftliche Offenheit auszuschlagen, und ohne energisches Handeln der Politik könnte die Welt für lange Zeit unter enttäuschendem Wachstum leiden», redete IWF-Chefin Christine Lagarde gestern den globalen Entscheidungsträgern ins Gewissen. Ihre primären Adressaten sind die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20), die sich am 4. und 5. September in der chinesischen Küstenstadt Hangzhou zum jährlichen Gipfel treffen.

Im Fokus des IWF stehen dabei weniger die entgangenen Wohlstandsgewinne aufgrund der zögerlichen wirtschaftlichen Erholung rund um den Globus. Vielmehr bereitet ihm Sorgen, dass das lahmende Wirtschaftswachstum bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung – insbesondere bei den Beziehern geringer Einkommen – überhaupt nicht angekommen ist. «Das weckt Ängste gegenüber der Globalisierung und verschlechtert das politische Klima für Reformen», schreibt der IWF in einem Vorbereitungspapier für den G-20-Gipfel. Gelinge es den einflussreichsten Politikern nicht, sich vehementer gegen die protektionistische Welle zu stemmen und mit Sofortmassnahmen den Welthandel und die Investitionen zu beleben, könnte die Weltwirtschaft abgewürgt werden.

Stotterndes Wachstum allenthalben

Schon im Laufe dieses Jahres hat der Fonds seine globale Wachstumsprognose für 2016 stetig bis auf 3,1 Prozent nach unten revidiert. Nach jetzigem Stand der Dinge droht im Oktober eine weitere Rücknahme der Vorhersage – und damit wäre die Weltwirtschaft auf dem Weg zum geringsten Wachstum seit 2009, als sie von der Finanzkrise überrollt wurde. Wohin man auch schaut, bleibt die wirtschaftliche Dynamik hinter den Erwartungen zurück. Das gilt für die USA ebenso wie für Europa und erst recht für Japan, wo eine neuerliche Rezession droht. Noch grösser sind die Probleme in der aufstrebenden Welt: In Brasilien und Russland schrumpft die Wirtschaftsleistung mittlerweile seit zwei Jahren, und zu ihnen gesellt sich nun auch Nigeria, die grösste Wirtschaft Afrikas. Auslöser für ihre Probleme ist der langsamere konjunkturelle Pulsschlag in China und die damit verbundene Preiserosion bei Rohstoffen und Energieträgern.

Die rundum fragile Verfassung der globalen Wirtschaft steht in krassem Kontrast zu den Bemühungen der Notenbanken, mit einer historisch beispiellosen Geldschwemme und rekordtiefen Zinssätzen das Wachstum und die Teuerung anzuheizen. Immerhin ist es den Währungshütern gelungen, Schlimmeres zu verhindern, insbesondere die Ausbreitung einer sich selbst verstärkenden deflationären Abwärtsspirale. Doch der dafür zu zahlende Preis ist hoch: Die Notenbanker geraten zusehends in wirtschafts- und finanzpolitische Kontroversen, weil sich die gefährlichen Nebenwirkungen ihrer ultra-lockeren Geldpolitik je länger, je stärker bemerkbar machen.

Natürlich würden die Währungshüter niemals einräumen, dass sie mit ihren Negativzinsen und milliardenschweren Aufkäufen von Wertpapieren über kurz oder lang an Grenzen stossen. Beunruhigen wird sie gleichwohl, wie die Märkte ihren Geldspritzen zunehmend misstrauisch begegnen und deshalb das Verhältnis von Einsatz und Wirkung monetärer Instrumente zunehmend aus dem Lot gerät. Das erklärt die immer hörbareren und häufigeren Appelle von Notenbankern in den USA und Europa an die Politik, ihren Teil zur wirtschaftlichen Stimulierung beizutragen und dabei Hand zu bieten zu einem koordinierten Effort mit den geldpolitischen Massnahmen.

Fataler Abwärtstrend bei Investitionen

Da setzt auch die gestrige Intervention des IWF ein. Die Washingtoner Institution sieht in den rückläufigen Investitionen einen wesentlichen Grund für die hartnäckige Wachstumsschwäche in den Industriestaaten. Lässt sich dieser Trend nicht bald zum Besseren wenden, droht aus Sicht des Fonds ein negativer Rückkopplungseffekt, indem die Investitionen angesichts eingetrübter Wachstumsaussichten und einem schrumpfenden Welthandel noch weiter gekürzt werden, was das Wachstum und den Handel zusätzlich bremst.

Vor diesem Hintergrund scheint sich unter Experten und offiziellen Entscheidungsträgern zunehmend ein Konsens herauszubilden, wonach der Akzent wirtschaftlicher Stimulierungsmassnahmen von der Geldpolitik hin zur Fiskalpolitik zu verlagern ist. In einzelnen Ländern wie Kanada und Japan ist diese Botschaft bereits angekommen: Dort sind die Regierungen bestrebt, mittels Ausgabenprogrammen und steuerlicher Anreize die private Nachfrage zu beleben. Andernorts sind die Regierungen handlungsunfähig oder -unwillig. Ersteres gilt für die USA, wo der parteipolitische Graben im Kongress in fiskalpolitischen Fragen unüberbrückbar ist. Letzteres trifft für Deutschland zu: Die von Finanzminister Wolfgang Schäuble angestrebte «schwarze Null» für den diesjährigen Staatshaushalt hat oberste Priorität, auch nachdem im ersten Halbjahr ein Überschuss von 18 Milliarden Euro resultierte.

Ob der aufrüttelnde Appell des Währungsfonds da und dort ein Umdenken bewirkt? Obwohl sich auch der G-20-Gastgeber China für vermehrte fiskalische Impulse im Verein mit strukturellen Reformen starkmachen dürfte, sind die Erwartungen bescheiden. Die unmittelbar nach der Finanzkrise von 2008/9 noch vorherrschende Einsicht unter den wichtigsten Politikern des Planeten, dass es einer abgestimmten und konzertierten Rettungsaktion bedarf, ist nicht ansatzweise zu erkennen. Genau das wäre aber nötig, um die Weltwirtschaft aus ihrer schwächsten Wachstumsphase seit nahezu 30 Jahren herauszuführen.

Erstellt: 02.09.2016, 21:17 Uhr

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