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«Lieber Starbanker ...»

Grossbritannien taumelt zwischen Konsternation und Auflehnung gegen das geplante Bonusregime der EU. Die Insel fürchtet um ihren Einfluss, wie ein Streifzug durch die Medien zeigt.

Kenner römischer Geschichte: Londons Bürgermeister Boris Johnson vergleicht die EU-Bonusregeln im «Telegraph» mit Massnahmen eines römischen Kaisers.
Kenner römischer Geschichte: Londons Bürgermeister Boris Johnson vergleicht die EU-Bonusregeln im «Telegraph» mit Massnahmen eines römischen Kaisers.
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«Britannien falsch ...»: Der Kommentar des «Guardian» lässt an Klarheit wenig zu wünschen übrig.
«Britannien falsch ...»: Der Kommentar des «Guardian» lässt an Klarheit wenig zu wünschen übrig.
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«Lieber Starbanker, ...»: Die «Financial Times» überreicht den City-Bankern schon einmal die Änderungskündigung.
«Lieber Starbanker, ...»: Die «Financial Times» überreicht den City-Bankern schon einmal die Änderungskündigung.
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Geht es für seine City ans Eingemachte, so ist Boris Johnson um grosse Worte nicht verlegen. Angesichts des neuen, strengeren Bonusregimes für den Finanzsektor bemühte Londons Bürgermeister gestern einen historischen Vergleich. Seit dem römischen Kaiser Diokletian habe niemand mehr versucht, dermassen fehlgeleitete Massnahmen einzuführen wie derzeit die EU. Dies berichtet die Zeitung «Telegraph». Besagter Herrscher hatte im vierten Jahrhundert nach Christus erfolglos versucht, die Inflation im Römischen Reich über Preisfixierungen für Alltagsgüter zu stoppen.

Ähnlich zwecklos würden die von der EU geplanten Bonusregeln sein, lautet auch die überwiegende Meinung der britischen Kommentatoren. Als inoffizielles Sprachrohr der City veröffentlichte die «Financial Times» deshalb schon einmal ein Schreiben an alle Topshots am Finanzplatz. «Lieber Starbanker, ...», beginnt der sarkastische Brief, der dem Empfänger eine Fixlohnerhöhung von 500'000 auf 10 Millionen Pfund verspricht. Die FT, die den Brief halb als Drohung, halb als Klage verfasst hat, sorgt sich, dass Banken auf das fixe Verhältnis zwischen Grundlohn und Bonus, das der EU vorschwebt, einfach mit einer Erhöhung des Basissalärs reagieren werden – um danach das Bonusprinzip durch sogenannte Clawback-Klauseln über die Hintertür wieder einzuführen.

Grenzen im nächsten Boom

Sukkurs erhält die City durch das «Wall Street Journal» aus den USA. «Was in der Theorie funktioniert, könnte in der Praxis fehlschlagen», schreibt die Wirtschaftszeitung aus Rupert Murdochs Medienimperium. Durch die Regel geriete Europa in einen Wettbewerbsnachteil zu den USA und Asien; Jobs und Kapital könnten in den Schattenbankensektor abwandern. «Es ist ein Desaster», zitiert das Blatt einen hochrangigen Investmentbanker einer europäischen Bank.

Mit gemässigterem Blick betrachtet die «New York Times» in der Rubrik «Dealbook» die Angelegenheit: Die neuen Bonusregeln würden lediglich einen bereits bestehenden Trend zu tieferen Boni bekräftigen, heisst es dort. Immerhin: Im nächsten Aufschwung seien den Banken nun gewisse Grenzen bei der Entlöhnung gesetzt, so die NYT.

Diplomatisch isoliert

Kritisch gegenüber den Abwehrreflexen der City ist der britische «Guardian». «Bankerboni: Europa richtig, Britannien falsch» heisst es im Editorial zur heutigen Ausgabe unmissverständlich. Anzunehmen, dass die Bankenwelt empfänglicher für öffentliche Bedenken gegenüber exorbitanten Löhnen werde, sei naiv, argumentiert die Zeitung. Deshalb sei der Versuch der EU, etwas zu tun, immer noch besser als die Alternative, nämlich zurückzulehnen und gar nichts zu unternehmen.

Dass die Bonusregel kommen wird, damit scheint sich auch die «Financial Times» abgefunden zu haben. Ins Lamento um die Konkurrenzfähigkeit der Banken mischt sich bei der Wirtschaftszeitung eine übergeordnete Sorge: Grossbritanniens Fähigkeit zur Durchsetzung seiner Interessen in Europa sei einer fundamentalen Erosion unterworfen, befürchtet die FT. Die Schuld dafür schreibt sie David Cameron und seinem Umgang mit den europäischen Partnern zu. Der Premier habe die Unterstützung aus Berlin überschätzt und im Gegenzug die Macht des EU-Parlaments verkannt.

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