Magnet für schwerreiche Untergangspropheten

Einst litt Neuseeland unter seiner Abgeschiedenheit. Gerade diese verhilft dem Inselstaat jetzt zu einem umstrittenen Boom.

Von paradiesischer Schönheit und am Ende der Welt - das macht Neuseeland für Begüterte rund um den Globus zur Wunschdestination (unser Bild zeigt den Mount Cook, den höchsten Berg des Landes).

Von paradiesischer Schönheit und am Ende der Welt - das macht Neuseeland für Begüterte rund um den Globus zur Wunschdestination (unser Bild zeigt den Mount Cook, den höchsten Berg des Landes). Bild: William West/AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die USA stünden für mindestens ein Jahrzehnt vor politischen Turbulenzen, einschliesslich wachsender Spannungen zwischen den Rassen, sozialer Polarisierung und einer rasch alternden Bevölkerung. Die Wirtschaft werde einen Rückschlag erleiden, falls die Regierung in Washington zunehmend Mühe bekunde, die Ausgaben für Gesundheit und Altersvorsorge zu finanzieren. «Dies ist kein kurzfristiges Problem, aber es wird auch nicht erst in fünfzig Jahren auftreten», sagte ein gut 40-jährige Hedgefonds-Manager kürzlich in einem Gespräch mit dem US-Magazin «The New Yorker». Der Mann hatte unlängst zwei Häuser in Neuseeland erworben und die dortige Niederlassungsbewilligung erhalten.

Es ist damit auf einen Zug aufgesprungen, in dem bereits eine schillernde Klientel Platz genommen hat. Ob Hollywood-Grössen wie James Cameron, russische Stahlbarone wie Alexander Abramow oder in Hongkong ansässige Unternehmer wie Michael Nock – sie alle haben im Laufe der vergangenen Jahre millionenschwere Grundstücke und Anwesen in dem südpazifischen Inselstaat gekauft. Nock hatte bereits im Nachgang zur Finanzkrise von 2007/08 nach einem abgeschiedenen Zufluchtsort gesucht, wie die Agentur Bloomberg berichtete.

Pendler der besonderen Art: Regisseur James Cameron reist zwischen seinen Wohnsitzen in Neuseeland und Kalifornien hin und her. (Foto: Keystone)

Die Terroranschläge in Europa, die Häufung von Amokläufen in den USA, das überraschende Brexit-Votum und Donald Trumps Einzug ins Weisse Haus haben das Bedürfnis vieler Superreicher noch verstärkt, einer scheinbar aus den Fugen geratenen Welt entfliehen zu können. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei autarke Besitztümer, die über eigene Wasser- und Energiequellen sowie über die Möglichkeit zum Eigenanbau verfügen.

Weit weg, stabil und wunderschön

Am Tag nach der Brexit-Abstimmung im vergangenen Juni hätten sich knapp 1000 Briten bei den neuseeländischen Einwanderungsbehörden registrieren lassen, wie diese mitteilten. In den folgenden sieben Wochen sei die Zahl auf über 10'600 geklettert, mehr als doppelt so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Ähnliches wiederholte sich in der Woche nach Trumps Wahlsieg: Rund 13 000 Amerikaner – 17 Mal so viel wie in einer Durchschnittswoche – meldeten ihr Interesse an einer Arbeits- oder Studienerlaubnis an. Selbst Chinas bekanntester und vermögendster Unternehmer Jack Ma, Gründer des Onlineriesen Alibaba, soll beim damaligen neuseeländischen Premierminister John Key sein Interesse am Kauf eines Wohnsitzes bekundet haben, wie der «New Zealand Herald» berichtete. Rund zwei Dutzend von Mas pensionierten Kollegen hätten sich bereits nach Neuseeland zurückgezogen.

Milliardenschwerer Interessent: Jack Ma, Gründer des Onlineriesen Alibaba, hat Neuseeland angeblich ebenfalls ins Auge gefasst. (Foto: Reuters)

Das Land erfüllt in geradezu idealer Weise die Ansprüche einer begüterten Oberschicht, die primär auf Ruhe und Sicherheit bedacht ist. Mit 13 Flugstunden von San Francisco ist es erst mal «weit vom Schuss entfernt», und es figuriere auch auf keiner Liste für mögliche Angriffsziele mit Atomwaffen, wie sich ein deutscher Unternehmer ausdrückte. Nicht zuletzt wegen ihrer isolierten Lage können sich die Neuseeländer grösstenteils selbst versorgen, ihre Wirtschaft beruht vornehmlich auf Landwirtschaft und Tourismus. Bezüglich politischer Stabilität, wirtschaftlichen Standortfaktoren und Lebensqualität rangiert Neuseeland in den einschlägigen Ranglisten regelmässig auf Spitzenplätzen, und zu all dem ist das mit 4,6 Millionen Einwohnern dünn besiedelte Land mit einer Natur von paradiesischer Schönheit gesegnet.

Empörung über die «Geheimakte» Peter Thiel

Die Regierung hat diese Vorzüge genutzt, um Vermögende rund um den Globus aktiv anzuwerben. Wer in einer Dreijahresperiode 10 Millionen Neuseeland-Dollar (rund 7,3 Millionen Franken) im Land investiert, kann sich für ein sogenanntes Investoren-Plus-Visum bewerben. Voraussetzung ist einzig, dass sich die betreffende Person in den letzten beiden Jahren während jeweils mindestens 44 Tagen in Neuseeland aufgehalten hat; Englischkenntnisse sind hingegen nicht erforderlich, und man muss den Steuersitz auch nicht in den Südpazifik verlegen.

Hat vorgesorgt: Milliardär Peter Thiel zusammen mit US-Präsident Donald Trump. (Foto: Reuters)

Eine Ausnahmeklausel erlaubt es dem neuseeländischen Innenminister zudem, die Niederlassungsbedingungen aufzuheben, wenn es dem öffentlichen Interesse des Landes dient. Ebendiese Klausel hat jüngst für einigen Wirbel im Land gesorgt. Wie der «New Zealand Herald» aufdeckte, hatte die Regierung dem Silicon-Valley-Unternehmer und Milliardär Peter Thiel – gestützt auf die Ausnahmeregelung – bereits 2011 die neuseeländische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Was Oppositionspolitiker und Teile der Öffentlichkeit besonders empörte: Die Regierung hielt den Fall und 91 weitere Ausnahmebewilligungen bis zuletzt geheim. Aufgeflogen sind sie erst Ende Januar, als die neuseeländische Zeitung von einem umfangreichen Landkauf Thiels auf der Südinsel berichtete – und dies ohne die für einen ausländischen Investor benötigte Zustimmung der Behörden.

Der Fall Thiel hat dafür gesorgt, dass ein bei vielen Neuseeländern latent vorhandenes Unbehagen endlich Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden ist. Das Land rühmt sich ob seiner klassenlosen Gesellschaft, doch dazu will nicht so recht passen, dass es sich gleichsam als Kaufobjekt für endzeitgestimmte Superreiche anpreist. Davon abgesehen, kommen die Schattenseiten des wachsenden Zustroms an Geld und Menschen zum Vorschein: Mittlerweile ist Neuseeland auch bezüglich Immobilienpreissteigerungen im weltweiten Vergleich auf die vordersten Ränge vorgestossen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2017, 12:13 Uhr

Artikel zum Thema

21-Jähriger gibt wegen Trump Stipendium zurück

Cosmo Scharf will die 100'000 Dollar nicht mehr, die ihm Trump-Unterstützer Peter Thiel gezahlt hat. Er ist nicht der Einzige im Silicon Valley, der Massnahmen ergreift. Mehr...

Neuseeland hat einen neuen Regierungschef

Nach dem Rücktritt des neuseeländischen Premierministers John Key wurde Bill English zu dessen Nachfolger gewählt. Er war der einzige Kandidat. Mehr...

Erdbeben hebt Meeresboden um zwei Meter

Video Beeindruckende Helikopter-Aufnahmen aus Neuseeland: Durch ein Erdbeben ist neues Land entstanden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Bye, mein Grosser
Blog Mag Facetime überall?

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Auf Abfall gebettet: Ein Arbeiter einer Wertstoffdeponie in Peschawar, Pakistan, ruht sich auf einem riesigen Berg Plastikmüll aus. (17. August 2017)
(Bild: Fayaz Aziz) Mehr...