Mit der Blockchain gegen das Elend

Das Rote Kreuz denkt seinen Auftrag gerade neu. Künftig will es Flüchtlingen anders helfen. Mit Big Data, Blockchain und renditeorientierten Fonds. Das provoziert Kritik im eigenen Betrieb.

Geraten Handys von Flüchtlingen in falsche Hände, kann das für deren Angehörige schlimme Folgen haben. Foto: Ivor Prickett (UNHCR, Panos, Visum)

Geraten Handys von Flüchtlingen in falsche Hände, kann das für deren Angehörige schlimme Folgen haben. Foto: Ivor Prickett (UNHCR, Panos, Visum)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Gerät ist in Plastik eingewickelt oder in wasserdichte Lederhüllen. Oft ist es für die Flüchtlinge die einzige Verbindung zur zurückgebliebenen Familie in der Heimat. Und es dient als überlebenswichtige Informationsquelle, um nicht auf gefährliche Schlepper hereinzufallen: das Smartphone. Für Flüchtlinge ist es das wichtigste Utensil auf ihrer gefährlichen Reise.

Das weiss auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das IKRK. «Mit das Erste, was Flüchtlinge von uns verlangen, ist WLAN», sagt der Schweizer Yves Daccord. Der ehemalige Journalist ist seit Juli 2010 Generaldirektor des IKRK und einer der Vordenker dafür, wie die Hilfsorganisation ihre Arbeit in der digitalen Ära anpassen muss.

«Die humanitäre Arbeit muss sich ändern, denn die Art der Krisen hat sich verändert.»Yves Daccord

Die Abhängigkeit vom Handy macht die Flüchtlinge verwund- und erpressbar. Daccord denkt dabei an Situationen wie in Aleppo. «Ist die Belagerung vorbei, wird die siegreiche Partei die Smartphones durchsuchen», sagt er. Darin findet sie Namen, Adressen oder Fotos von Kindern und anderen Angehörigen. Das hat für diese unter Umständen schlimme Folgen.

Daher plant das IKRK Hilfe in Bereichen, in denen man das Rote Kreuz kaum vermuten würde: bei der Datensicherheit etwa. Ebenfalls will die Genfer Organisation mithilfe von Grosskonzernen mehr Geld mobilisieren, um nachhaltigere Missionen finanzieren zu können. «Die humanitäre Arbeit muss sich ändern, denn die Art der Krisen hat sich verändert», sagt der 54-Jährige.

Daccord, der Schnelldenker

Der drahtige, kahlköpfige IKRK-Chef ist ein Schnelldenker und -sprecher. Seine Augen fixieren den Gesprächspartner, als wolle Daccord sichergehen, dass dieser seiner Analyse der Weltprobleme im Stakkato-Tempo auch folgen kann. Es gebe drei bedeutende Änderungen, auf die das IKRK Antworten finden müsse, erklärt Daccord.

Erstens zögen sich die bewaffneten Konflikte immer länger hin. Der Bürgerkrieg in Syrien zum Beispiel dauere nunmehr acht Jahre. Zweitens arbeiteten die Grossmächte kaum noch zusammen. Und drittens rückten die Krisen immer näher an uns heran.

Letzteres liegt gerade an der Vernetzung. Dank Smartphone und Internet wissen Menschen zum Beispiel in Syrien, dass Länder wie die Schweiz oder auch Deutschland Flüchtlingen Sicherheit bieten können. Berühmt geworden sind die Selfies, die die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 mit syrischen Flüchtlingen in einem Aufnahmelager in Berlin-Spandau gemacht hat und die um die Welt gingen.

Plan gegen Datenmissbrauch

Die Vernetzung macht Menschen aber eben auch verletzbar. Vor allem in Krisenregionen. Daccord hat dafür einen Plan: Das IKRK soll eigene Datenserver in der neutralen Schweiz betreiben, auf die Menschen in Krisengebieten bereits vor einer möglichen Flucht heikle persönliche Daten wie Namen, Fotos und Adressen übertragen können.

Das Bewirtschaften von Daten ist für das IKRK im Grunde nichts Neues. Einer seiner ersten Dienste war die Hilfe bei der Suche nach Vermissten, wie zum Beispiel in ganz Europa nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Heute hat das IKRK Hunderte Millionen Vermisste in seinen Datenbanken.

Für diese neuen Aufgaben hat das IKRK den Posten des Direktors für «Digitale Transformation und Daten» geschaffen und ihn mit Charlotte Lindsey-Curtet besetzt, die seit den 90er-Jahren für das Rote Kreuz arbeitet. Sie sieht sich mit vielen offenen Fragen konfrontiert. Zum Beispiel, wie die sensiblen Daten den Weg aus den Krisenregionen sicher auf die Server in der Schweiz finden.

Das System erlaubt nur eine Änderung der Daten zwischen Sender und Empfänger, wenn es von allen Kassenbüchern im System akzeptiert wird.

Hier denkt das IKRK an den Einsatz der Blockchain-Technologie. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um eine Art virtuelles Kassenbuch, bei dem Daten auf mehreren Computern dezentral gespeichert sind. Das System erlaubt nur eine Änderung der Daten zwischen Sender und Empfänger, wenn es von allen Kassenbüchern im System akzeptiert wird – das macht die Technik sehr fälschungssicher.

Lindsey-Curtet schweben als weiterer Ansatz auch Abkommen mit den jeweiligen Staaten vor, dass Daten für das IKRK dank Immunität geschützt sind. «Wir müssten mit den Staaten verhandeln, welche Daten schützenswert sind und welche nicht», erklärt Lindsey-­Curtet, «da haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns.» Erste Testläufe sollen aber bereits Ende des Jahres anfangen. In drei bis vier Jahren will das IKRK den Menschen in Krisengebieten Daten­sicherheit anbieten können.

Ein Frühwarnsystem soll kommen

Wie teuer die neuen Projekte sein werden, ist derzeit noch unklar. Es gilt aber als plausibel, dass das IKRK neue Mittel braucht. Daher sucht Daccord auch Kooperationen mit der Privatwirtschaft. Die Genfer Hilfsorganisation hat sich daher jüngst im Bereich Big Data mit Google, Amazon und Microsoft sowie der Weltbank und der UNO im Projekt «Famine Action Mechanism» verbündet. Mithilfe von Big-Data-Analysen sollen in Krisenländern drohende Hungers­nöte früher entdeckt werden. Löst das System einen Alarm aus, sollen vorab finanzierte Hilfsaktionen eingeleitet werden, um Schlimmeres zu verhindern. «Wir sind zuversichtlich, dass solche neuen Modelle der Zusammenarbeit neue Lösungen zur Reduzierung von Nahrungsunsicherheit bringen werden», äusserte sich IKRK-Präsident ­Peter Maurer dazu.

Auch bei der Finanzierung der Arbeit geht das IKRK neue Wege. Im vergangenen Jahr wurde eine erste «Humanitäre Anleihe» lanciert. Genau genommen, ist dies keine Anleihe, sondern ein ­Finanzvertrag, bei dem die Rendite von vorab vereinbarten Entwicklungszielen abhängt. Das Konstrukt hat eine Laufzeit von fünf Jahren; mit dem Geld ­werden Rehabilitationszentren in der ­Republik Kongo, in Mali und Nigeria finanziert. Diese Zentren statten Menschen mit Rollstühlen und Prothesen aus.

Erfüllen die Zentren vorab festgelegte Ziele, bekommen die Investoren eine Rendite von 7 Prozent. Schneiden die Zentren schlechter ab, droht ein Verlust von bis zu 40 Prozent des Kapitals. 26 Millionen Franken hat das IKRK für dieses Instrument eingesammelt – unter anderem von Investoren wie der Münchener Rück. «Es war kein Problem, Investoren für die Anleihe zu finden», sagt Daccord. Zwei weitere vergleichbare Instrumente will das IKRK nun auflegen.

Interne Kritik am neuen Weg

Rendite mit Hilfsmissionen? Engere Kooperation mit Konzernen? Dieser Kurs sorgt intern für Kritik. 25 ehemalige IKRK-Manager und Chefs von Vor-Ort-Missionen haben einen Brief geschrieben, worin sie warnen, dass durch diesen Kurs «die Neutralität und Unabhängigkeit des IKRK in Gefahr» sei.

Einer der prononciertesten Kritiker des neuen Kurses ist Thierry Germond, der von 1968 bis 2004, zuletzt in der Funktion des Chefdelegierten, im Dienste des IKRK stand. Er hält die Annäherung an Grosskonzerne für fatal. «Die Neutralität des IKRK ist doch nur noch eine Fiktion», sagt er im Gespräch.

So gibt es seit 2005 die «Corporate Support Group» beim IKRK, in der Unternehmen wie Roche oder Swiss Re Mitglieder sind. Auch der Zementriese LafargeHolcim zählte zu dem illustren Kreis. Bis im vergangenen Jahr das IKRK die Zusammenarbeit beendete, nachdem bekannt geworden war, dass der Konzern in Syrien bewaffnete Gruppen bezahlt hatte, um ein Zementwerk weiter betreiben zu können.

«Wenn hier das IKRK mit Grosskonzernen zusammenarbeitet, ist zu befürchten, dass sensible Daten in die falschen Hände geraten.» Thierry Germond

Besonders stört Germond, dass IKRK-Präsident Peter Maurer im Leitungsgremium des World Economic Forum (WEF) sitzt. «Mitglieder des WEF sind auch Waffenhersteller wie Lockheed Martin oder BAE Systems», argumentiert er.

Auch die Big Data-Initiativen seines alten Arbeitgebers sieht Germond sehr kritisch. «Wenn hier das IKRK mit Grosskonzernen wie Amazon zusammenarbeitet, ist doch zu befürchten, dass sensible Daten in die falschen Hände geraten», warnt er.

IKRK-Generaldirektor Yves Daccord hält solche Kritik an der Kooperation mit dem Privatsektor für ungerechtfertigt. «Wir brauchen einfach neue Partnerschaften, damit unsere neutrale und unparteiliche Hilfe den Bedürfnissen des Menschen gerecht wird», entgegnet er. Und fügt an: «Die Entwicklung der Krisen hat sich dramatisch geändert.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.10.2018, 21:58 Uhr

Artikel zum Thema

Sieht so das Internet der Zukunft aus?

Die Blockchain soll das Geschäftsleben revolutionieren und eine neue Ära der Demokratie einläuten. Nun gibt es erste Dienste, die erahnen lassen, wohin die Reise geht. Mehr...

Angeschlagenes Blockchain-Start-up kann Anlegern Geld zurückzahlen

Nach dem Wirbel um Envion zeichnet sich deren Liquidation ab. Anleger sollen Geld erhalten. Mehr...

Schweizer Börse setzt auf die Bitcoin-Technik

Die Schweizer Börse SIX entwickelt eine Plattform für Wertpapiere, die auf der Blockchain-Technologie basiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...