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«Nicht der Draghi, auf den wir hofften»

Mario Draghis Menü enttäuscht die Märkte: Die EZB serviert Europa kein deftiges Kaufprogramm, sondern bloss ein finanzielles Zuckerbrot. Der politische Druck verschiebt sich nun wieder auf die Staatschefs.

Die EZB im Dornröschenschlaf: Notenbankpräsident Mario Draghi.
Die EZB im Dornröschenschlaf: Notenbankpräsident Mario Draghi.
Keystone

«This Isn't The Draghi You're Looking For» – dies sei nicht der Draghi, auf den man gehofft habe, schrieb Ökonom Paul Krugman am Donnerstagnachmittag auf seinem Blog. Während einer guten Stunde lang hatte der EZB-Präsident zuvor besprochen, unter welchen Bedingungen die Europäische Zentralbank dazu beitragen könnte, die Refinanzierungskosten der Krisenländer nach unten zu drücken und so die Eurokrise zu entschärfen.

Nach seinem Bekenntnis des letzten Donnerstags – «wir werden alles tun, um den Euro zu retten» – hatten die Märkte den Duft frischen Geldes gerochen. Ein resolutes Einschreiten der Zentralbank, vornehmlich in Form von Anleihenkäufen bedrohter Länder, lag in der Luft. Reflexartig folgten die Kaufaufträge hungriger Investoren: Aktien und Anleihen wurden wieder zu höheren Preisen gekauft; die Indizes legten zu, die Zinsen auf spanische und italienische Staatsanleihen kamen herunter.

Eine verpasste Gelegenheit

Eine Woche und eine Beratung des EZB-Führungsgremiums später sieht es ganz danach aus, als ob «Europas Führungskräfte einmal mehr die Gelegenheit verpasst haben, etwas zu tun»: Dieses Urteil fällt US-Ökonom Krugman. Die Finanzmärkte sahen die Sache ähnlich: Wie gewonnen, so waren die letzte Woche erzielten Kursgewinne nach Draghis Medienkonferenz auch wieder zerronnen.

Zum Beispiel bei den Anleihen Spaniens. Die Papiere notierten am späten Nachmittag bei einer Rendite von 6,9 Prozent – also etwa dort, wo sie vor Draghis aufsehenerregendem Londoner Referat vor Wochenfrist gestanden hatten. Das ist zwar ein gutes Stück unter dem Höchststand von 7,6 Prozent, aber immer noch hoch genug, um einen Staat wie Spanien in die Knie zu zwingen.

Der Druck auf Spanien und Italien bleibt damit hoch. Denn wie die EZB betonte, will sie ihre Anleihenkäufe künftig von einem Bittgesuch der Krisenstaaten bei der EU abhängig machen. «Mario Draghi hat die Rolle der Regierungen heute stark betont», sagt Thomas Herrmann, Leiter Global Macroeconomics bei Credit Suisse.

An die Adresse Italiens und Spaniens richtete Draghi am Donnerstag eine eigentliche Aufforderung: Stellt einen Antrag an den EFSF, und die Zentralbank wird ihren Teil zum Senken der Renditen leisten. Die Staatschefs dürften aufhorchen: Neben dem Nationalstolz dürfte es nicht zuletzt die Angst vor steigenden Zinskosten gewesen sein, die Italien und Spanien bislang von einem formellen Hilfsgesuch bei der EU abhielt.

Europa weiss nun, was Sache ist

Ob Draghi der Finanzwelt gerne ein pfannenfertiges Anleihenkaufprogramm serviert hätte, sei dahingestellt. Dem EZB-Präsidenten weht Widerstand von Bundesbankchef Jens Weidmann entgegen, dessen Zustimmung er für ein solches Programm braucht. Anstelle eines Beschlusses beschränkte sich die EZB darauf, den Märkten und Staaten eine «Orientierung» über ihre Absichten zu geben.

Allzu weit auf die Äste hinaus liessen sich die Währungshüter jedoch auch dabei nicht. Ob die EZB Anleihen für einen fixen Geldbetrag oder in unlimitiertem Umfang aufkaufen würde, wollte Draghi nicht sagen. Auch inwiefern die EZB bei diesen Anleihenkäufen auf den Status als bevorzugter Gläubiger verzichten wird, liess Draghi mehrheitlich offen. Immerhin ist jetzt klar: Die Märkte wissen nun, dass der EZB bewusst ist, dass Anleihenkäufe in beschränktem Ausmass und mit der Zentralbank als bevorzugtem Gläubiger eine kontraproduktive Wirkung entfalten können.

Vorsichtige Währungshüter

Neben dem Zuckerbrot möglicher Anleihenkäufe sprach Mario Draghi allerdings auch über die Reitpeitsche im Arsenal der EZB. Laut Draghi wird die Zentralbank vornehmlich am kurzen Ende der Laufzeiten aktiv werden – sprich, in Anleihen von beispielsweise zwei Jahren investieren. Der EZB-Chef begründet dies damit, dass solche Laufzeiten am nächsten an den üblichen Fristen der Geldpolitik liegen.

Die kurzen Laufzeiten könnten aus Sicht der EZB indes auch ein Druckmittel darstellen. «Werden die Anleihenkäufe nach zwei Jahren nicht erneuert, so steigt die EZB mit Auslaufen der Anleihen automatisch aus», so Credit-Suisse-Ökonom Thomas Herrmann. Haben die Staaten ihre Hausaufgaben bis dann nicht gemacht, so muss mit einem Wiederanstieg der Zinsen gerechnet werden: Nach dem saftigen Hauptgang wäre dies für Europas Krisenstaaten ein säuerliches Dessert.

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