Nur wer perfekt zum Job passt, wird berücksichtigt

Arbeitgeber investieren immer weniger in die Entwicklung von Angestellten, zeigt eine neue Umfrage. Die Ergebnisse verraten auch, was heute bei der Stellensuche wichtig ist.

Ohne Linkedin-, Xing- oder Facebook-Profil schwinden die Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Bewerber beim Warten. (Bild: Getty Images)

Ohne Linkedin-, Xing- oder Facebook-Profil schwinden die Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Bewerber beim Warten. (Bild: Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Suchen Unternehmen Beschäftigte, dann schreiben sie die Jobs kaum mehr aus. Langjährige Erfahrung ist kein Wert mehr an sich und die Firmen sind kaum mehr bereit, Leute zu rekrutieren, die nicht perfekt den Anforderungen des Jobs entsprechen. Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer Umfrage, die das Outplacement- und Karriereberatungsunternehmen Von Rundstedt unter 250 Unternehmen durchgeführt hat.

Schwierigkeiten haben gemäss den Umfrageergebnissen Personen, die sich um Jobs bewerben und darauf setzen, zumindest einen Teil der erforderlichen Qualifikationen im Unternehmen noch erwerben zu können. Laut Pascal Scheiwiller, dem Chef von Von Rundstedt Schweiz, zeigen die Unternehmen eine immer geringere Bereitschaft, beim Jobprofil bei den Bewerbern auch nur geringe Abweichungen zu akzeptieren. Schon bei der ersten Vorselektion von Bewerbern müssen gemäss der Umfrage durchschnittlich 80 Prozent der Anforderungskriterien erfüllt sein, damit jemand überhaupt näher geprüft wird.

Keine Bereitschaft zur Investition in die Beschäftigten

Die Bereitschaft der Arbeitgeber, in die Entwicklung ihrer Beschäftigten zu investieren, wird gemäss Scheiwiller immer geringer und auch der Wechsel zwischen Branchen und Funktionen immer schwieriger. Der Strukturwandel, zu dem die Entwicklung neuer Technologien führt, wird dadurch stark behindert. Beschäftigte ohne die neu gefragten Qualifikationen drohen dann aus dem Arbeitsprozess zu fliegen.

Pascal Scheiwiller erklärt sich das vor allem mit drei Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten: Erstens sei der Spezialisierungsgrad von Jobs heute deutlich höher als früher und zweitens gebe es so etwas wie eine Loyalitätskrise: Die Loyalität zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber hätte heute kaum mehr einen Wert. Arbeitgeber scheuen deshalb vor Investitionen in ihre Arbeitskräfte zurück, da diese Leute möglicherweise gar nicht im Unternehmen bleiben und die Kosten so verloren wären.

Drittens hätten die Arbeitgeber heute Zugriff auf ein sehr viel grösseres Angebot an Arbeitskräften aller Qualifikationsstufen, da sie international die gesuchten Leute rekrutieren können. Wie Scheiwiller sagt, würden ihm Unternehmenschefs sagen, dass sie durch die Regeln des Inländervorrangs light ausser administrativem Mehraufwand keine wirklichen Einschränkungen erwarten.

Im Widerspruch zur These des Fachkräftemangels

Diese letzte Aussage widerspricht der These eines wachsenden Fachkräftemangels, wie sie andere Studien und Umfragen jüngst festgestellt haben. So haben Ökonomen der Credit Suisse jüngst ebenfalls basierend auf einer Umfrage festgehalten, mehr als die Hälfte aller rekrutierenden Firmen hätten Mühe, geeignete Kandidaten für offene Stellen zu finden. Die Studie der CS bezog sich allerdings auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Diese haben weniger die Möglichkeit und die Kapazitäten, auf den Weltmärkten ihre Kandidaten zu rekrutieren als grosse Konzerne.

Eine Studie der UBS, die ebenfalls vor einem kommenden Fachkräftemangel warnt, sieht in diesem immerhin eine Chance für Arbeitnehmer über 50 oder für eine Beschäftigung über das Pensionierungsalter hinaus. Diese Hoffnungen würden zerstört, wenn dieser Fachkräftemangel durch einen internationalen Arbeitsmarkt behoben werden kann.

Die Von-Rundstedt-Umfrage macht auch Aussagen dazu, welche Chancen über 50-Jährige künftig noch auf dem Arbeitsmarkt haben. Darin wird deutlich, dass Seniorität und Erfahrung an sich einen geringen Wert darstellen. Was dagegen zählt, ist Agilität.

Nur gerade 7 Prozent der Befragten ziehen Seniorität der Agilität vor. Das bedeutet, dass nicht das Alter per se nachteilig wirkt. Personen mit dem verlangten Anforderungsprofil haben noch immer beste Chancen. Schlecht ist es aber um jene bestellt, die nicht mehr agil sind und sehr lange in einem Job gearbeitet haben, dessen Qualifikationen weniger oder nicht mehr nachgefragt werden.

Nichts geht mehr ohne Linkedin, Xing und Facebook

In Bezug auf die Chancengleichheit ernüchternd sind auch die Studienresultate dazu, wie heute Jobs rekrutiert werden: Nur gerade 18 Prozent aller befragten Unternehmen schreiben alle ihre offenen Stellen noch öffentlich aus. Laut Von-Rundstedt-Schweiz-Chef Pascal Scheiwiller betrifft das vielfach staatliche Arbeitgeber, die dazu verpflichtet sind. Umgekehrt bedeutet das, 82 Prozent wählen für die Rekrutierung, mindestens für einen Teil ihrer Stellen, einen anderen, nichtöffentlichen Weg. Immerhin sind es nur 14 Prozent aller Arbeitgeber, die mehr als die Hälfte aller Jobs auf diesem verdeckten Weg zu besetzen versuchen.

Nichtöffentlich oder verdeckt bedeutet einerseits, dass die Unternehmen das Netzwerk der bereits bei ihnen Beschäftigten nutzen. Kein einziges der befragten Unternehmen tut das nicht. 64 Prozent tun es oft, 11 Prozent sogar immer. Andererseits greifen die Unternehmen aktiv auf soziale Medien für ihre Rekrutierung zurück: Vor allem auf Linkedin, Xing oder auch Facebook.

Die ersten beiden Portale werden laut Pascal Scheiwiller vor allem für die Suche nach höher qualifizierten Beschäftigten genutzt, Facebook für tiefer Qualifizierte oder Temporärstellen. Nur 7 Prozent der befragten greift gar nie auf diese Portale zurück, 43 Prozent oft und ganze 18 Prozent sogar immer.

Laut Scheiwiller nutzen die Unternehmen die Portale nicht nur, um eine offene Stelle zu besetzen. Sogenannte Talent Acquisition Manager würden dort bereits einen Pool an passenden Leuten suchen und für den Fall eines neuen Bedarfs bereithalten, sodass dann die Betreffenden schnell kontaktiert und rekrutiert werden können. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass Personen, die auf die herkömmliche Art eine Stelle suchen und auf solchen Netzwerken nicht vertreten sind, heute einen deutlich schwereren Stand haben.

Erstellt: 31.08.2017, 14:32 Uhr

Artikel zum Thema

Worauf es bei Ü-50 im Job ankommt – vier Beispiele

Wie sich Firmen auf ältere Angestellte einstellen und was es zum Erfolg braucht. Mehr...

Über 50 – aber fit für die Zukunft

Gastbeitrag Ältere Angestellte sollten ihre Interessen proaktiv verteidigen. Mehr...

Wenn Roboter unsere Arbeit übernehmen

Serie Bisher gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Digitalisierung sehr viele Arbeitsstellen vernichtet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...