«Gold ist ein barbarisches Relikt»

Der renommierte Währungsexperte Barry Eichengreen erklärt, warum wir bald drei globale Leitwährungen haben werden und warum ein neuer Goldstandard zu mehr Finanzkrisen führen würde.

Kein Spielraum für die Drachme oder andere Parallelwährungen: Banknoten und Goldbarren in einer Filiale der Zürcher Kantonalbank.

Kein Spielraum für die Drachme oder andere Parallelwährungen: Banknoten und Goldbarren in einer Filiale der Zürcher Kantonalbank. Bild: Keystone

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Sie sind überzeugt, dass der Dollar noch lange eine globale Leitwährung bleibt. Woher die Zuversicht?
Das internationale Finanzsystem basiert immer noch auf dem Dollar. Der Dollar ist nach wie vor der sichere Hafen, in den sich alle flüchten, wenn eine Krise aufzieht, auch wenn diese Krise von den USA mitverursacht wurde. Selbst als Standard & Poor’s im letzten Sommer die USA herabgestuft hatte, gab es eine Flucht in und nicht aus dem Dollar.

Zurzeit haben kurzfristige US-Staatsanleihen gar einen Negativzins. Ist das der ultimative Vertrauensbeweis für den Dollar?
So erhalten die USA eine Art automatischen Versicherungsschutz gegen wirtschaftliche Probleme. Der Dollar besitzt nach wie vor sein Privileg und schützt so die US-Wirtschaft, zumindest indirekt.

Dabei heisst es doch, die Tage der Supermacht USA seien gezählt.
Das ist in der Tat ein Widerspruch. Aber auch ich gehe davon aus, dass der Dollar allmählich seine Monopolstellung als globale Leitwährung einbüssen wird. Der US-Anteil an der gesamten Weltwirtschaft schrumpft. Deshalb wird das Land immer weniger in der Lage sein, sichere und liquide Vermögenswerte in dem Ausmass bereitzustellen, wie sie eine wachsende Weltwirtschaft braucht.

Wird der Yuan die Lücke füllen?
Der Dollar, der Euro und der chinesische Yuan dürften sich die Rolle einer globalen Leitwährung teilen.

Sind das für die Amerikaner gute oder schlechte Nachrichten?
Die USA werden dann mehr Zinsen für ihre Schulden bezahlen müssen. Das wird zwangsläufig dazu führen, dass sie das Leistungsbilanzdefizit verringern müssen. Wir können also nicht mehr BMWs gegen grüne Papierscheine eintauschen. Doch langfristig wird das Finanzsystem stabiler.

Den Yuan als globale Leitwährung kann man sich angesichts der Entwicklung von China vorstellen. Aber glauben Sie wirklich, dass auch der Euro diese Funktion erfüllen kann?
Ja, davon bin ich überzeugt.

Und was ist mit der Eurokrise?
Sie ist die Folge eines unvollständigen Systems. Es gibt glänzende Euromünzen und hübsche Euroscheine, es gibt sogar eine Zentralbank, die EZB. Aber es fehlen die Regeln für eine wirkliche Fiskalunion. Die Einheitswährung kann heute nicht mehr rückgängig gemacht werden. Deshalb muss Europa jetzt weiter in Richtung einer wirklichen Fiskalunion schreiten. Und Frau Merkel hat recht, wenn sie sagt, das werde lange dauern.

Wie lange?
In etwa zehn Jahren könnte der Euro eine wirkliche Einheitswährung sein.

Sie haben letzten Dezember davon gesprochen, dass das System des Euro zusammenbrechen könnte. Weshalb sind Sie jetzt optimistisch?
Es ist der EZB seither zumindest gelungen, die Bankenkrise mit Krediten zu einem Prozent Zins für eine Laufzeit von drei Jahren wirksam zu entschärfen.

Ein genialer Schachzug des neuen EZB-Präsidenten Mario Draghi?
Er hat damit die aufkommende Bankenpanik verhindert. Der Interbankenmarkt in Europa war zusammengebrochen, die Banken gaben sich keine Kredite mehr. Die EZB hat das einzig Richtige getan.

Wäre es nicht einfacher, logischer und billiger gewesen, die EZB hätte das Geld direkt den überschuldeten Staaten zukommen lassen?
Zuerst musste die Bankenpanik verhindert werden. Aber damit ist das Wachstumsproblem von Staaten wie Italien und Spanien nicht gelöst. Auch die EZB muss Massnahmen ergreifen, um deren Schuldzinsen noch weiter zu drücken. Und sie muss dafür sorgen, dass der Euro weicher wird. Nur so kann das Wachstum aufrechterhalten werden.

Geht die EZB damit nicht auf Konfrontationskurs mit der Politik, vor allem der deutschen?
Europa braucht endlich eine normale Zentralbank. Das war unter dem früheren Präsidenten Jean-Claude Trichet nicht der Fall. Die EZB konnte damals die Rolle einer Kreditgeberin in letzter Instanz nicht ausfüllen. Jetzt scheint sie sich in diese Richtung zu entwickeln.

Sind die Kredite der EZB ein Trick, mit dem sie die Politik übertölpelt?
Sie hat damit den Banken die Liquidität verschafft, aber sie hat damit noch nicht das Wachstum angekurbelt. Auch das ist eine Aufgabe einer Zentralbank. Auch die EZB wird sich dieser Aufgabe widmen müssen.

Wird das nicht zu einem Aufschrei führen, weil die Banken wieder einmal auf Kosten des Steuerzahlers gerettet worden sind?
Die Sorge besteht tatsächlich. Aber die Alternative, ein Bankencrash, wäre noch schlimmer. Die Lage von Europa lässt sich mit der Situation eines Krebspatienten vergleichen. Ja, Chemotherapie ist schmerzhaft und hat gefährliche Nebenwirkungen, aber ohne Chemotherapie stirbt der Patient.

Was für einen Einfluss hat Deutschland auf die Politik der EZB?
Die EZB ist die unabhängigste Zentralbank der Welt. Sie nimmt keine Direktiven von Regierungen entgegen. Angela Merkel hat wohl recht, wenn sie sagt, es werde länger dauern, bis eine Fiskalunion besteht und Eurobonds emittiert werden können. Aber dennoch muss das Wachstumsproblem gelöst werden.

Dafür hat die Bundeskanzlerin aber gar kein Verständnis.
In dieser Sache hat Deutschland bisher nichts unternommen, auch nicht, wenn es um höhere Brandmauern geht.

Warum nicht?
Frau Merkel muss eine gefährliche Gratwanderung in der Innenpolitik absolvieren. Zudem fehlt es in Europa an Vertrauen: Deutschland hat Angst, dass Italien und Spanien ihre Reformbemühungen abbrechen, wenn sie zu viel Hilfe erhalten. Das ist kein Vertrauensbeweis.

Gerade deswegen nehmen die politischen Spannungen zu. Dinge, die so nicht weitergehen können, gehen so nicht weiter. Wann wird Europa diese Binsenwahrheit zu spüren bekommen?
Ökonomisch gesehen gilt: Den Euro zu erhalten, wird sehr teuer, ihn aufbrechen zu lassen, ist aber noch viel teurer. Leider setzt sich die ökonomische Vernunft nicht immer durch. Es könnte also sein, dass die politischen Emotionen Oberhand gewinnen.

In den USA wurde die lockere Geldpolitik der Notenbank Fed hart kritisiert. Sie führe zwangsläufig zu Inflation. Stimmt das?
Es gibt derzeit keinerlei Anzeichen für eine Inflation, und das Fed hat einen sehr genauen Plan, wie es die Geldmenge verkleinern will, wenn die wirtschaftlichen Umstände dies zulassen.

Die lockere Geldpolitik hat das Vertrauen in das Geldsystem schwinden lassen. Der Ruf nach einem neuen Goldstandard wird laut. Was ist davon zu halten?
Das ist dumm. Gold ist ein barbarisches Relikt, wie Keynes schon 1925 festgestellt hat. Wenn die Menschen verstehen würden, wie der Goldstandard wirklich funktioniert, würden sie davor zurückschrecken, ihn wieder haben zu wollen. Er wäre heute völlig sinnlos und würde das System nicht stabilisieren, sondern sogar zu mehr Finanzkrisen führen.

Eine andere Option sind regionale Parallelwährungen. Eine gute?
Ich glaube nicht, dass es viel Spielraum für Regionalwährungen geben wird. Vergessen Sie nicht: Wir leben nach wie vor in einer Welt mit nationalen Regierungen, und diese Regierungen stehen letztlich hinter den nationalen Währungen. Der amerikanische Raum wird für den grenzüberschreitenden Handel auf den Dollar setzen, Europa und Afrika auf den Euro und Asien auf den Yuan.

Können sich in dieser Zwangsjacke Länder wie Griechenland je wieder erholen? Sollte man die Drachme als Euro-Parallelwährung zulassen?
Eine Wiedereinführung der Drachme, auch als Parallelwährung, würde sofort einen Sturm auf die Banken auslösen. Das würde zu einem Chaos mit unabsehbaren Folgen führen. Parallelwährungen sind keine Lösung. Argentinien hat dies übrigens 2001 ausprobiert. Einzelne Provinzen haben Regionalwährungen in Umlauf gebracht. Es hat die Finanzkrise beschleunigt, nicht verhindert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2012, 17:52 Uhr

Währungsspezialist und Professor für Ökonomie an der University of California in Berkeley: Barry Eichengreen. (Bild: PD)

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