Hintergrund

Schweizer zahlen wenig fürs Essen

Absolut gesehen sind Nahrungsmittel in der Schweiz teuer. Es gibt aber nur vier Länder, in denen die Bevölkerung gemessen an ihrem Einkommen weniger fürs Essen ausgibt als in der Schweiz.

Die Schweizer sind Bio- und Fair-Trade-Weltmeister: Kunden im Glattzentrum in Wallisellen.

Die Schweizer sind Bio- und Fair-Trade-Weltmeister: Kunden im Glattzentrum in Wallisellen. Bild: Keystone

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«Das Essen wird immer billiger», titelte die Zeitung «Schweizer Bauer» kürzlich auf ihrer Frontseite. Nur noch 6,8 Prozent seiner Ausgaben wende der durchschnittliche Schweizer Haushalt gemäss Bundesamt für Statistik für Nahrungsmittel auf, dazu 4,7 Prozent für Konsumationen in Restaurants und Take-aways. «Noch nie zuvor haben die Nahrungsmittel das Haushaltsbudget so gering belastet», schlägt die Zeitung des Bauernstands Alarm: 1990 hätten die Haushalte noch 11 Prozent dafür ausgegeben.

Das ist die eine Sicht der Dinge. Die andere ist jene von der Hochpreisinsel Schweiz. Diese war als Folge des starken Frankens, der das Preisgefälle zum Ausland akzentuierte, in den letzten Jahren dominierend. Danach geben die Schweizer übermässig viel für Lebensmittel aus – genauso wie für Autos, Kleider, Waschmaschinen oder Sportartikel. Wer so argumentiert, bezieht sich in erster Linie auf den Vergleich mit dem Preisniveau im umliegenden Ausland, allenfalls noch im beliebten Ferienland USA.

Trotz dieser hohen Preise gehört die Schweiz offenbar aber zu den Ländern, in denen die Bevölkerung wenig Geld fürs Essen ausgibt – und zwar gemessen am gesamten verfügbaren Einkommen. Das zeigen Zahlen der US-Landwirtschaftsbehörde, welche die Migros im «Nachhaltigkeitsmagazin 2013» unlängst publiziert hat. Gemäss der Aufstellung des Detailhändlers gibt der durchschnittliche Schweizer Haushalt 10,2 Prozent seines Einkommens für das Essen zu Hause aus.

Für Statistiker plausible Zahlen

Noch tiefer sind die Nahrungsmittelausgaben lediglich in vier Staaten weltweit. Am wenigsten geben mit 6,7 Prozent die Amerikaner für ihren Food aus; darauf folgt Singapur mit 7,4 Prozent. Grossbritannien und Kanada sind mit rund 9,5 Prozent etwa gleichauf. Gleich platziert wie die Schweiz ist Irland. Im restlichen Europa wendet die Bevölkerung 10,9 bis 22,6 Prozent fürs Essen auf. In Ländern wie Marokko, Ägypten, Aserbeidschan oder Pakistan liegt der entsprechende Wert bei über 40 Prozent.

Wie glaubwürdig sind diese Zahlen? Und wie unterscheiden sie sich von den offiziellen Zahlen der Schweiz oder der europäischen Eurostat? Der TA fragte Ueli Oetliker, Leiter der Haushaltsbudget-Erhebung (Habe) beim Bundesamt für Statistik. «Die Zahlen scheinen plausibel und stehen nicht im Widerspruch zu anderen unabhängigen Quellen», sagt Oetliker. «Wir haben aber deren genaue Herkunft und die Definitionen nicht überprüft und können daher nur eine allgemeine Einschätzung abgeben.»

Bei internationalen Vergleichen besteht die Schwierigkeit laut Oetliker oft darin, dass die Konzepte und Definitionen in den Ländern unterschiedlich eingesetzt werden. Man könne aber davon ausgehen, dass das US-Landwirtschaftsdepartement um eine möglichst vergleichbare Darstellung der Werte bemüht gewesen sei. «Fast jedes Land der Welt macht von Zeit zu Zeit eine Haushaltsbudget-Erhebung, führt eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung nach internationalen Standards und kennt einen Warenkorb zur Bestimmung der Teuerung. Man kann also davon ausgehen, dass diese Zahlen auf korrekt ermittelten Schätzwerten basieren», beurteilt der Statistiker. «In der Schweiz werden die Haushaltsbudgetzahlen als Stichprobenerhebung mit rund 3000 Haushalten jährlich durchgeführt.» Grundsätzlich würden die Resultate einer Zufallsstichprobe auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Die Schätzgenauigkeit hänge dabei nicht zuletzt von der Anzahl Beobachtungen ab. Statistiken zu Nahrungsmitteln seien in der Regel gut aufgestellt, weil Lebensmittel viel häufiger gekauft werden als etwa Kleider oder Autos.

Schweiz hält sich an Eurostat

Die Vergleichbarkeit ist nicht in jedem Fall gegeben. Gerade die Bezugsgrösse wird laut Oetliker oft uneinheitlich gehandhabt. In der Schweiz würden heutzutage die Haushaltsausgaben im Vergleich zum Bruttoeinkommen dargestellt. Das erlaubt, auch den Sparbetrag, der zuletzt hohe 12,6 Prozent ausmachte, damit zu vergleichen. Früher hatte man laut Oetliker die Ausgabenanteile oft nur auf das Total der Ausgaben oder sogar nur auf die Konsumausgaben bezogen. Bei historischen Vergleichen müsse das berücksichtigt werden.

In Europa koordiniert Eurostat die Haushaltsbudget-Erhebungen, die EU-Staaten und die Schweiz halten sich in weiten Teilen an deren Vorgaben. Dennoch gibt es auch da Unterschiede: «In der Schweiz werden als Wohnausgaben von Immobilienbesitzern die Hypothekarzinsen, Nebenkosten und ein Teil der Reparaturarbeiten berücksichtigt, aber nicht die Amortisationen, die als Investitionsausgaben gezählt werden», sagt Oetliker. In EU-Ländern, die oft eine deutlich höhere Eigentümerquote kennen, werde zusätzlich eine Wertverminderung der Liegenschaft eingerechnet, was das Total der Konsumausgaben natürlich erhöht (und den Anteil der Nahrungsmittel verringert).

Essen nur vierter Budgetposten

Fazit: Gemessen am Einkommen zahlen wir Schweizer im internationalen Vergleich im Schnitt tatsächlich relativ wenig fürs Essen. Und das, obschon wir sowohl bei Bio- wie auch bei Fair-Tradeprodukten aktuell Weltmeister sind: In keinem anderen Land wird pro Einwohner so viel Geld für fair gehandelte oder biologisch hergestellte Erzeugnisse ausgegeben. Dieser Befund dürfte da und dort dennoch Verwunderung auslösen: Das Gefühl, beim Wocheneinkauf ein kleines Vermögen auszugeben, ist verbreitet.

In einem durchschnittlichen Schweizer Haushaltsbudget hat sich die Bedeutung der Lebensmittel im Lauf der Jahrzehnte aber gewaltig verschoben: 1945 machten die Ausgaben für Ernährung mit 35 Prozent den weitaus grössten Teil der Kosten aus. Heute sind sie nur viertgrösster Posten. Steuern, Versicherungen und andere Transferabgaben sind der mit Abstand grösste Brocken, gefolgt von den Ausgaben für das Wohnen und die Energie sowie für den Verkehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2013, 06:51 Uhr

Infografik

Ausgaben für Essen im weltweiten Vergleich: Zum Vergrössern auf das Bild klicken. (Bild: TA-Grafik in)

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