US-Zinsschritt: Die grosse Frage

Was tun gegen den Börsenabsturz? Der EZB-Fehler von 2011 sollte vermieden werden.

Tristesse an den Märkten: Anzeige mit Börsenkursen in Bangkok. Foto: Keystone

Tristesse an den Märkten: Anzeige mit Börsenkursen in Bangkok. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Finden wir uns alle auf der Titanic wieder? Die Weltwirtschaft als Ozeandampfer, der zu wenig Rettungsboote mit dabei hat? Stephen King, Chefökonom der britischen Grossbank HSBC, stellte diesen Vergleich im Mai an. Er scheint damit den Nerv der Zeit getroffen zu haben. An den Märkten breitet sich Angst aus. Befürchtet wird, dass eine unerwartet heftige Abkühlung in China der letzte Schubs sein könnte, um die Weltwirtschaft von der Klippe zu stürzen. Schlimmer noch: Auf eine globale Rezession wären Regierungen und Notenbanken schlecht vorbereitet, würden ihnen doch die fiskal- und geldpolitischen Mittel fehlen, um einen Wachstumseinbruch abzufedern.

Offensichtlich ist das mit Blick auf die Leitzinsen, die in den wichtigsten Währungsräumen an der Nulllinie verharren oder – wie in der Schweiz, in Dänemark oder Schweden – in den negativen Bereich abgetaucht sind. Dem steht gegenüber, dass Amerikas Notenbank den Leitzins in jeder Rezession seit den 70er-Jahren um mindestens 5 Prozentpunkte gesenkt hat. Ein von den Befürwortern einer möglichst baldigen Leitzinsanhebung in den USA immer wieder vorgebrachtes Argument ist denn, Spielraum zu schaffen für die Federal Reserve, um bei einer späteren Konjunkturabkühlung zinspolitisch reagieren zu können. Doch mit jedem Tag, mit dem die Verunsicherung an den Finanzmärkten noch stärker um sich greift, schwindet die Aussicht auf eine monetäre Straffung in Übersee.

Ein Lichtblick, viel Tristesse

So gehen die USA nun ins siebente Jahr ihres laufenden Aufschwungs, ohne dass die Notenbank die Gelegenheit ergriffen hat, endlich ihre Geldpolitik zu normalisieren. Die Währungshüter in Washington haben dafür gute Gründe. Wäre doch der Flurschaden weitaus grösser, wenn sie die Zinsen voreilig erhöhten – wie die Europäische Zentralbank anno 2011 –, nur um kurze Zeit später zurückkrebsen zu müssen.

Doch geht auch dieser Aufwärtszyklus in den USA unweigerlich zu Ende, und das eher früher als später. Wenngleich er bei vielen Amerikanern noch gar nicht richtig angekommen ist – vor allem, was ihr Portemonnaie respektive ihre Löhne betrifft –, ist er mit seiner sechsjährigen Dauer statistisch längst im Reifestadium angelangt. Erfreulicherweise sind in der US-Wirtschaft trotzdem keine Ermüdungsanzeichen erkennbar, im Gegenteil: Nach dem Durchhänger zu Jahresbeginn hat sie bis zuletzt kontinuierlich an Schwung gewonnen und nahezu Vollbeschäftigungsniveau erreicht.

Abgesehen von diesem Lichtblick herrscht indes Tristesse: Europa ­bewegt sich im Kriechgang, Japan verharrt in der Deflation, die Schwellenländer leiden unter sinkenden Rohstoffpreisen, rückläufigem Welthandel, Kapitalflucht und politischer Instabilität – und jetzt droht noch China zu «kippen». Was für eine niederschmetternde Bilanz, nachdem Politiker und Notenbanker seit der Finanzkrise Geld über Hunderte Milliarden in den Wirtschafts- und Finanzkreislauf gepumpt haben – und immer noch pumpen –, um die Nachfrage weltumspannend anzukurbeln.

Wenn die Schuldenstände gering, die Defizite in den Staatskassen klein und die Zinssätze hoch seien, falle es relativ leicht, mit Rezessionen umzu­gehen, meinte HSBC-Chefökonom King. Die heutige Ausgangslage ist aber genau umgekehrt. Nicht nur bewegen wir uns seit Jahren in einem Tiefzins-umfeld, auch die grossen westlichen Staaten sind in einem für Friedens­zeiten ungewöhnlich hohen Mass verschuldet – mit Schuldenständen von 75 bis 135 Prozent der Wirtschafts­leistung. Wobei Japan (etwa 250Prozent) alle Grenzen sprengt. Man braucht kein Statistiker zu sein, um zu erahnen, dass die Löcher in den Staatsfinanzen tendenziell noch grösser werden, wenn die Altersvorsorge-, Kranken- und Pflegekosten für die in die Jahre kommenden Babyboomer in die Höhe schiessen. Rücklagen hierfür gibt es keine.

Keine Alternativen mehr

Die staatliche Überschuldung – zu der oft noch die private hinzukommt, wie etwa in der Eurozone, in China oder Südostasien – ist wohl der Hauptgrund dafür, dass die Wirkung fiskalpolitischer Stimulierungsmassnahmen über die Zeit hinweg nachgelassen hat. Für Stephen King liegt hier ein Erklärungsansatz, weshalb jeder der letzten vier Konjunkturaufschwünge in den USA jeweils schwächer ausgefallen ist als der vorausgegangene.

Mangels anderweitiger Alternativen gehen Experten überwiegend davon aus, dass zumindest in den USA am Ende doch Steuersenkungen oder höhere Staatsausgaben zum Zug kommen werden, um eine harte Landung abzuwenden. Selbst wenn die politischen Gräben immens gross sind – und dies nicht nur in Washington, sondern auch in Europas Hauptstädten. Eine Neuauflage der Anleihenkäufe durch die Federal Reserve erscheint weniger wahrscheinlich. Dagegen spricht nicht nur die unvorstellbare Grösse ihrer Bilanzsumme von über 4000 Milliarden Dollar, von der keiner weiss, wie sie je zurückgefahren werden soll. Politisch nicht minder brisant sind auch die unerwünschten Verteilungswirkungen einer solchen Politik.

Erstellt: 24.08.2015, 23:16 Uhr

Artikel zum Thema

Crash – trifft er die Schweiz?

Was die Börsenstürze für die hiesige Wirtschaft bedeuten. Dazu Ökonom Klaus Wellershoff und Daniel Kalt von der UBS. Mehr...

Auch die US-Märkte schliessen tiefrot

Zu Börsenschluss notiert der Dow Jones über 3,5 Prozent im Minus. Auch die anderen Indizes verlieren viel. Mehr...

Düstere Woche an den Börsen

Jahresgewinne wie weggefegt: Indizes radieren ihre Zuwächse von 2015 aus. Der SMI rauscht unter 8800 Punkte. Die Märkte schauen ängstlich in den Fernen Osten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...