Hier wird Ihr Gas gefördert

Die russische Pipeline «Nord Stream 2» entzweit Europa. Was sagen die Männer, die dafür arbeiten? Ein Besuch in Westsibirien.

Bis 2128 soll auf der Jamal-Halbinsel Gas gefördert werden: Die Arbeiter kommen über den Flughafen Bowanenko. Foto: Keystone

Bis 2128 soll auf der Jamal-Halbinsel Gas gefördert werden: Die Arbeiter kommen über den Flughafen Bowanenko. Foto: Keystone

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Das Eis ist weich geworden, die Pfützen wachsen. Bald werden die Rentierherden die Gegend durchqueren und für ein paar Monate Gräser den Permafrost überziehen. Das Leben macht dann kurz Zwischenhalt auf der sibirischen Halbinsel Jamal. Im Oktober wird der Winter zurück sein.

Aber das Gas fliesst weiter.

Leise wummern die Schiffsmotoren, durch runde Luken kann man sie bei der Arbeit beobachten. Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Wiktor Moisejew. «An diesem Geräusch erkennt man sofort, dass alles in Ordnung ist», sagt er. «Alles ist gut.» Für Moisejew sind die Schiffsmotoren wie Teile eines grossen Organismus, in dem viele Rädchen ineinandergreifen: 1200 Meter tiefe Bohrlöcher, durch die Gas nach oben strömt. Ein Gewirr aus Rohren, die das Gas einsammeln. Und schliesslich die Kraft der Motoren: Sie verdichten das Gas, denn nur so lässt es sich unter hohem Druck durch die Leitungen pressen – nach Europa. Moisejew ist stellvertretender Produktionsleiter der Gasfelder auf der Jamal-Halbinsel, die der Energiekonzern Gazprom ausbeutet. Die Verdichter geben Moisejews Arbeit erst Sinn. Denn ohne Transport, ohne Pipelines zu den Verbrauchern nutzt das schönste Gasfeld nichts.

Wer in vielen westeuropäischen Staaten einen Gasherd anzündet, wer Warmwasser über den Brennwertkessel oder eine Gastherme bezieht, der lebt auch mit Molekülen von diesem Ende der Welt. Was sich allerdings auch erst zeigen würde, wenn sie nicht mehr da sind. Damit sie herkommen, soll nun dieses 1200 Kilometer lange zweite Röhrenpaar in die Ostsee kommen, für umgerechnet etwa 11,3 Milliarden Franken: Nord Stream 2. Kein anderes Projekt hat in Europa so viel Sprengkraft wie dieses.

Nein, über Politik soll Moisejew jetzt nicht sprechen, Interviews sind unerwünscht. Der Mann ist Ingenieur, und auf Technik soll er sich konzentrieren. Und rein technisch ist es nun einmal so, dass Russlands Erdgasfelder nicht unendlich sind. Urengoi, Jamburg, Medwezhye: So hiessen die Gigantenfelder der Vergangenheit, ihre Leistung nimmt langsam, aber stetig ab. Moisejews Revier, die Jamal-Halbinsel, ist der Gigant der Zukunft.

Ein einsames Bohrgestänge

Kein Baum wächst hier, kein Strauch. Kein Mensch läuft herum. Durch das hügellose Nichts ziehen sich Stromleitungen und Rohre. Container stehen herum, als hätte ein Expeditionskommando sie zurückgelassen. Das Einzige, was sich hier bewegt, ist ein einsames Bohrgestänge. Loch um Loch bohrt es in den gefrorenen Sandboden. Meter um Meter, bewacht aus einem gut beheizten Container. Wie die Arbeiter erkennen, ob sie auf Gas gestossen sind? Moisejew schüttelt den Kopf. «Das müssen wir nicht erkennen. Das wissen wir vorher.» Gas ist hier quasi überall, in verschiedenen Tiefen. Und mit jedem neuen Bohrloch kommt auch neues Gas. Allein in Bowanenkowo, dem grössten Gasfeld auf Jamal, lagern 4,9 Billionen Kubikmeter. So viel wie Norwegen und das übrige Europa zusammen haben. Bis 2128 will Gazprom hier fördern.

Wenn das Gas von Bowanenkowo gereinigt ist, wenn es durch lange Leitungen zu den Schiffsturbinen gelangt ist, um dort richtig viel Druck zu bekommen, dann geht es auf eine lange, eine verwinkelte Reise Richtung Westen. Die Stationen heissen Ukhta und Grjazowez, und dann fliesst der eine Teil in die Ostsee, der andere schlängelt sich Richtung Weissrussland und Ukraine. Hier kommt Nord Stream 2 ins Spiel. Denn wenn die Förderung auf der westsibirischen Halbinsel mal so richtig in Schwung gekommen ist, wäre der zweite Strang durch die Ostsee die logische Verbindung nach Mitteleuropa: 4166 Kilometer von Jamal nach Greifswald im Norden Deutschlands. Findet zumindest Gazprom. Die Alternative ist 1800 Kilometer länger – und führt quer durch die Ukraine.

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Kürzlich hat der Konzern zusammen mit seiner Tochter Nord Stream in die dritte Etage eines Moskauer Hotels geladen, einen Steinwurf entfernt vom Aussenministerium. Dimitri Khandoga ist da, bei Gazprom der Mann für die lange Leitung nach Westen. Schwer zu sagen, wie man seinem Gesicht eine Regung entlockt, der Streit um Nord Stream 2 jedenfalls tut es nicht. Mit gleichgültiger Miene entfaltet er seine Argumente, auch der deutsche Kohleausstieg kommt darin vor. Oder der Niedergang der Gasförderung im westlichen Europa. «Wir können die Fakten nicht ausblenden: Die heimische Produktion in Europa geht zurück», sagt Khandoga. «Wir bei Gazprom sind sicher, dass unser Gas nötig ist für den europäischen Markt. Und wir sind bereit, ihn damit zu versorgen.»

Klingt fast, als wäre das Unternehmen, das 2017 allein 4 Prozent zum russischen Bruttoinlandprodukt beisteuerte, eine Firma der freien Wohlfahrtspflege. Dabei ist der potenzielle Einfluss Teil des Problems: Im vorigen Jahr kamen 36,7 Prozent des europäischen Gasbedarfs von Gazprom, direkt aus dem Westen Sibiriens. Das war sogar noch eine Steigerung gegenüber dem Jahr zuvor, allen Russland-Sanktionen zum Trotz. «Dieser Anstieg», sagt Khandoga süffisant, «hat uns verwirrt.»

Die Angst Osteuropas

Es gibt Mobilfunk und Internet in Bowanenkowo, selbst der entlegenste Container hat eine Satellitenschüssel für den Fernseher. Doch vom Streit um das russische Gas sind die Gasfelder surreal weit weg. Im Zentrum steht die Ukraine, die umgangen werden soll und damit auch der Konflikt um die russische Annexion der Krim, gegen jedes Völkerrecht. Ängste in Osteuropa spielen eine Rolle, vor zu grosser Abhängigkeit nicht nur von Russland, sondern auch vom künftigen Transitland Deutschland. US-Präsident Donald Trump hat Stellung bezogen, er will nicht nur den Einfluss Russlands eindämmen, sondern würde Europa gerne selbst versorgen – mit Flüssiggas, made in USA. Und schliesslich geht es auch um Klimaschutz – und die Frage, ob neue Gasleitungen nicht noch tiefer in die fossile Welt steuern. Die Gasfelder Jamals rücken ins Zentrum des europäischen Machtpokers. Doch in der Kälte Sibiriens ist das alles unendlich fern. Nicht mal von der Erderwärmung sei im Permafrost etwas zu spüren, beteuern die Gazprom-Leute. Jedenfalls noch nicht.

Das Schiff «Audacia» verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2. Foto: Keystone

Henning Kothe könnte ganz entspannt sein, eigentlich. Kothe ist der oberste Bauleiter bei Nord Stream 2, und seine Arbeiten gehen voran, Meter um Meter. Vor Schweden ist die Pioneering Spirit unterwegs – ein 400 Meter langes Verlegeschiff, aus dessen Mitte sich eine Pipeline mit einer Leichtigkeit ins Meer senkt, als wäre es ein langer Schlauch. «Das ist ein superfein getuntes Team», sagt Kothe. «Alle sieben Minuten kommt es 24 Meter vorwärts.» Bei 1440 Minuten am Tag macht das 4937 Meter: knapp fünf Kilometer, täglich. Vor der russischen Küste ist ein anderes, kleineres Schiff unterwegs, die Solitaire. Zusammen haben sie schon 1300 Kilometer Pipeline geschafft. Das ist mehr als die Hälfte der Leitung, die aus zwei je 1230 Kilometer langen Röhren besteht. Kothe hatte schon die Schwester-Pipeline Nord Stream 1 gebaut, Projekt Nummer zwei soll die Kapazität von 55 auf 110 Milliarden Kubikmeter im Jahr verdoppeln. Doch die Dinge liegen diesmal komplizierter. «Bei der ersten Leitung hatten wir vor allem technische Herausforderungen, weil wir vieles zum ersten Mal gemacht haben. Jetzt sind es vor allem politische.»

«Ich wünschte, ich könnte sagen: Wir haben alle Genehmigungen.»Henning Kothe, Oberster Bauleiter Nord Stream 2

Kothe ist mit der Pipeline so eng verbunden wie Moisejew mit seinem Gasfeld. Was ihm gerade passiert, ist ungefähr so, als würde man Moisejew über Nacht die Schiffsdiesel stilllegen, dem ganzen grossen Gasfeld den Stecker ziehen. Kothe formuliert es so: «Ich wünschte, ich könnte sagen: Wir haben alle Genehmigungen.» Doch so ist es nicht. Mittlerweile drei Routen hat Nord Stream 2 beantragt, sie sollen alle die dänische Insel Bornholm passieren.

Auf Jamal dagegen gleicht ein Tag dem anderen. Um acht Uhr abends und um acht Uhr morgens ist Schichtwechsel. Sieht man vom Stand der Sonne ab – mal steht sie im Westen, mal im Osten –, macht das keinen Unterschied: Es ist immer gleich hell. Die weissen Nächte sind angebrochen, es wird nicht mehr dunkel. Und so trudeln alle zwölf Stunden wieder die Busse in der Siedlung ein, Arbeiter schlurfen in ihre Unterkünfte. Es gibt hier keinen Sportplatz und keine Kneipe, das Leben spielt sich drinnen ab. Je einen Monat sind die Arbeiter hier, dann einen Monat zu Hause, auf Heimaturlaub. «Die Arbeit ist angesehen», sagt Moisejew. Nachwuchssorgen habe man keine. Er selbst ist nur tagweise hier, er wohnt 600 Kilometer entfernt, in der Tundra-Stadt Nadym.

Das strategische Kalkül

Dass ein 10-Milliarden-Projekt wie Nord Stream 2 ins Stocken gerät, ist in diesem Imperium nicht vorgesehen. Zumal die Folgen das strategische Kalkül auf den Kopf stellen könnten.

Denn Nord Stream 2 sollte auch die Verhandlungsmacht der Ukraine schwächen. Regelmässig hatten Moskau und Kiew zuletzt über die Bedingungen für die Durchleitung, über Transitgebühren und Gaspreise gestritten. Künftig liesse sich mehr Gas durch die Ostsee transportieren. Und im Schwarzen Meer soll Ende des Jahres die Leitung Turk Stream die Arbeit aufnehmen, von Russland führt sie direkt in die Türkei und weiter nach Südosteuropa. Die Ukraine würde umgangen, und das recht pünktlich: Ende 2019 läuft der bisherige Vertrag über den Gastransport durch die Ukraine aus. Dann sollte eigentlich auch Nord Stream 2 fertig sein.

Was aber, wenn die neue Leitung nicht bis Ende des Jahres fertig wird? Da wird auch Dimitri Khandoga im Moskauer Hotel plötzlich lebhaft, der Gazprom-Planer für Nord Stream 2. «Ein Albtraumszenario», sagt er, um dann gleich nachzuschieben: «Es ist definitiv zu früh, über eine Verzögerung nachzudenken.»

Erstellt: 31.05.2019, 18:22 Uhr

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