Professor Ungleichheit schlägt wieder zu

Ein neuer Bericht des Ökonomen Thomas Piketty und anderer bestätigt eine starke Zunahme der Ungleichheit weltweit. Vor allem die Allerreichsten haben deutlich zugelegt.

Neue Daten bestätigen die Aussagen zur Vermögens- und Einkommensentwicklung der letzten Jahrzehnte: Ungleichheitsforscher Thomas Piketty.

Neue Daten bestätigen die Aussagen zur Vermögens- und Einkommensentwicklung der letzten Jahrzehnte: Ungleichheitsforscher Thomas Piketty. Bild: Keystone

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Thomas Piketty meldet sich zurück. Der Autor des Weltbestsellers «Kapital» hat heute zusammen mit anderen führenden Forschern des Themas den «Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018» veröffentlicht. Das 300 Seiten umfassende Werk enthält aufdatierte Daten zur Ungleichheit bei den Einkommen und den Vermögen sowie zur Entwicklung in den letzten Jahrzehnten. Mit seinem «Kapital» hat Piketty einen grossen Anteil an der starken internationalen Beachtung dieses Themas, aber vor allem auch daran, dass sich ihm Ökonomen in ihrer Forschung intensiv annehmen. Das heute publizierte Werk bezieht sich denn auch nicht nur auf Pikettys Beitrag, sondern auf die Forschungsarbeiten von 19 führenden Ökonominnen und Ökonomen auf diesem Gebiet. Insgesamt rund 100 haben an der Erhebung der Daten mitgewirkt.

Der Bericht bestätigt erneut den schon viel beschriebenen Trend einer global steigenden Ungleichheit sowohl bei den Einkommen wie bei den Vermögen. Weiter geht er auf die Entwicklung einiger Regionen, Ländergruppen und Länder ein. Zur Schweiz finden sich keine Daten. Im Vergleich mit der jüngsten Untersuchung der Ökonomen Reto Föllmi und Isabel Martinez zeigt sich allerdings: Im internationalen Vergleich sind die Einkommen hierzulande relativ gleich verteilt, die Vermögen dagegen sehr ungleich.

An der Spitze stehen die Schwellenländer

Schaut man auf den Anteil der reichsten 10 Prozent an den gesamten Einkommen im Jahr 2016, so stechen hier die Länder des Nahen Ostens mit 61 Prozent besonders hervor. Danach folgen die Schwellenländer Indien, Brasilien und die afrikanischen Länder unterhalb der Sahara. In den USA (die zusammen mit Kanada aufgeführt werden) liegt der Anteil des reichsten Zehntels bei 47 Prozent. Dagegen nimmt sich Europa deutlich egalitärer aus, hier beträgt der Anteil des reichsten Zehntels 37 Prozent.

Ein ähnliches Bild wie beim Stand der Ungleichheit ergibt sich auch beim Blick auf die Entwicklung der Einkommensungleichheit in den letzten rund drei Jahrzehnten. Auch hier stechen die Schwellenländer bei der Zunahme des Einkommensanteils des reichsten Zehntels hervor: Besonders in Russland ist im Zuge der chaotischen Zuwendung zum Kapitalismus der Anteil der Reichsten geradezu explodiert – von etwas mehr als 20 Prozent auf zeitweise über 50 Prozent aller Einkommen.

Eine Studie für die Schweiz durch die Ökonomen Reto Föllmi und Isabel Martinez zeigt bei der Einkommensverteilung ebenfalls eine Zunahme der Ungleichheit, aber eine noch etwas gleichmässigere Verteilung als in Europa. Allerdings sind in diesen Daten die Kapitalgewinne nicht enthalten.

Eindrücklich ist der Unterschied in der Entwicklung der Einkommensungleichheit in den USA im Vergleich zu Westeuropa mit Blick auf das jeweils reichste Hundertstel. In den USA hat dieses von 1980 bis 2015 seinen Anteil am Nationaleinkommen von 11 Prozent auf 20 Prozent rund verdoppelt. In Westeuropa blieb dieser Anteil mit einer Zunahme von 10 auf 12 Prozent nahezu konstant. Auch der Anteil der unteren Hälfte der Einkommensverteilung ging in den USA stark zurück, während er in Europa nur um wenige Prozente zurückging.

Schaut man sich die Einkommensverteilung über die ganze Welt an (ohne Beachtung der Länder- oder Regionengrenzen), dann bestätigt sich das schon vielfach beschriebene Resultat eines aussergewöhnlichen Wachstums des Einkommensanteils der Allerreichsten. Das reichste Hundertstel hat einen Anteil von 20 Prozent an den gesamten Einkommen und konnte damit 27 Prozent des gesamten Einkommenswachstums seit 1980 für sich vereinnahmen. Zugelegt hat aber auch die untere Hälfte der globalen Einkommensverteilung, wofür das deutliche Einkommenswachstum einiger Schwellenländer, allen voran China, verantwortlich ist. Die global untere Hälfte vereint 12 Prozent des Einkommenswachstums auf sich. Ihr Anteil an den Gesamteinkommen beträgt rund 9 Prozent. Der Anteil der globalen Mittelschicht – in reichen Ländern sind das die eher wenig Verdienenden – ist dagegen geschrumpft.

Besonders ungleiche Schweiz bei den Vermögen

Ein ähnliches Bild wie bei der Entwicklung der Einkommensverteilung zeigt sich auch bei der Vermögensverteilung – die auch durch die Einkommen getrieben wird. Seit 1980 haben die Vermögen des reichsten Hundertstels praktisch überall zugenommen. In den USA stieg deren Anteil an den Gesamtvermögen von 22 Prozent 1980 auf 39 Prozent 2014 fast auf das Doppelte. Im Zuge des Übergangs zu einer faktisch kapitalistischen Wirtschaft verdoppelte sich der Vermögensanteil des reichsten Hundertstels aber auch in Russland (zwischen 1995 und 2015 von 22 auf 43 Prozent) und in China (im gleichen Zeitraum von 15 auf 30 Prozent).

Wie die Daten aus der Studie von Föllmi und Martinez zeigen, zählt die Schweiz in Bezug auf die Ungleichheit der Vermögensverteilung ebenfalls zur Weltspitze. Gemäss den Berechnungen der beiden Ökonomen besitzt das reichste Hundertstel hierzulande rund 40 Prozent aller Vermögen. Dabei bleiben allerdings die Pensionskassenvermögen unberücksichtigt. Berücksichtigt man auch sie, schrumpft der Anteil des reichsten Prozents auf etwas mehr als 25 Prozent aller Vermögen.

Erstellt: 14.12.2017, 17:05 Uhr

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