Ruhe an den Märkten – zu ruhig?

Mit ihrer Politik, die Zinssätze langfristig auf Tiefständen zu halten, haben die Notenbanken die Kursausschläge bei Aktien und Anleihen auf ein Minimum reduziert. Ein Risiko.

An den Weltmärkten bewegt sich derzeit wenig: Aktienhändler in der Börse von Kuwait ruhen sich aus. Foto: Raed Qutena (EPA, Keystone)

An den Weltmärkten bewegt sich derzeit wenig: Aktienhändler in der Börse von Kuwait ruhen sich aus. Foto: Raed Qutena (EPA, Keystone)

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Ob Devisen, Anleihen, Aktien oder auch Rohöl – diesen Märkten ist eines gemeinsam: Ihre Preis- beziehungsweise Kursschwankungen weisen bereits seit längerer Zeit einen rückläufigen Trend auf. Zuletzt sind diese Ausschläge oder Volatilitäten auf ein so geringes Ausmass gesunken wie zuletzt Anfang 2007, also vor dem Ausbruch der globalen Finanzkrise. Nach dem überaus heftigen Wellengang bis 2011/12, als die Welt zuerst im Banne der Bankenkrise und dann der europäischen Schuldenkrise stand, ähneln die Märkte mehr und mehr einer kräuselnden Meeresoberfläche.

Manuel Bredol, Stratege im Chief Investment Office der UBS, führt die Ruhe an den Finanzmärkten auf den «verbreiteten Optimismus» der Akteure zurück – angesichts einer «insgesamt positiven wirtschaftlichen Entwicklung vor allem in den entwickelten Ländern». Vor diesem Hintergrund, so macht Bredol geltend, «schätzt der Markt die Wahrscheinlichkeit des Eintretens möglicher Risikoszenarien als gering ein». Auch Fabiano Vallesi, Aktienstratege bei der Bank Julius Bär, betont, dass die Märkte angesichts der «entspannteren Lage in der westlichen Hemisphäre» gewisse Risiken, wie die Spannungen in der Ukraine oder das Szenario einer «harten Landung» in China, «als bewältigbar respektive nicht weiter eskalierend ansehen».

Klare Vorgaben für Anleger

Vallesi erwähnt noch einen anderen gewichtigen Faktor für die derzeitige Beruhigung an den Märkten: Diese sei auf die «ausserordentliche Kontrolle der Zentralbanken» zurückzuführen, dank denen viele Unsicherheiten weggefallen seien. Das gilt einerseits für die in den USA und in Japan betriebene Politik der quantitativen Lockerung, mit welcher die dortigen Notenbanken die Kapitalmarktzinsen nach unten drücken. Anderseits haben sich die Notenbanken der USA, der Eurozone und Grossbritanniens im Voraus darauf festgelegt («Forward Guidance»), ihre Leitzinsen noch für eine längere Zeit auf ihrem jetzigen Niveau von nahezu 0 Prozent zu belassen – ungeachtet des konjunkturellen Aufschwungs.

Beides trägt dazu bei – und ist erklärte Absicht der Währungshüter –, die Investoren allesamt in die gleiche Richtung zu bewegen: nämlich vermehrt dort risikoträchtigere Anlagen wie Aktien und Firmenanleihen zu tätigen, wo höhere Renditen winken. Daher die kontinuierlichen, graduellen Kursanstiege an den wichtigen Aktienbörsen in zu­sehends höhere Rekordsphären.

Quantifiziert werden die Kursausschläge mittels Indizes, wobei zwischen realisierter (vergangenheitsbezogener) und implizierter (vom Markt erwarteter) Volatilität unterschieden wird. Das am stärksten beachtete Schwankungsbarometer ist dabei der Volatilitätsindex VIX, der von der Terminbörse Chicago Board Options Exchange berechnet wird. Dieser auch als Angstkurve der Wallstreet bezeichnete Index misst die erwarteten Kursausschläge des US-Aktienindexes S&P 500 anhand der auf diesen Index bezogenen Optionen. Derzeit liegt der VIX bei rund 11 Punkten, verglichen mit dem langjährigen Durchschnitt von etwa 20 – während der Finanzkrise war er auf über 80 Zähler geklettert.

«Volatilität sorgt für Disziplin»

Zu viel und zu lange Ruhe an den Märkten kann sich jedoch als gefährlich erweisen. Die Investoren beginnen sich in falscher Sicherheit zu wiegen, verzichten auf die Absicherung ihrer Positionen, gehen immer grössere Risiken ein – und sind dadurch in hohem Masse Verlusten ausgesetzt, wenn der Wind dreht. «Volatilität sorgt für Disziplin», sagt Vallesi, besonders dann, wenn Investoren mit geliehenem Geld arbeiteten, um spekulative Vermögenswerte zu kaufen.

Auf die Gefahren allzu nachlässiger und selbstzufriedener Anleger im Angesicht friedlich-ruhiger Märkte haben zuletzt auch führende Vertreter der US-Notenbank hingewiesen – ironischerweise genau jene Institution, wie Vallesi anmerkt, deren «eigene Aktionen dazu geführt haben, dass sich die Märkte soweit beruhigt haben». Andere Stimmen geben zu bedenken, die letzte Phase ausgeprägt geringer Kursschwankungen habe von 2003 bis 2007 gedauert – und anschliessend in die Finanzkrise gemündet.

Könnte sich ein derartiges Katastrophenszenario alsbald wiederholen? Manuel Bredol hält dies für eher ausgeschlossen: «Worin sich die heutige Situation unterscheidet, ist, dass sich keine massiven Übertreibungen und Preisblasen wie damals am US-Immobilienmarkt erkennen lassen.» Ausserdem habe das Finanzsystem insbesondere in den USA, vermehrt aber auch in Europa die Bilanzrisiken reduziert und sei dank höheren Eigenkapitalquoten stabiler geworden. Vaselli erinnert indes daran, dass «auf Phasen mit sehr niedriger Volatilität immer wieder solche mit tendenziell sehr hoher Volatilität folgen». Der Zeitpunkt dieser Umschwünge sei allerdings schwierig zu prognostizieren.

Erstellt: 12.06.2014, 06:16 Uhr

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