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Schmutzige Ökonomie

Der Ökonom als Ingenieur, oder: Was uns das Komitee mit dem Nobelpreis für Lloyd Shapley und Alvin Roth sagen will.

«Für die Theorie der stabilen Allokation und die Praxis des Market Design»: Nobelpreisträger Alvin E. Roth und Lloyd S. Shapley.
«Für die Theorie der stabilen Allokation und die Praxis des Market Design»: Nobelpreisträger Alvin E. Roth und Lloyd S. Shapley.
Nobelprize.org

Diese beiden hatte niemand auf der Rechnung. Lloyd Shapley und Alvin Roth erhielten heute den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften. Weder auf Twitter, noch in der weiten Ökonomen-Blogosphäre waren diese Namen in den letzten Tagen gefallen. Auch Roth selbst schien ziemlich überrumpelt, als ihn das Komittee um vier Uhr Lokalzeit aus dem Bett holte. «Ich weiss nicht», antwortete er bloss, als er von Stockholm aus nach der Bedeutung dieses Preises für die Wirtschaftswissenschaften gefragt wurde.

Der Harvardprofessor ist vor zwei Monaten ins kalifornische Stanford umgesiedelt, wo er nun Gastvorlesungen hält. «Vor Studenten, die heute wohl etwas aufmerksamer als auch schon zuhören werden», wie der 61-Jährige während der Medienkonferenz per Telefon sagte. Roth gilt als lockerer Typ – hilfsbereit im Umgang mit Studenten, engagiert als Förderer von Nachwuchswissenschaftlern. «Seine Reputation ist exzellent», sagt Georg Nöldeke, Wirtschaftsprofessor in Basel, der ihm an Konferenzen bereits begegnet ist. Als inspirierend und extrem nett bezeichnet ihn Martin Kolmar, Professor an der Universität St. Gallen.

10 Frauen und 10 Männer

Es braucht keine EU als Preisträgerin, damit ein Nobelpreis etwas politisches an sich hat. Innerhalb der Disziplin sendet eine Ehrung aus Stockholm immer bestimmte Signale aus. Doch welche Botschaft birgt der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis? Roth teilt ihn sich mit dem heute 89-jährigen Lloyd Shapley. Dieser hatte in den 1950er und 60er Jahren den Grundstein für Roths Arbeiten gelegt. Shapley, der zuletzt in Los Angeles lehrte, nahm sich in seinen Theoriearbeiten einem kniffligen Problem an: Wie bringt man Anbieter und Nachfrager auf einem Markt zusammen, wenn die Güter weder einheitlich, noch unbehindert handelbar sind?

Mit seinem Forschungspartner David Gale entwickelte Shapley dazu ein Verfahren – den sogenannten Gale-Shapley-Algorithmus. Etwas vereinfacht gesagt geht dieser Algorithmus so: Stellen Sie sich einen Heiratsmarkt vor, an dem zehn Frauen und zehn Männer teilnehmen. Jedes dieser Individuen hat unterschiedliche Vorlieben, was die Heiratspartner angeht. Ausprobieren ist aber nicht erlaubt, denn die Pärchenbildung muss beim ersten Mal klappen.

Um die bestmögliche Konstellation herbeizuführen, erstellt nun jede der Frauen eine Rangliste der Männer nach Beliebtheit. Es folgt ein Heiratsantrag, den Männer annehmen oder ablehnen können. Nach dieser ersten Verteilrunde beginnt die Prozedur von neuem: Die Frauen ordnen die verbleibenden Männer nach Beliebtheit und stellen Anträge, die Männer sagen zu oder ab. Nach einigen Runden sind alle Pärchen gebildet, das Spiel ist zu Ende.

Ökonomen als Ingenieure

Shapleys wissenschaftliche Leistung bestand nun darin, mathematisch zu zeigen, dass dieses Verfahren nicht nur das bestmögliche, sondern auch das stabilste Ergebnis herbeiführt. Der Gale-Shapley-Algorithmus führt zu glücklichen Paaren, könnte man sagen – wobei das System ganz ohne die Dinge auskommt, die in der Ökonomie normalerweise zentral sind: Preise, Gleichgewichte, Nachfrage- und Angebotskurven.

Weil in den wilden Sechzigern niemand mit Shapleys Algorithmen so richtig etwas anzufangen wusste, verschwanden seine Arbeiten in der akademischen Versenkung. Jedenfalls, bis Alvin Roth sie in den 1980er Jahren wieder aufgriff. Roth begann, in der Realität nach Beispielen für Shapleys Algorithmen zu suchen. Und wurde an verschiedenen Orten fündig: im Zuteilungssystem von Medizinstudienabgängern zu Kliniken, im Schulsystem der Stadt New York, im nationalen US-Organspendersystem.

Damenwahl ist Damenvorteil

Vom Nobelpreiskomittee werden Shapley und Roth geehrt, weil sie ein «blühendes Forschungsfeld» begründet und zur Verbesserung vielerlei Arten von Märkten beigetragen hätten. Vielleicht ist das untertrieben. Denn wie sich aus dem Gespräch mit einigen Wirtschaftsprofessoren herauskristallisiert, haben die beiden zu einer eigentliche Revolution in den Wirtschaftswissenschaften beigetragen. Bis vor dreissig Jahren begriffen Ökonomen den Markt als etwas natur- oder bestenfalls kulturgegebenes. Dass man Märkte bewusst gestalten kann, realisierten erst Forscher wie Alvin Roth.

«Dieser Nobelpreis würdigt die praktische Relevanz der Wirtschaftswissenschaften», sagt Ökonom Uwe Sunde von der LMU München. Denn es spielt eine Rolle, wie man Märkte organisiert. Das bewies bereits Lloyd Shapleys Forschung in den 60er Jahren: Je nach dem, ob auf dem Heiratsmarkt Damen- oder Herrenwahl herrscht, werden die Geschlechter nämlich unterschiedlich bevorteilt. Wie Alvin Roth in den 90er Jahren zeigte, gilt dasselbe fürs US-Gesundheitssystem. Anstatt die Spitäler ihre Assistenzärte wählen zu lassen, kehrte Roth den Mechanismus kurzerhand um – und sorgte so für mehr Zufriedenheit unter den 20'000 jährlichen Medizin-Studienabgängern.

Anspruchsvolle, undogmatische Ökonomie

Obwohl ihr teils komplexe Mathematik zugrunde liegt, ist die keine reine, saubere Ökonomie. Sondern eine Wissenschaft, die sich an konkreten Problemstellungen orientiert. Undogmatisch und nicht von Ideologien geprägt, sei dieses Vorgehen, sagt Georg Nöldeke: «Das ist in den Wirtschaftswissenschaften nicht immer der Fall.» Ökonomie à la Alvin Roth – das ist schmutzige Ökonomie. Doch sie ist höchst nützlich: Auf dem Arbeitsmarkt, im Onlinehandel und sogar für Dating-Plattformen.

Durch Arbeiten wie jene von Roth entstand das, was heute als «market design» bezeichnet wird: Das Austüfteln, Testen und Verbessern von Zuordnungsverfahren zwischen Anbietern und Nachfragern, die nur schlecht übereinander Bescheid wissen. «Economic engineering» nennt sich das auch. «Das ist, wie wenn Sie eine Brücke bauen», sagt Martin Kolmar. Man könnte darin die Botschaft hinter diesem Nobelpreis sehen: Wichtig ist nicht nur, was die Lehren der Gebäudestatik sagt. Wichtig ist, wie Wissenschaftler mit tektonischen Bedingungen, Wind- und Strömungsverhältnisse in der Realität umgehen.

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