Schweiz zieht ausländische Anbieter an

Für Detailhändler aus dem Ausland ist der hiesige Markt attraktiv: Konsumenten geben viel Geld aus, die Margen sind hoch. Lokale Händler werden verdrängt.

Der niederländische Lingeriehersteller Hunkemöller plant in der Schweiz Dutzende Ladengeschäfte. Foto: Isa Foltin (Getty Images)

Der niederländische Lingeriehersteller Hunkemöller plant in der Schweiz Dutzende Ladengeschäfte. Foto: Isa Foltin (Getty Images)

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Auf den ersten Blick wirkt es paradox: In der Schweiz gibt es ein Ladensterben aufgrund der billigeren Onlinekonkurrenz und des Einkaufstourismus. Dennoch strömen ausländische Ketten stärker ins Land und eröffnen neue Ladengeschäfte.

Beispiele gefällig? Es sind Namen wie der Modeladen OVS, das italienische Kinderkleiderunternehmen Original Marines oder die niederländische Kosmetik­kette Rituals. Rasant breitet sich auch der niederländische Lingeriehersteller Hunkemöller im Schweizer Markt aus. Vergangenes Jahr eröffnete der Beldona- und Calida-Rivale zwei Geschäfte. In diesem Jahr gibt es laut der Sprecherin Paula Pasieka acht bis zehn neue Filialen. «Aufgrund der immensen Nachfrage hat sich das Unternehmen entschlossen, danach weitere 50 Läden zu eröffnen.» Das Unterwäscheunternehmen betreibt weltweit über 800 Filialen und erzielt damit einen Umsatz von rund 500 Millionen Franken.

Auf dem Vormarsch ist auch der französische Sportartikelgigant Decathlon: Eine Filiale wurde im Migros-Einkaufszentrum Marin Centre bei Neuenburg eröffnet, die zweite im Waadtländischen Villeneuve. Das Unternehmen generiert einen Umsatz von rund 10 Milliarden Euro und beschäftigt weltweit mehr als 75 000 Angestellte. Athleticum hat sich mit dem französischen Branchenriesen Decathlon verbündet. Das Abkommen sieht vor, dass der Name Athleticum verschwindet und die ganze Kette unter dem Decathlon-Banner geführt wird.

«Lukrativer Markt»

Laut dem Marktforschungsinstitut GFK sind seit 2010 über 100 neue Händler in der Schweiz aufgetreten. Experten nennen mehrere Gründe für das Phänomen. «Für ausländische Händler und Marken ist der Einstieg in den Schweizer Markt zwar mit relativ hohen Hürden verbunden. Dennoch ist es für sie lukrativ, in die Schweiz zu kommen, weil sie mit höheren Margen rechnen können», sagt Thomas Hochreutener, Direktor Handel des Marktforschungsinstituts GFK Switzerland. Denn Schweizer Konsumenten haben eine hohe Kaufkraft. Eine Expansion in die Schweiz sei gerade dann interessant, wenn die Margen im Heimatmarkt schrumpfen, wie etwa in Deutschland.

Thomas Lang vom Beratungsunternehmen Carpathia ergänzt, dass die Schweiz auch wegen der guten Rahmenbedingungen ein interessanter Standort für Detailhändler sei. «Ich denke an die Zusammenarbeit mit Sozialpartnern wie den Gewerkschaften. In der Schweiz ist es eher ein Miteinander als ein Gegeneinander», sagt Lang. In Deutschland sei es beispielsweise sehr umständlich, auf Marktveränderungen reagieren zu können. Baue man Arbeitsplätze ab, so sei das kaum ohne «Terror» von den Gewerkschaften möglich.

«Stationäre Läden haben immer mehr eine Marketingfunktion.»Fredy Hasenmaile, Credit Suisse

Fredy Hasenmaile von der Credit Suisse weiss von mehreren Immobilienmaklern, dass zahlreiche internationale Detailhändler ein grosses Interesse haben, auf den Schweizer Markt zu kommen. Die Einstiegshürden seien sogar weniger hoch als vor ein paar Jahren. Das liege daran, dass die Detailhändler heute mit weniger Läden in einem Land einsteigen können. Habe man früher etwa 15 Läden in der Schweiz gebraucht, um bekannt zu werden, so reichten heute vier bis fünf sogenannte Flagshipstores.

«Die besten Standorte sind in dieser Reihenfolge Zürich, Genf, Bern, Basel und Lausanne», sagt er. Wenn ein Detailhändler einen gut funktionierenden Onlineladen habe, könne er die ganze Schweiz flächendeckend beliefern. «Die Rolle der stationären Läden ändert sich rasch. Sie haben immer mehr eine Marketingfunktion», sagt er. Ein gutes Beispiel ist der Apple Store. Der Laden ist ansprechend eingerichtet. Regelmässig gibt es Kundenbindungsevents, bei denen Erlebnisse geboten werden.

Der Schweizer Detailhandel befindet sich laut Hasenmaile in einer Übergangsphase: «Viele internationale Anbieter machen sich momentan fit für den Onlinehandel. Sobald diese Kanäle funktionieren, werden noch mehr internationale Händler in den Schweizer Markt eindringen.» Pro Land werde dann die Zahl der Filialen reduziert, prognostiziert Hasenmaile. Ungewiss ist dadurch vor allem die Zukunft vieler Schweizer Detailhändler.

Limitierte Wettbewerbschancen

Schweizer Labels haben im Wettbewerb mit finanzstarken Auslandsanbietern oft das Nachsehen. Der Heimatmarkt ist klein, die Kosten sind hoch. Eine Expansion, etwa ins Ausland, ist mit Risiken verbunden. Internationale Ketten dagegen können ihre Kosten auf einen viel grösseren Markt überwälzen. Laut GFK mussten in der Schweiz zwischen 2010 und 2016 über 5000 Geschäfte schliessen. Thomas Hochreutener erklärt: «Die Gründe dafür liegen in der starken Marktsättigung und in der massiven Zunahme der Onlineeinkäufe. Die Entwicklung der Ladenschliessungen wird sich rasch und massiv fortsetzen.»

Aktuelle Beispiele gibt es deren viele: Der Mediendiscounter Ex Libris schliesst 43 der insgesamt 57 Filialen, Schild und Herren Globus verschwinden komplett vom Markt und werden unter der Marke Globus weitergeführt. Charles Vögele ist bereits verschwunden.

Nur wer sich rasch fit macht für den Onlinehandel, kann sich im Markt behaupten. Sonst nehmen noch mehr Auslandsketten ihren Platz auf dem Schweizer Markt ein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2018, 21:47 Uhr

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