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Steigende Nervosität bei der Führung Chinas

Diese Woche tagt in China wieder der Volkskongress. Die überraschende Zinssenkung der chinesischen Notenbank am Wochenende zeigt vorab, wie delikat die Aufgabe der Führung ist, die Wirtschaft neu auszurichten.

Die heikle Anpassung der Wirtschaft wird ein zentrales Thema des am Donnerstag beginnenden Volkskongresses der Kommunistischen Partei Chinas sein. Im Bild die Grosse Halle des Volkes, in der der Kongress jeweils stattfindet.
Die heikle Anpassung der Wirtschaft wird ein zentrales Thema des am Donnerstag beginnenden Volkskongresses der Kommunistischen Partei Chinas sein. Im Bild die Grosse Halle des Volkes, in der der Kongress jeweils stattfindet.
Keystone

Am Wochenende hat die chinesische Notenbank (Peoples Bank of China, PBOC) überraschend ihren wichtigsten Leitzins (die Rate für Ausleihungen von einem Jahr) um 0,25 Prozent auf 5,35 Prozent gesenkt. Seit dem vergangenen November ist das bereits die dritte geldpolitische Lockerung durch das Institut.

Diese plötzliche Hektik ist kein gutes Zeichen. Sie zeigt, dass die Angst vor einer Deflation auch China immer mehr erfasst und der Einbruch des Wachstums aus dem Ruder läuft. Chinas Wirtschaft befindet sich in einem von der Politik angestrebten heiklen Anpassungsprozess, der zu tieferen Wachstumsraten führt, aber eine nachhaltige Entwicklung sichern soll. Dieser Prozess ist auch Thema des Volkskongresses – des obersten Organs Chinas –, der am kommenden Donnerstag in der Grossen Halle des Volkes in Peking tagen soll.

Deflationsangst auch in China

Mit einem durch eine zu geringe Nachfrage ausgelösten schrumpfenden Preisniveau kämpfen bereits die Notenbanken Japans und der Eurozone, und selbst beim Fed sorgt der Umstand für eine gewisse Unruhe, dass die Inflationswerte noch immer deutlich unter dem von der Notenbank angestrebten Zielwert von 2 Prozent liegen.

Das Wachstum des Konsumentenpreisindex im Januar lag mit 0,8 Prozent auf einem Fünfjahrestiefststand. Die Produzentenpreise fallen bereits seit drei Jahren. Die chinesische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr noch um 7,4 Prozent gewachsen, so wenig wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Der offizielle Index der Einkaufsmanager (PMI) für den Februar, der auf Umfragen bei den Grosseinkäufern beruht, verweist mit einem am Sonntag publizierten Wert von 49,9 Punkten (wie bei jedem Wert unter 50) auf abnehmende Aktivität beim verarbeitenden Gewerbe. Immerhin hat der Index seit der letzten Messung mit 0,1 Punkten leicht zugelegt. Der inoffiziell gemessene Index der Grossbank HSBC liegt nach einer ersten Schätzung mit 50,1 Prozent wieder leicht über der Wachstumsschwelle, nach einem Wert von 49,7 Punkten im Januar.

Tiefere Wachstumsraten als Ziel

Tiefere Wachstumsraten als in der jüngsten Vergangenheit, als sie mehr als 10 Prozent betragen haben, sind ganz im Interesse der chinesischen Staatsführung. Für das vergangene Jahr lag das angestrebte Wachstum bei 7,5 Prozent, das nur um 0,1 Prozent unterschritten wurde. Beobachter rechnen damit, dass die chinesische Führung im Rahmen des Volkskongresses für das laufende Jahr der Wirtschaft ein Zielwachstum von 7 Prozent vorgibt. Das Wachstum der jüngsten Vergangenheit verdankt sich hauptsächlich massiven Investitionen mit einem wachsenden Anteil an Fehlinvestitionen in dem Sinn, dass ihre Renditen die Kosten nicht aufwiegen. Die Folge ist eine massive Verschuldung vor allem der Unternehmen inklusive des Finanzsektors. Laut einer Studie von McKinsey beläuft sie sich auf 190 Prozent gemessen am chinesischen Bruttoinlandprodukt (BIP).

Ein nachhaltiges Wachstum kann das Land nur mit einem geringeren Investitions- und einem höheren Konsumanteil erreichen. Die Konsumausgaben machen nur gerade 35 Prozent des BIP aus. Ein Grund dafür lag in einer gezielten Politik der Regierung, die die Einkommen auf Arbeit und Kapital tief gehalten hat, um so die massiven Investitionen zu subventionieren. Weil damit die inländische Nachfrage für den Wirtschaftsausstoss Chinas trotz des gewaltigen Infrastrukturbedarfs zu gering blieb, war China auf Aussenhandelsüberschüsse angewiesen. Diese Wirtschaftsstruktur will die chinesische Regierung nun ändern und den Anteil des Konsums deutlich steigern. Gelingt dies, schlagen sich tiefere Wachstumsraten der Gesamtwirtschaft nicht unbedingt in einer geringeren Zunahme der verfügbaren Einkommen in der breiten Bevölkerung nieder.

Nicht zu viel, nicht zu wenig

Die Herausforderung besteht aber darin, dass dieser Normalisierungsprozess nicht aus dem Ruder läuft. Die hohe bestehende Verschuldung in Verbindung mit Deflation (die die Kosten der Verschuldung erhöht) kann rasch in eine Abwärtsspirale münden, mit einem scharfen Absturz der Wirtschaft. Umgekehrt können Massnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft, wie jetzt durch eine geldpolitische Lockerung, zu weiteren Fehlinvestitionen und einer noch höheren Verschuldung führen. Selbst wenn China dann wieder höhere Wachstumsraten ausweisen würde, wären die Risiken eines Absturzes umso grösser, wie auch die Schwierigkeit, die notwendige Anpassung der Wirtschaftsstrukturen vorzunehmen.

Ein Einbruch der chinesischen Wirtschaft hätte auch drastische Konsequenzen für die Weltwirtschaft. Viele Länder sind direkt von der chinesischen Nachfrage abhängig, was ganz besonders für Rohstoffe gilt. Deren Preise würden zum Leidwesen vor allem vieler aufstrebender Volkswirtschaften drastisch fallen.

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